Yoga III

von Rolf Deiß

Viele Jahre war ich als Leiter des Martinsmarktes zusammen mit Eltern an unserer Schule tätig. Häufig mussten wir schon in der Planung, oft aber auch während der Durchführung des Marktes, Werbung für Yoga abwehren. Dabei stießen wir regelmäßig auf das völlige Unverständnis jener Menschen, die uns dann vorwarfen „versteinert“ zu sein, soll wohl heißen rückständig und unmodern.

Natürlich weiß ich, dass Yoga inzwischen seinen Siegeszug um die ganze Welt gehalten hat. Wird Yoga nur als ein Weg zu körperlicher Ertüchtigung gesehen? Bei einigen sicherlich. Wenn man jedoch genauer hinschaut oder hinhört, kann man erfahren, dass da noch mehr dahinter steckt. Zunächst waren es geistig suchende Menschen, welche in östlichem Raum bei Gurus eine sog. Erleuchtung erhofften und die Yogapraktiken in den  Westen brachten. Zuerst wurden diese Menschen belächelt und zogen sich freiwillig in ihre Nische zurück. Im Zuge der Esoterikwelle wurde Yoga wieder nach oben geschwemmt und trat seinen weltweiten Siegeszug an. Von diesen Gesichtspunkten aus kann man die Entwicklung des Yogas in den letzten Jahrzehnten betrachten.

Schon in der sog. Esoterikwelle zeigt sich das Suchen der Menschen nach dem Geistigen. Die alten Kirchen haben inzwischen ihren Bonus verspielt und können die Sehnsucht der Menschen nach dem Geistigen nicht mehr erfüllen. Das spüren ganz besonders auch junge Menschen. Leider finden nur sehr wenig junge Leute den Weg zur Anthroposophie, denn hier fänden sie die Antworten auf all ihre Fragen. Ist das in jedem Fall so? Kommen manche selbsternannte Anthroposophen in jedem Fall ohne Yoga aus? Nein, wie das Beispiel von Sebastian Gronbach zeigt, welcher gerade Kurse und Vorträge für junge Menschen hält, der sog. anthroposophische Bücher publiziert und auch für die sog. anthroposophische Zeitschrift  Info 3  schreibt und sich selbst einen spirituellen Dienstleister nennt. In einem Film mit dem Titel „Steiners Anthroposophie heute“ bei „MYSTICA.tv“ („Das Werbeportal über Spiritualität, Wissenschaft und Lebenskunst“ wie sie sich selbst nennen) bekennt er sich eindeutig zu den Yogapraktiken.

Natürlich stellt sich nun sofort die Frage, was ist Spiritualität und was verstehen manche Menschen darunter? Ist es so, dass - wenn sich ein solcher Mensch als spirituellen Dienstleister bezeichnet -  in diesen Dienstleistungen auch automatisch Anthroposophie drinnen ist? Kann es nicht sein, dass in dieser Spiritualität alle möglichen Kräfte aus der vielfältigen „Esoszene“ wirken? Die nächste wichtige Frage betrifft den Titel dieses Filmes „Steiners Anthroposophie heute“: Was will Sebastian Gronbach an der großartigen Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ändern, damit sie scheinbar in die heutige Zeit passt? Werden nicht damit wieder nebulose Grauzonen geschaffen, denn Rudolf Steiner spricht ja auch von Spiritualität und Esoterik?

Das sind sehr viele Fragen, die ich nicht in letzter Konsequenz beantworten möchte und auch nicht kann. Was ich aber genau weiß: wenn ich von Anthroposophie reden will, muss ich mich an Rudolf Steiner halten  und nicht den Anschein erwecken, da er bereits seit über 100 Jahre tot ist würde er die Anthroposophie heute ganz anders vermitteln. Diese Aussage würde ich als Größenwahnsinn bezeichnen. Verstehen Sie mich nicht falsch, dieser Ansicht kann man ja sein und muss die Verantwortung dafür tragen, man sollte dann aber das Wort Anthroposophie nicht mehr in den Mund nehmen und nicht unter dem Deckmantel der Anthroposophie die eigenen Inhalte vertreten. Geschieht das jedoch nicht, entstehen Halbwahrheiten und Lügen, welche die Verwässerung der Anthroposophie zu Folge haben. Dass dies allenthalben geschieht ist der Grund, warum ich dies hier  schreibe. Wer hierin sein Erkenntnisvermögen und seine Sinne schärft, kann dies gerade auch in anthroposophischen Einrichtungen erleben. Oft steht kein böser Wille dahinter, sondern mangelnde Wachheit der Mitarbeiter in diesen Einrichtungen.

In Rudolf Steiners Werk findet man an vielen Stellen Aussagen über Yoga. Sicherlich habe ich noch nicht alle gelesen, aber in allen mir bekannten Stellen spricht er davon, dass Yoga in den östlichen Kulturkreisen wohl seine Berechtigung habe, für den westlichen Menschen nicht mehr passend ist, ja sogar seine schädliche Wirkung für Geist, Seele und Körper entfaltet.  Jetzt könnte man sagen, dass jeder seines Glückes Schmied ist und dass mich das gar nichts angehe.

Als Waldorfpädagoge werde ich dann aber hellhörig, wenn man schon elfjährige Kinder an die Yogapraktiken heranführt. In der Erziehungskunst  vom Mai 2013 kann man einen Artikel von Florian Heinzmann lesen, der neben seiner Arbeit als Oberstufenlehrer auch noch als Meditationslehrer in der Michael-Bauerschule in Stuttgart arbeitet. Er sang währen der Indischen Kulturepoche einer fünften Klasse mit den Schülern verschiedene indische Mantren. Die Schüler saßen dabei in der typischen Yogahaltung auf den Tischen. In dem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass die Schüler beim Singen ihre Hände spontan auf die Mitte der Brust hielten. Man kann lesen: „ … Hier befindet sich den Yogalehren zufolge, das sogenannte „Anahata-Chakra, das Energiezentrum des Herzens, von dem auch Rudolf Steiner in seinen Grundwerken spricht. Laut Steiner ist es dem Menschen möglich, durch Meditation diese Energiezentren fühlbar und erlebbar zu machen.“ Dies ist so eine Stelle, die dem unbefangenen Leser suggerieren soll, dass ja Rudolf Steiner dies auch vertreten habe. Wer jedoch weiß, und das könnte ein Herr Heinzmann als Waldorflehrer auch wissen, dass Rudolf Steiner ein christlicher Eingeweihter war und dass er ganz sicher als Meditation keine Indischen Mantren empfohlen hat, sondern christliche Meditationstexte, der bedient die schon oben besprochenen Grauzonen oder gar die Lüge. So werden die Dinge zurechtgebogen, wie es einem gerade passt! Mindestens genau so schlimm sehe ich die Tatsache, dass eine ganze Waldorfklasse mit den Erlebnissen in ihren kindlichen Seelen auf den Weg der für das Christentum überholten Meditationen und Techniken geführt wird! Welch große Verantwortung solche Menschen doch auf sich nehmen, wenn sie sich nicht, wie sonst üblich, an Erwachsenen vergreifen, sondern an den noch für alles offene Kinder.

Natürlich wird man als Klassenlehrer einer fünften Klasse dafür sorgen, dass die Kinder während solcher Epochen Texte aus den überlieferten Schriften kennenlernen und auch sprechen. Das ist jedoch kein Meditieren, wie es in der oben beschriebenen Klasse über Tage hinweg getrieben wurde. Im „Rhythmischen Teil“ in einer Waldorfklasse werden auch täglich ausgesuchte Texte rezitiert. Auch da hat der Waldorflehrer eine große Verantwortung, welche Sprüche und Gedichte er mit den Kindern spricht, man würde aber nie auf die Idee kommen mit den Kindern zu meditieren. Über die Versmaße hat man auch da Einfluss auf die seelische Verfassung der Kinder, aber niemals auf ein Chakra. Meditieren sollte den Erwachsenen überlassen bleiben, die ihr ICH vollständig zur Verfügung haben.

Bei den Yogapraktiken steht ja das besondere Atmen an sehr zentraler Stelle. Daher möchte ich auf eine Stelle bei Rudolf Steiner etwas länger eingehen, damit die Zusammenhänge auch deutlich genug werden.

Rudolf Steiner, GA 194, „Die Sendung Michaels“, 6. Vortrag, Dornach, 30. Nov. 1919

Rudolf Steiner spricht in diesem Vortrag zunächst über die uralt persische Kulturepoche. „ … So empfand man in dieser Zeit den Atmungsprozess des Menschen. Man sagte, wenn ein Baum sich schüttelt, das ist der Gott außerhalb, und wenn ich meinen Arm bewege, das ist der Gott innerhalb. Wenn ich die Luft einziehe, innerlich verarbeite und wiederum nach außen lasse, dann ist das der Gott von außen, der herein geht und wiederum hinaus geht. So empfand man dasselbe Göttliche draußen, drinnen, aber in einem Punkt zugleich draußen, drinnen. Man sagte sich: Indem ich Atmungswesen bin, bin ich zugleich ein Wesen der Natur draußen, zu gleicher Zeit ich selbst.“  Rudolf Steiner zeichnete zum besseren Verständnis zuerst ein Oval für die alten Zeiten, wo der Mensch noch ganz im geistigen Raum mit seinem Bewusstsein lebte. Dann zeichnete er eine Lemniskate in dieses Oval, die ja bekanntlich das Innen und Außen in der Welt darstellen soll, das heißt, was zuerst außen ist geht nach dem Kreuzungspunkt nach innen.

( … ) „Diese Linie (die Lemniskate R.D.) würde darstellen auf der einen Seite draußen das Naturdasein, auf der anderen Seite das Menschendasein, aber in dem einen Punkt, im Atmungsprozess, sich überkreuzend.“ (Hier kommt das zuvor beschriebene draußen, drinnen zur Anschauung. R. D.). „( … )Das wird anders im vierten Zeitalter, in dem griechisch-lateinischen Zeitalter. Da tritt vor den Menschen schroff hin der Gegensatz des Außen und des Innen, des Naturdaseins und des menschlichen Daseins. Da beginnt der Mensch sich im Gegensatz zu fühlen gegen die Natur.“ (Rudolf Steiner zeichnete nun in die Lemniskate zwei unabhängige Kreise, die nicht mehr miteinander verbunden sind). „( … ) Auf der einen Seite empfindet er das Äußere, auf der anderen Seite das Innere, und zwischen beiden ist nicht mehr der überkreuzende Punkt.

Es bleibt gewissermaßen dieses, was der Mensch mit der Natur gemeinsam hat, außerhalb des Bewusstseins. Es fällt schon aus dem Bewusstsein heraus. In der indischen Jogakultur versucht man es wieder hineinzubekommen. Daher ist die indische Jogakultur ein atavistisches Zurückgehen auf frühere Entwicklungsstufen der Menschheit, weil man wieder hereinzubekommen sucht ins Bewusstsein den Atmungsprozess, den man im dritten Zeitalter naturgemäß als das empfand, worinnen man sich zugleich draußen und zugleich drinnen fühlte. Dieses vierte Zeitalter beginnt ja im 8. vorchristlichen Jahrhundert. Und da begannen dann auch jene spätindischen Jogaübungen, die wiederum zurückzurufen suchten atavistisch dasjenige, was man früher gehabt hatte, insbesondere auch in der indischen Kultur hatte, was aber verlorengegangen war.

Also dieses Bewusstsein des Atmungsprozesses, das ging verloren. Und wenn man sich frägt: Warum versucht es die indische Jogakultur wiederum zurückzurufen, was glaubt sie eigentlich dadurch zu erreichen? – so muss man sagen: Ja, was dadurch errungen werden sollte, das war ein wirkliches Verständnis der Außenwelt. Denn  dadurch, dass der Atmungsprozess verstanden wurde im dritten Kulturzeitalter, dadurch verstand man innerlich in sich etwas, was zur gleichen Zeit ein Äußerliches war.“ (…) „Nun handelt es sich darum, dass wiederum errungen werden muss, aber jetzt in bewusster Weise wiederum errungen werden muss dasjenige, was verlorengegangen ist. Das heißt, wir müssen wiederum zum Erfassen von etwas kommen, was im Inneren des Menschen ist, was zur gleichen Zeit der Außenwelt und dem Inneren angehört, was sich wiederum übergreift, Das muss das Bestreben des fünften nachatlantischen Zeitraumes sein (…), dass etwas gefunden werden muss, wo der Mensch zur gleichen Zeit etwas in sich ergreift, was er erkennt als ein Prozess der Welt. Wir können als Menschen der Gegenwart dies nicht etwa dadurch erreichen, dass wir zurückgreifen auf die Jogakultur; die ist etwas Vergangenes. Denn sehen Sie, der Atmungsprozess selbst hat sich verändert. Das können Sie natürlich heute nicht in der Klinik nachweisen. Aber der Atmungsprozess des Menschen ist seit dem dritten nachatlantischen Kulturzeitalter ein anderer geworden. Grob gesprochen könnte man sagen: Im dritten nachatlantischen Kulturzeitalter atmete der Mensch noch Seele, jetzt atmet er Luft. Nicht etwa bloß unsere Vorstellungen sind materialistisch geworden, die Realität selber hat ihre Seele verloren.

Ich bitte Sie, in dem, was ich jetzt sage, nicht etwas Unerhebliches zu sehen. Denn denken Sie was das bedeutet, dass sich die Realität, in der die  Menschheit lebt, selber so umgewandelt hat, dass unsere Atemluft etwas anderes ist, als sie etwa vor vier Jahrtausenden war. Nicht etwa bloß das Bewusstsein der Menschheit hat sich verändert, o nein, in der Atmosphäre der Erde war Seele. Das ist sie heute nicht mehr, beziehungsweise sie ist es in anderer Art. Die geistigen Wesenheiten elementarer Natur, von denen ich gestern gesprochen habe, die dringen wiederum in sie ein, die kann man atmen, wenn man heute Jogaatmen treibt.“  Die im letzten Satz angesprochenen Wesenheiten elementarer Natur nennt Rudolf Steiner im weiteren Verlauf des Vortrages und auch schon im Vortrag zuvor die antimichaelischen Wesen. ( … ) „ Und wir können sie nur vertreiben (diese antimichaelischen Wesen R. D.), wenn wir an die Stelle des Jogamäßigen das Richtige setzen von heute. Wir müssen uns klar werden darüber, das dieses Richtige angestrebt werden muss.“

So weit nun Rudolf Steiners Aussagen in diesem Vortrag. Meiner Meinung nach musste er diese Dinge so deutlich benennen, da ja zu seinen Lebzeiten schon antichristliche Strömungen vorhanden waren (Materialismus, Logen, spiritistische Sitzungen u.a.).

Man kann also sagen, das was früher auf dem Atemweg geschehen ist, muss nun auf dem Weg der Sinneswahrnehmung und der durch sie vermittelnden Erkenntnis geschehen. Das ist die Wandlung von dem Geführtsein der Menschen durch die geistige Welt in früheren Zeiten, die bei herabgedämpftem Bewusstsein geschah, hin zum wachen Bewusstsein, wie wir es in der Neuzeit haben sollten. Die Seele, die sich früher in der Luft fand und durch diese in den Menschen überging, ist nun heute an die Sinneswahrnehmung übergegangen. Wie sich die Wahrnehmung des Menschen der geistigen Welt mitteilen kann, wenn der Mensch in diese Wahrnehmung geistige Erkenntnisse hineinträgt und die Wahrnehmung dadurch im Laufe der Zeit zur geistigen Schauung erhebt, das erfahren wir auf dem Weg der anthroposophischen Geisteswissenschaft, der als ein absolut neuer Weg dem gerecht wird, was sich in der Realität  der Welt verändert hat, nämlich dem Übergang der Weltenseele von der Luft in die Wahrnehmung, seit dem Ereignis des Mysteriums von Golgatha. Damit ist der Erkenntnisweg ein wesentlich geistigerer geworden. Neue Zeit, neuer Erkenntnisweg. Da die Menschen jedoch vor allem Neuen Angst haben, die Anthroposophie auch die Überwindung des Egoismus voraussetzt, greifen die Menschen lieber auf einen alten Weg zurück, den Yogaweg. Diese Yogaübungen hat der Mensch in seinen früheren Inkarnationen bereits durchgemacht, er ist ihm unbewusst vertraut und er muss dabei seinen Egoismus nicht überwinden.

Wie schon oben gesagt, trägt jeder Mensch für sein Tun die Verantwortung und jeder kann leben wie es ihm beliebt, er sollte sich dann nur nicht im Strome der Anthroposophie wähnen oder seine Meinung im „Mäntelchen“ der Anthroposophie verbreiten. Heute gilt mehr den je, wer Verantwortung für andere Menschen  - ganz besonders für Kinder-  übernimmt, muss genau wissen, was er tut und sein Wirken ständig an der Anthroposophie Rudolf Steiners prüfen, wenn er sich in anthroposophischen Zusammenhängen bewegt. Schließlich geht es in der Anthroposophie um nichts weniger als um das Fortkommen der Menschheit in christlichem Sinne.

 

Aus dem Geiste ist alles Sein entsprungen,

In dem Geiste wurzelt alles Leben,

Nach dem Geiste zielen alle Wesen.

Rudolf Steiner  (aus Wahrspruchworte).

 

Rolf Deiß (ehemaliger Klassenlehrer an der Waldorfschule Engelberg).

Die Hervorhebungen im Text von Rudolf Steiner sind vom Verfasser dieses Artikels.

 



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