Von Thorsten Wittwer

Buchhinweis: Graubuch Anthroposophische Gesellschaft

Egal ob man innerhalb oder außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft steht: um sich ein Urteil über den eingeschlagenen Weg dieser Gesellschaft zu bilden, bietet einem das Graubuch eine Vielzahl beachtenswerter Phänomene. Es ist sogar ganz wichtig, die in diesem Buch gegebenen Inhalte mit den offiziellen Verlautbarungen der „Tätig-sein-Wollenden“ Anthroposophen in einen Zusammenhang zu bringen, um der Wirklichkeit, wie es um diese Gesellschaft steht, näherzukommen. Ausschnittsweise möchte ich einige Punkte des Buchs vorstellen, die einen dazu führen könnten, nach dem ganzen Buch zu greifen.

Ab 1991 begann Willy Lochmann Schriften zu veröffentlichen, die sich u.a. mit Fragen zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) beschäftigen. Die 2-monatlich erscheinenden „Symptomatologischen Illustrationen“ werden seit dem Jahr 1998 herausgegeben. In diesem Verlagsrundbrief werden Phänomene der Kulturwelt, der Zeitgeschichte, der Weltpolitik und Umtriebe innerhalb der AAG beleuchtet. Diese Schriften werden unter Anthroposophen jedoch allgemein wenig bekannt sein. Inseratsanzeigen aus dem Buchangebot des Lochmann (Moskau-Basel) Verlags werden in offiziellen anthroposophischen Presseorganen boykottiert. So ist z.B. der Verlag Freies Geistesleben seit 1998 nicht bereit, Anzeigen für Bücher abzudrucken. In einem Brief des Verlagsleiters Andreas Neider, vom 22.4.1998, heißt es zur Begründung: „Die Inhalte ihres Buchprogrammes widersprechen den von unseren Zeitschriften vertretenen anthroposophischen Gedanken grundlegend“ (S. 31, Graubuch). Und nach einer mündlichen Aussage desselben hieß es, dass Schriften, die sich „zu sehr“ an Rudolf Steiner orientieren, in diesem Verlag unerwünscht seien (S. 149). Im Lochmann Verlag erschienen Schriften von Gennadij Bondarew und Irina Gordienko. In einer damals in Russland gratis verteilten Kampfschrift gegen die beiden Autoren, wurde der Lochmann Verlag als Beispiel für die schwarze Magie des Journalismus angeführt. Auch in der Gegenwart erscheint der Verlag nicht ‚etabliert‘ – in einem Schreiben von Bodo v. Plato, Herausgeber des Wochenblattes „Das Goetheanum“, vom 21.7.2011 erwähnt dieser, warum die Neuauflage „Brüder des Schattens“ von Heinz Pfeifer kein Inserat bekommt: „Der Grund, warum wir keine Anzeigen Ihres Verlages in die Wochenschrift aufnehmen möchten, liegt nicht an der Aussage einzelner anzuzeigender Werke, sondern an der Orientierung Ihres Verlages und der Orientierung  der Wochenschrift, die u.E. nicht zueinander passen“ (S. 225). Dieses Urteil eines aktuellen Vorstandsmitglieds in der Weltgesellschaft ist ‚verständlich‘, wenn man die ausgewählten Beiträge zur Lage in der AAG aus über 14 Jahren Verlagsrundbrief, in dem vorliegenden Buch, durchgearbeitet hat. Die Schlüsselfrage, die in den Beiträgen bei der Beurteilung der Repräsentanten der AAG angelegt wird, ist: Sind diese fähig, die Anthroposophie Rudolf Steiners vor der Welt würdig zu vertreten? Die Dinge, die in diesem Buch erwähnt werden, sind – wie Lochmann richtig bezeichnet – „nicht belanglos, sondern eher einschneidend“ (S. 9). Alleine der Umstand, wie im Verlagsrundbrief auf die Phänomene der Weltpolitik hingewiesen wird, dürfte für viele unverständlich oder ein Dorn im Auge sein.

Im Jahr 1925 war es Roman Boos, der mit Karl Keller eine internationale Pressekorrespondenz („Phänomene und Symptome“) herausgeben wollte. Aber „ein usurpiertes Veto von Dr. Wachsmuth gegen das Herr Steffen uns in Schutz zu nehmen unterliess“ (S. 121) verhinderte letztlich ein regelmäßiges Erscheinen. Über die Absichten und Ziele, die sie sich gesetzt hatten, die vom damaligen Vorstand nicht gefördert wurden, sprach sich Boos folgendermaßen aus: „Jener Plan, … war von Keller und mir lange und gründlich besprochen worden. Die objektive Haupt-Überlegung knüpfte an jenen Plan Dr. Steiners an, im Jahre 1917 in Zürich ein Büro einzurichten, um die Zeitungen mit den Informationen zu versehen, die notwendig gewesen wären, damit die Lügenflut nicht zu der Höhe anschwelle, auf der dann die Versailler Katastrophe geschah. Diese Sache war bekanntlich durch Ludendorff zertrampelt worden. Da mir im Jahr 1925 viel wichtiges Informationsmaterial zugänglich war, das kaum je in die Öffentlichkeit kam, hielt ich mich für verpflichtet, in dieser absolut objektiv-geistigen, Wahrheit vermittelnden Weise der Öffentlichkeit zu dienen. Durch eine solche ständige, tendenz- und politikfreie Information wäre viel Gutes geschehen …“ (S. 122). In der Beitragsreihe „Anthro-Politische Urphänomene“ im Graubuch wird auf einen folgenschweren Umstand hingewiesen, der die Stellung des Anthroposophen gegenüber dem Mitverfolgen der Vorgänge in der Welt wie auch in der AAG entscheidend beeinflusst: „Ein Phänomen hat die anthroposophische Nomenklatur seit dem Tod Rudolf Steiners schon immer gekennzeichnet. Sie war immer darum bemüht, Rudolf Steiners Aussagen zu den Zeitphänomenen systematisch totzuschweigen. Diese stellen für sie einen »unerträglichen Rudolf Steiner« dar. Dabei handelt es sich um Hunderte von Vorträgen, die Rudolf Steiner zwischen 1916 und Anfang der 1920er Jahre gehalten hat. Die meisten sind entsprechend in der Gesamtausgabe zwischen den GA-Ausgaben 160 und 220 erschienen. Es handelt sich aber keineswegs nur um »politische« Vorträge, sondern um höchst anspruchsvolle geisteswissenschaftliche Vorträge, worin die urphänomenalen Hintergründe des sozial- und kultur-politischen Geschehens in der jüngeren Geschichte charakterisiert sind“ (S. 97). Empfehlenswert ist es, sich sogleich die Worte von Manfred Schmidt (Brabant), einem ehemaligem Vorsitzenden der Weltgesellschaft, zu vergegenwärtigen, die auf S. 118-119 abgedruckt sind. Diese Aufzeichnungen stammen aus dem Nachlass eines unzufriedenen Zweigleiters. Dass die AAG mindestens eine Zwei-Klassengesellschaft ist, die einen werden in der Orientierungslosigkeit gegenüber der Weltlage bewusst gehalten, die anderen aufgeklärt, wird daraus ersichtlich. Die (inoffiziellen) Mitschriften der Rede, bei der Manfred Schmidt auf das Logenwirken eingeht, stammen von der Zweigleitertagung 1986.

Um das Nichtinteresse und das Nichtwissen zu züchten gibt es verschiedene Möglichkeiten. Verfolgt man die Aussagen namhafter Repräsentanten und Funktionäre in der AAG, dann ergibt sich allmählich das Bild, dass die Opposition gegenüber der Anthroposophie Rudolf Steiners ‚heimisch‘ geworden ist in der AAG. Und man muss die Frage stellen: Wem dient diese innere Aushöhlung? Vor allem unter Berücksichtigung der Warnung Rudolf Steiners, dass von gewissen Kräften versucht wird, die AAG und die Gesellschaft für religiöse Erneuerung mit Stumpf und Stiel auszurotten (S. 99). Ein Beispiel für das Bestreben Rudolf Steiners Impuls unwirksam zu machen, kann man in folgender Meinung von Martin Barkhoff, langjähriger Redakteur der Wochenschrift „Das Goetheanum“, sehen: „ … wie sehr hängt die Anthroposophenseele an den Werken, an den materiellen Errungenschaften; besonders wenn es sich um Rudolf Steiners Leistungen in der Werkwelt handelt. Bei seinen Werken, bei seinen Werk-Leistungen darf man so richtig mit aller religiösen Inbrunst Materialist sein. Lieber sprechen viele vom Werk Rudolf Steiners statt von seinem Wesen. Wie oft wird sein Werk von einer Stufe, die man übersteigt, um zu seinem Wesen aufzusteigen, zu etwas anderem: einem Wall, der uns von seinem Wesen trennt. Jeder aufmerksame Anthroposoph spürt, dass die Werke Rudolf Steiners von den Alterungskräften ergriffen werden, die alles materielle Dasein aufnehmen und auflösen. Die langbewahrte, unmittelbare Magie der Werke schwindet. Das macht unseren Seelen, wenn sie zu sehr am Werke hängen, begreiflicherweise Angst, grosse Angst. Wer sich stark mit dem Werk Rudolf Steiners identifiziert, der erlebt, wie er selber, wie seine Identität verwittert“ (S. 111). Dies die Ansicht des ‚wesenserlebenden Stufenanthroposophen‘. Lochmann kommentiert dies: „Und ähnlich wie die Deutschen von Deutschen umerzogen werden, so werden die Anthroposophen von »Anthroposophen«  »geisteswissenschaftlich«  und sozial-politisch umerzogen“ (S. 112).

Ein anderes Beispiel betrifft Rudi Lissaus Äußerungen über Rudolf Steiners Fähigkeiten, die okkulten Hintergründe der Weltpolitik darzulegen. Lissaus diffamierende Worte werden nicht nur kommentarlos in „Das Goetheanum“ (Nr. 11/1992) abgedruckt, sondern wurden als Vorwort in die englischsprachige Buchausgabe von Rudolf Steiners Zeitgeschichtlichen Betrachtungen (aktuell GA 173 a-c) in dem Band „Das Karma der Unwahrhaftigkeit“ aufgenommen. Bezeichnenderweise will Lissau die Leser gerade dieses Bandes vor ‚Missverständnissen‘ schützen, er schreibt: „Ich sprach meine Überzeugung aus, dass diese Vorträge einer sorgfältigen Einleitung bedürften… Sonst könnten [sie] den englischsprechenden Leser in Verwirrung bringen“ (S. 27-28). Diese ‚Verwirrung‘ bedeutet in diesem Fall das Sich-Bekanntmachen mit Wahrheiten, die einen erst zu einem gesunden sozial-politischen Urteil führen können. Weiter ‚erklärt‘ Lissau: „Wir können diese und ähnliche Schwächen in Rudolf Steiners Darstellungen nur verstehen, wenn wir das Phänomen Steiner mit Ehrfurcht, Liebe und Ehrlichkeit betrachten. Immer wieder macht er uns klar, dass nicht jedes Wort, das er ausspricht, aus seiner geistigen Forschung stammt. Auch er war ein Produkt seiner Zeit. Manches kommt von seiner Erziehung, von den Menschen, denen er begegnete, von den Büchern und Zeitschriften, die er las. Es ist zweifelhaft, ob er über Sir Edward Grey gesprochen hätte, wie er es tat, wenn er Gelegenheit gehabt hätte, das Karma dieser tragischen Persönlichkeit zu studieren“ (S. 28). Mit diesem Logengeschwätz durfte sich Herr Lissau bis in die Werkwelt hinein etablieren. Solche Relativierungen, die auf das Eliminieren der Anthroposophie hinzielen, wären vor Jahrzehnten, in dieser Deutlichkeit noch undenkbar gewesen. Doch die damaligen Haltungen begünstigten den Fortschritt des Verfalls. Z.B. hatte Herbert Hillringhaus die Jahrgänge 1939-1945 der Wochenschrift „Das Goetheanum“ durchgesehen und musste feststellen, dass nicht mit einem Wort auf die Weltkriegskatastrophe hingewiesen wurde (S. 212). In diesem Zusammenhang kann auch der Spezialist Bodo v. Plato erwähnt werden, der ganz offen seine Mission darin sieht, an der Überwindung von Rudolf Steiner und der Anthroposophie zu arbeiten. In einem öffentlichen Brief sprach er sich u.a. wie folgt aus: „Urteile im Hinblick auf den ersten Weltkrieg müssen heute neu gesehen werden, beispielsweise Markus Osterrieder arbeitet gegenwärtig an einer entsprechenden wissenschaftlichen Studie im Auftrag der deutschen Landesgesellschaft“ (S. 213). Dazu der Kommentar von Lochmann: „Nach vertraulichen Informationen konnte Markus Osterrieder die von Bodo von Plato erhofften Ergebnisse nicht liefern, sondern kam zum Schluss, dass die Aussagen Rudolf Steiners nach wie vor Gültigkeit besassen! Das macht auch verständlich, dass Bodo von Plato über diese Untersuchung nie mehr berichtet hat“ (Ebd.).

Ein anderes Problem stellt die Edition der Texte und Vorträge Steiners dar. Nicht nur in der jüngeren Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit traten Fälle von ‚Bearbeitungen‘ der Texte und Vorträge auf. Mehr oder weniger bekannte Schriften machen auf den Umstand aufmerksam, der vielen nicht klar sein dürfte. Das geht so weit, nicht nur an der Sprache zu ‚feilen‘, es werden auch Inhalte verändert. Dies kann einem z.B. bei der GA 115 „Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie“ von 1931 im Gegensatz zu der 2. Auflage von 1965 auffallen. Ein besonders schwerwiegendes Beispiel ist die Übersetzung von 1947 des Zyklus „Von Jesus zu Christus“ (GA 131) ins Französische. Die Übersetzerin strich alle Erwähnungen des Jesuitismus heraus, obwohl Rudolf Steiner gerade dies in den Vordergrund der ersten beiden Vorträge stellte (S. 238 ff.). Auf diesen wie auf anderen Gebieten zeigt sich, welche Gefahr von persönlichen Aspirationen ausgeht, die in die AAG Einzug halten. Über einen Auftritt von Walter Kugler, der über Jahrzehnte im Nachlassverein tätig war bis 2012, berichtet Lochmann: „Ich erinnere mich beispielsweise an ein Urphänomenales Erlebnis mit ihm: an einer Buchhändlertagung der 1990er-Jahre am Goetheanum ergriff er das Wort, um den Versammelten allen Ernstes zu verkünden, dass wir nun die »Wandtafelzeichnungen« Rudolf Steiners hätten und deshalb auf seine Schriften verzichten könnten!“ (S. 241).

Alle diese Umtriebe werden begünstigt durch die Mitglieder der AAG. Deren Haltung bestimmt, was in dieser Gesellschaft möglich ist oder nicht. In dem Buch finden sich eine Reihe von Phänomenen zu den beobachteten Gewohnheiten, Neigungen und Sehnsüchten der Mitglieder. Man kann vielleicht sagen, dass die Erlebnisse mit Mitgliedern, die den mystischen Seufzer suchen, sich urphänomenal in folgender Begebenheit ausdrücken: „Der Schreibende erlebte einmal einen Zweigleiter, der sich vielsagend vor seine hypnotisiert-narkotisierte »Gemeinde« stellte, um ihr zu verkünden: »Die MICHAELITEN, liebe Freunde, das sind WIR!« Die bei vielen potentiellen Geistsuchern latent vorhandene Sehnsucht nach dem Geistigen wird vom »anthroposophischen Politbüro« hemmungslos ausgenutzt“ (S. 202).

Das »anthroposophische Politbüro« tagt aber offenbar geheim. Der esoterische Jugendkreis, über den offiziell nicht viel berichtet wird, über den aber immer wieder in den „Symptomatologischen Illustrationen“ Beiträge erschienen, scheint die eigentliche Lenkung der AAG zu bestimmen. Personelle und ideologische Weichenstellungen werden von der Führung innerhalb dieses Kreises festgelegt. Besonders Relevantes dazu findet sich auf den Seiten 249 ff. Ich möchte hier nur folgende Auszüge wiedergeben, die von Claus Kohr aus Karlsruhe, vertreten in einem öffentlichen Brief vom 2.1.2003, stammen: „Der Jugendkreis ist eine okkulte Vereinigung innerhalb unserer anthroposophischen Zusammenhänge, die aus der Zeit vor der Weihnachtstagung 1923/24 stammt… Wenn man die Weihnachtstagung studiert, so spricht sich R. Steiner ja deutlich gegen das Weiterleben okkulter Kreise aus, und vor diesem Hintergrund macht der Jugendkreis keine Ausnahme. Eine okkulte Vereinigung bleibt okkult, weil sie äusserlich nicht in Erscheinung tritt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie eben nicht durch Aktenvermerke ihre Mitglieder sichtbar macht. Aber genau dieses nach aussen nicht sichtbar werden ist es, was Rudolf Steiner für die Zeit nach der Weihnachtstagung nicht mehr wollte… Innerhalb der Zweig- und Gruppenleitertagung ist einmal öffentlich bekannt geworden, dass wohl ein grosser Kreis von Persönlichkeiten innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft dem Jugendkreis angehört… Die Betroffenen mögen bitte darstellen, wie sie die Mitgliedschaft im Jugendkreis vereinbaren mit dem §4 der Prinzipien, in welchem sich die Anthroposophische Gesellschaft gegenüber Geheimgesellschaften abgrenzt“ (S. 94-95). Dieser Jugendkreis (der Name rührt daher, dass die Ursprungsmitglieder von 1922 alle sehr jung waren) dürfte damals der Keil gewesen sein, der in die AAG einfuhr, damit sich Strukturen ausbilden konnten, die im Sinne der Gegnerschaft der Anthroposophie gehalten sind. Gegnerische Strömungen können sich nun mit ‚anthroposophischem Gewand‘ innerhalb der AAG entfalten. So wurde – besser als jede äußere Gegnerschaft – den Anthroposophen die ‚Aufgabe‘ übergeben, die Anthroposophie ihrer irdischen Wirksamkeit zu berauben. „Und vergessen wir nicht die Voraussage Rudolf Steiners, dass am Ende des [letzten] Jahrhunderts, die Gegner im Goetheanum sitzen werden“ (S. 255).

Bedeutende Schritte der Gegnerschaft wurden in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts vollzogen, die man nicht anders bezeichnen kann, als den Ausdruck des Willens, die Anthroposophie „mit Stumpf und Stiel“ auszurotten. Durch die ‚Urnenproblemgenies‘ konnte die Möglichkeit herbei geführt werden, dass Goetheanum u.a. von Rudolf Steiner zu ‚befreien‘, indem man die Asche der Urnen, die im Goetheanum aufbewahrt wurden, (angeblich) der ‚Erde übergab‘. Dadurch erst konnte der Saalumbau, „Der Tod des Goetheanums“ (Bondarew) in Angriff genommen werden, eine Tatsache, die der Projektleiter der Bauausführungen, Hans Hasler, selbst bestätigte: „Im Sommer und Herbst 1992 war aber gerade das Saalprojekt an einer Klippe hängengeblieben und kam nicht mehr weiter. Es war in einer Sackgasse. Auch andere Veränderungen im Hause waren schwierig. Ende November 1992 gelang mit einem bestimmten Vorschlag (?) der Durchbruch sowohl für die Planung des Saales als auch anderes. Dem war wenige Wochen davor ein Ereignis vorausgegangen, das in einer kaum wahrnehmbaren aber entscheidenden Weise die elementarische Atmosphäre des Goetheanums verändert hatte: die Asche von Rudolf Steiner wurde im Urnenhain der Erde übergeben, die letzten Urnen waren aus dem Goetheanum heraus. Seither gingen Veränderungsprozesse im Goetheanum freier und geradliniger vorwärts. Einer davon ist der Grosse Saal“ (S. 69). Ein Jahr darauf, 1993, ertönten bei der siebenjährlich stattfindenden Michaeli-Konferenz, zu der keine ‚einfachen Mitglieder‘ eingeladen werden, folgende Weisungen bzw. Slogans, die von Berichterstattenden den Zweigen mitgeteilt wurden: „Wir sind die Kulmination… Es müssen neue Lösungen gefunden werden für die anstehenden Probleme. Wir haben einen neuen Stil gefunden. Beispiel: die Beisetzung der Urnen… Zusammenhang von Biographie und Initiative… Wir müssen uns als Elite ausbilden im Dienste der anderen… Hochschule und Vorstand müssen zusammenwachsen… Spiritualisierung der Zweige… Es entstand [an dieser Konferenz] ein Erlebnis des WIR als Basisträgertum, als Ritterschaft der Frontkämpfer des Geistes… Zusammenschluss mit verwandten Strömungen: Rosenkreuzer, Freimaurer, Manu-Strömung… Die Anthroposophie muss durch die Ichlosigkeit gehen [[]“ (S. 15-16).

Der Beitrag „Das Goetheanum auf dem Dornacher Bluthügel“ sollte eigentlich in dem 2006 erschienenen Buch „Orte des Grauens in der Schweiz“ veröffentlicht werden, wurde aber dann vom Lektorat abgelehnt. Eine Stelle daraus: „Am 2. Oktober 1912 übernachtete Rudolf Steiner erstmals auf dem späteren Goetheanum-Gelände, in Dr. Grossheintz’ Landhaus in Dornach. Am nächsten Morgen soll er wie zerstört aus seinem Zimmer getreten sein und es schien klar, dass er Schweres in dieser Nacht erlebt hatte. Er meinte, er fühle sich »wie zerhacktes Fleisch«. Der bedeutendste Eingeweihte unserer Epoche scheint in jener Nacht die künftigen Ereignisse auf dem Dornacher »Bluthügel« vorauserlebt zu haben. Doch dessen ungeachtet liess er seinen Bau in Dornach erstellen und nicht wie ursprünglich geplant in München“ (S. 170).

Durch das Nichtergreifen der eigentlichen anthroposophischen Inhalte konnten allerlei Ideologien und Illusionen in die AAG einziehen. Das war schon zu Lebzeiten Rudolf Steiners der Fall. Herbert Hahn, ein anthroposophischer Pionier, berichtet in seinen Lebenserinnerungen: „In den ersten Jahren seiner öffentlichen Wirksamkeit geschah es nicht selten, dass anscheinend wohlmeinende Freunde zu ihm kamen und mit Genugtuung, ja voll Feuereifer erzählten, sie hätten da oder dort »auch eine hellseherische Persönlichkeit« entdeckt. Sie brannten nur darauf, die betreffenden Menschen Rudolf Steiner vorzustellen. Sie waren dann meist sehr enttäuscht, wie er gegenüber solchen Entdeckungen und Anpreisungen ganz kühl blieb. Es war ihm selbstverständlich bekannt, dass überall Reste eines – wie er es nannte – atavistischen Hellsehens vorhanden sind. Aber er betrachtete solche Reste als etwas Veraltetes, Abklingendes – als eine Fähigkeit, die gegenüber dem tagwachen Denken des neuzeitlichen Menschen minderwertig, inferior ist. Immer wieder musste er betonen, dass »Offenbarungen«, die aus solchen Quellen stammen, und die fast notwendigerweise, mit schwachem, getrübtem Denken und schwankender Moralität verbunden sind, in der abendländischen Welt nur Unheil anrichten können. Es ging ihm nicht um allerhand Hellsehereien, sondern um einen ernsten, schweren und verpflichtenden Erkenntnisweg“ (S. 200). ‚Selbstverständlich‘ tauchten innerhalb der AAG immer wieder ‚neue Eingeweihte‘ oder ‚wiederverkörperte Rudolf Steiners‘ auf. Und scheinbar brauchte es ‚handfestere Beweise‘ zur Anerkennung der geistigen Welt. Einen Höhepunkt solchen Unfugs stellt das Erscheinen Judith von Halles dar.

 

Thorsten Wittwer, August 2013

 

Graubuch

Anthroposophische Gesellschaft

Wie stehen die Anthroposophische Gesellschaft und ihre Repräsentanten zu Rudolf Steiner und zu seiner Anthroposophie?

2013, 280 Seiten, CHF 38 / € 29, ISBN 978-3-906712-45-1

Auslieferung:

Lochmann-Verlag, Postfach 58, CH-4009 Basel

Tel. 0041.61.3015418, Fax 3013477, Email: info@lochmann-verlag.com

 



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