Inklusion

Angriff auf differenzierte und effiziente Schulsysteme

Vor einigen Jahren stellte der Präsident des  Deutschen  Lehrerverbandes, Josef Kraus fest: „….., dass Deutschland das höchstdifferenzierte Förderschulwesen der Welt hat, mit eigenen Schulzweigen für die unterschiedlichsten Benachteiligungen, mit eigens dafür ausgebildeten Lehrern, mit kleinsten Lern- und Betreuungsgruppen.“  Über Jahrzehnte ist also in Deutschland ein sehr ausgeklügeltes Förderschulsystem entstanden, das davon ausgeht, dass jedes Kind – welche Schwierigkeiten es auch haben mag – eine ihm angemessene Förderung erhalten soll. Das aus gutem Grund. Es kann doch einleuchten, dass ein taubstummes Kind einen ganz anderen Unterricht, einen ganz anderen Umgang mit ihm fordert und ganz andere Lernmittel und Unterrichtspersonen benötigt, als ein lernbehindertes Kind. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Tempi, vor allem wenn man noch ein normal lernendes Schulkind dazu nimmt. Wer jetzt schon mit der alles vernichtenden Keule der Diskriminierung drohen möchte, dem sei gesagt, dass gerade durch eine ungleiche Behandlung der verschiedenen „Schwierigkeitsgrade“ der Kinder eine optimale Bildung und möglichst weitgehende Chancengleichheit der einzelnen Kinder erreicht werden kann. Diese optimale Bildung und möglichst weitgehende Chancengleichheit ist also durch eine ungleiche Behandlung und nicht durch eine gleiche Behandlung erreichbar. Was würde jemand von der Idee halten, wenn man sagen würde, dass allen Patienten in einem Krankenhaus mit derselben Operation geholfen werden könne? Auch hier ist nur durch eine ungleiche Behandlung ein Erfolg gesichert.

UNO  -  UNESCO

Man könnte meinen, dass man sich mit einem Förderschulwesen, das zu den besten in der Welt gehört, beruhigt zurücklehnen könnte. Weit gefehlt. Das hochorganisierte deutsche Schulsystem wurde in schlimmster Weise angegriffen. Folgendes wurde von höchster Stelle behauptet: Die spezifische Förderung der unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade bei behinderten Kindern sei nicht etwa positiv, sondern eine Diskriminierung. Die Diskriminierungs-Keule wird gerne auch von Eltern der benachteiligten Kinder benützt.

Eine UNESCO – Tagung 1994 in Salamanca in Spanien hatte das Ziel, Bildung für alle zu unterstützen, was ja im Grunde genommen ein zu unterstützendes Ziel ist und eben genau das Ziel des deutschen Schulsystem. Der Hintergrund dieser Ideologie ist jedoch, dass nicht nur das System, sondern die einzelnen Schulen dazu gebracht werden sollen, „allen“ Kindern gerecht zu werden, vor allem jenen mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen. Genau das steht in dem Vorwort zu dieser Salamanca–Erklärung. Was bisher in differenzierten Schulsystemen erreicht worden war, soll also jetzt in jeder einzelnen Schule erreicht werden. Die Frage ist nun, welche Schule das leisten kann? Man kann sagen, dass das, was diese UNESCO-Konferenz festgestellt, mit dem Wohl der Kinder rein gar nichts zu tun hat. Ich bin selber Pädagoge und weiß, dass dies jeder pädagogischen Erfahrung widerspricht. Trotzdem stellte man fest, dass es notwendig sei, auf eine Schule für alle hinzuarbeiten. Das heißt im Klartext auf Einrichtungen, die alle Kinder aufnehmen und die diese Unterschiede auch schätzen, das Lernen unterstützen und auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Also genau das, was bisher mit dem differenzierten Schulsystem erreicht worden war. Nur haben diese Schulen eben nur Förderschüler aufgenommen, auf deren Bedarf sie zugeschnitten sind.

Bildung für alle

Bildung für alle wurde bisher durch Ungleichheit erreicht und nicht durch Gleichheit und zwar dadurch, dass jeder Begabungs– bzw. Behinderungsgrad seine eigene Schule bekam. Dagegen behauptet das UNESCO-Papier von 1994, dass durch diese von der UNESCO angestrebten „All-inklusiv-Schulen“ ein wichtiger Beitrag im Erreichen des Zieles „Bildung für alle“ und die Steigerung der Effektivität von Schulen darstellen. Jeder kann klar erkennen, dass hier eine Umkehrung der Werte ganz bewusst betrieben wird. Weiter stellt dieses Papier fest, dass die differenzierten Einrichtungen eine Isolation der Schüler betreibe. Die Pädagogik für besondere Bedürfnisse könne sich nicht in Isolation weiter entwickeln. Sie müsse Teil einer allgemeinen pädagogischen Strategie sein und wohl auch einer neuen sozialen und wirtschaftlichen Politik. Sie fordere große Reformen in den herkömmlichen Schulen.

Jedem kann einleuchten, dass eine „Schule für alle“ nur ein äußerst fauler Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen äußerst unterschiedlich begabter bzw. behinderter Schüler sein kann. Man kann also noch einmal feststellen, dass hier ein perfider Angriff auf ein gut funktionierendes Schulsystem stattfindet, und zwar ausschließlich auf dem Rücken der Kinder und der Lehrer. Es kommt heute keiner auf die Idee, dass ein Realschüler gegenüber einem Gymnasiasten diskriminiert werde. Jeder Realschüler wird einsehen, dass er eben nicht die Fähigkeiten eines Gymnasiasten hat. Damit ist er jedoch kein schlechterer Mensch! Jeder kann nach seinen Fähigkeiten und seinem eigenen Bemühen seinen Platz im Leben finden!

In einigen kleinen Bundesländern (Stadtstaaten) laufen die Versuche für die Inklusion schon länger. Am 10. September 2012 wurde jedoch der Startschuss für eine groß angelegte Aktion in einem großen Flächenland gegeben. In Baden-Württemberg mit dem einzigen grünen Ministerpräsidenten der Republik, wurde der Startschuss für gleich 40 der sogenannten Gemeinschaftsschulen gegeben. In ihnen sollen ausdrücklich normal begabte Kinder zusammen mit Sprachbehinderten, Lernbehinderten und Verhaltensauffälligen unterrichtet werden. Das ist doch kaum zu glauben, da die meisten Eltern und Schüler noch keine Ahnung haben, was da auf sie zukommt. Eifrig wird in fleißiger Schwabenart landauf und landab dieses Programm vorbereitet. Eingeschlossen sind ebenfalls geistig behinderte Kinder. Schreibe ich dabei etwa gegen Behinderte? Keinesfalls! Den behinderten Kindern soll ihre bedarfsgerechte Förderung genau so genommen werden wie allen anderen Gruppen einschließlich der Normalbegabten.

Weiter heißt es in dem UNESCO-Papier, dass sich die Pädagogik für besondere Bedürfnisse, also die differenzierten Bildungseinrichtungen, nicht in der Isolation weiterentwickeln dürfe. Wenn man das hört, drängt sich einem sofort wieder der Vergleich mit der Realschule und dem Gymnasium auf. Wer wollte denn die Schüler der einen oder der anderen Schulart isolieren oder gar diskriminieren?! Weiter heißt es in diesem Papier, dass die UNESCO stolz darauf sei, mit dieser Konferenz in Verbindung zu stehen. Dies schrieb der damalige UNESCO-Generalsekretär Mayor in dem Papier. Alle müssten sich der Herausforderung stellen und dafür arbeiten, um zu gewährleisten, dass Bildung für alle wirklich für alle bedeutet. Vor allem für jene, die besonders bedürftig und verletzbar sind. Das ist reine Heuchelei! Denn schließlich dient das differenzierte Förderschulsystem gerade der Förderung der besonders Bedürftigen und Verletzbaren. Und zwar, indem die Mitschüler, die Lehrer, die Lernmittel und die ganze Umgebung gerade auf die Unterrichtung dieser Kinder eingerichtet und eingestellt sind!

Die UNO schickte im Jahre 2006 einen Beobachter nach Deutschland. Er sollte das deutsche Schulsystem überprüfen. Es war der Professor Venor Munós Villalobos aus Costa Rica. Sein Heimatland hat ein sehr unterentwickeltes Schulsystem, daher schien er der beste Kandidat für dieses Amt zu sein. Nach kurzer Zeit las dieser Professor den Deutschen die Leviten. Dieser Abgesandte bemängelte, dass bei der Einteilung der Schüler in Hauptschule, Realschule und Gymnasium der Sprachkompetenz eine übermäßige und vorrangige Bedeutung eingeräumt werde. Er bemängelt also, dass in deutschen Schulen doch tatsächlich ein fehlerfreies Deutsch verlangt werde. In seiner Begründung bemängelt er weiter, dass dadurch eine Selektion für Schüler mit Migrationshintergrund entstehen würde. Für mich klingt das so, dass man also das Niveau der deutschen Schüler senken sollte, damit die Kinder mit Migrationshintergrund nicht so sehr auffallen oder auch noch die Chance auf einen Job bekommen, ohne sich anstrengen zu müssen, die deutsche Sprache richtig zu lernen. Er bekräftigt seine Aussage noch, in dem er ausführt, dass  arme Kinder und Migrantenkinder am Gymnasium unterrepräsentiert und an Hauptschulen überrepräsentiert seien. Dies müsse umgehend geändert werden. Ich bin der Meinung, dass es bei dieser Klientel  jedoch hauptsächlich um den Willen zur Integration geht. Es gibt genügend Beispiele in der Politik, den Medien und der Wirtschaft, dass Integration sehr gut funktionieren kann. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das Beispiel mit dem Realschüler und dem Gymnasiasten hinweisen. Jeder kann das Abitur machen, jedoch nicht alle.

Selbstverständlich hatte dieser Professor auch das Anliegen der Inklusion vorzubringen mit der bekannten Ansicht, dass alle Kinder in einer Schule unterrichtet werden sollten. Auch er stellte die Tatsachen auf den Kopf, indem er sagte, die Inklusion entspreche den Bedürfnissen und Rechten der Individuen und verpflichtet den Staat, dass alle Kinder zusammen in demselben Schulumfeld unterrichtet werden. Dies müsse umgehend geändert werden. Dass es genau anders herum ist, darauf bin ich schon mehrfach eingegangen.

Zuerst einmal gab es 2006 nach diesen Beurteilungen hierzulande eine große Aufregung in den Medien. Das deutsche Schulsystem wurde hochgelobt und die Beurteilungen als dreist empfunden. Auch ausgewiesene Fachleute ließen kein gutes Haar an diesem Professor, der kaum des Deutschen mächtig sei. Der schon oben erwähnte Präsident des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus sagte 2006, die Feststellungen des „Querulanten aus Costa Rica“ seien noch dreister wenn er empfehlen würde, dass Deutschland sein gegliedertes Schulwesen überdenken, die Hauptschule abschaffen, die Grundschule verlängern, mehr Abiturienten produzieren und das sog. Home-Schooling zulassen müsse.

Er äußerte sich folgendermaßen: (In „Deutscher Lehrerverband Aktuell“, 22.3.2007)

„ Munòz mag schon wieder im Flieger irgendwo zwischen Genf, New York und San Jose´ sitzen. Ein paar Dinge sollte ihm irgendjemand doch einmal flüstern. Erstens machen in Deutschland zwei Drittel der jungen Leute den Weg in Lohn und Brot über das hochkarätige System deutscher Berufsbildung. Zweitens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die sog. Bildungsbeteiligung der Sechzehn- bis Achtzehnjährigen so hoch ist wie in Deutschland, nämlich über 90 Prozent. Drittens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die Schulpflicht zwölf Jahre währt – eine Pflicht, die eine riesige soziale Errungenschaft darstellt. Viertens hat Deutschland eine der geringsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen. Fünftens stehen 85 Prozent der Hauptschüler bereits fünf Jahre nach ihrem Schulabschluss in einem festen Arbeitsverhältnis. Sechstens hat Deutschland das höchstdifferenzierte Förderschulwesen der Welt: Mit eigenen Schulzweigen für die unterschiedlichsten Benachteiligungen, mit eigens dafür ausgebildeten Lehrern, mit kleinsten Lern- und Betreuungsgruppen. Siebtens erzielen in Deutschland diejenigen Länder die besten Pisa- Ergebnisse – übrigens auch unter Migrantenkinder -, deren Schulwesen dezidiert gegliedert ist.“

Bravo, Herr Kraus! Das sind markige Worte, die da zu vernehmen sind! Alle Kultusminister und auch Teile der Regierung stießen 2006 in das gleiche Horn. Inzwischen werden in Baden Württemberg und anderen Bundesländern jedoch Gemeinschaftschulen auf den Weg gebracht mit dem Ziel der Inklusion. Unglaublich und eigentlich unvorstellbar nach dem, was Herr Kraus uns mitteilte.

Nach der Salamanca-Erklärung von 1994 wurde Ende 2006 die UN- Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Darin verpflichten sich die Vertragsstaaten zum Aufbau eines „inclusive education system“. In der deutschsprachigen Fassung wurde dies mit einem „integrativen Bildungssystem“ übersetzt und vom Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Sehr schlimm! Während „integrieren“ nach Duden bedeutet, etwas „zu einem übergeordneten Ganzen zusammenschließen“ oder es „in ein übergeordnetes Ganzes aufzunehmen,“ heißt „Inklusion“ laut Duden „Einbeziehung“. Damit sollen nun behinderte Kinder also auf jeder einzelnen Ebene einbezogen werden, was nicht nur heißt allgemein in ein Bildungssystem, sondern in jede Schulklasse. Es gab kein Entkommen mehr. Die Bundesrepublik wurde statt auf „Integration“ auf „Inklusion“ festgenagelt. Daran kann man deutlich erkennen, dass in Deutschland weder der Bund noch die Länder die Bildungshoheit haben, sonder die UNO und die anderen Superstaaten wie die EU.

Die deutschen Politiker unterschreiben jedes internationale Abkommen und melden möglichst schnell den Vollzug. Unterzeichnet wurde das Gesetz 2008 von Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist nun ein: „Völkerrechtlich bindender Vertrag für alle 154 Staaten, die die Konvention ratifiziert haben“, stellte eine Sprecherin der deutschen UNESCO-Kommission fest. Die Behindertenrechtskonvention sei nun für alle Träger öffentlicher Gewalt und damit für den Bund, die Länder und die Kommunen völkerrechtlich verbindlich.

Jedes Land hat bisher seine Bildung nach seinen Bedürfnissen gestaltet. Alle Schulsysteme waren also eine Form der Organisation jedes einzelnen Landes. Die UNO versucht nun alle Kinder ihrer 154 Mitgliedsländer in einen Topf zu werfen. Das kann keine Strategie einer Bildung sein, wie das die UNO behauptet. Die Inklusion ist keine Strategie, um Bildung zu verbessern, sondern im Gegenteil, damit werden differenzierte und effiziente Bildungssysteme zerschlagen und behinderten wie auch normal begabten Kindern nur geschadet!

Anhang 1    Ein Streifall über Inklusion in Baden-Württemberg

Als eine Vorbereitung für die Inklusion kann die seit Kurzem geltende Abschaffung der Empfehlung für weiterführende Schulen angesehen werden. Die Eltern können nun selber entscheiden, in welche Schulform sie ihre Kinder schicken wollen, ohne jegliche wie auch immer geartete Prüfungssituation. Dies hat nun in Baden Württemberg dazu geführt, dass Eltern ein geistig behindertes Kind an ein Gymnasium schicken wollen. Das Lehrerkollegium dieses Gymnasiums in Waldorf hat gegen den Antrag gestimmt und die Anmeldung abgelehnt. Holger Wallitzer–Eck, ein Freund der Familie und auch Vater eines geistig behinderten Kindes, will nun dieses Kind in das Gymnasium bringen. Er hat eine Online-Petition gestartet und ca. 20.000 Stimmen dafür gesammelt. Er sagt: „Niemand weiß, was welches Kind benötigt und braucht, um wirklich gut zu lernen und zu wachsen. Wir Eltern sind da einfach für unsere Kinder die Profis.“ Inzwischen wird dieses Thema sehr konträr diskutiert.

Hier nun ein Bericht aus einer Fernsehsendung des SWR- Baden- Württemberg vom 24. April 2014, zu dem auch die oben genannte Aussage von Herrn Wallitzer-Eck gehört. Alle Aussagen der Personen sind wörtlich wiedergegeben. Am Anfang der Sendung wird erklärt, dass es sich bei dem Kind um den elfjährigen Henri Ehrhart mit Down- Syndrom aus Waldorf handelt. Er geht dort schon einige Jahre in die Grundschule mit körperlich behinderten und normalen Kindern. Der Wunsch der Eltern ist es, dass er in Zukunft zusammen mit seinen Schulkameraden in das Gymnasium geht. Laut seiner Mutter würde er heute noch das I mit einem E verwechseln. Nach der Ablehnung sagt die Mutter Kirsten Ehrhardt: „Es ist schon so eine Mischung zwischen Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit, was ich dabei empfinde. Weil ich schon gedacht habe, wir wären ein Stück weiter auch in der Gesellschaft in unserem Denken. Ich glaube es ist wirklich so, man will es nicht und hat einfach Angst, auch vor dieser Veränderung. Das verstehe ich einfach nicht. Das ist für mich ein Denken aus dem letzten Jahrhundert.“ 

Daraufhin spricht Bernd Sauer, Rektor eines Gymnasiums und Vorsitzender des Philologen-Verbandes BW zu der Ablehnung des Waldorfer Gymnasiums: „Die Kolleginnen und Kollegen haben sehr verantwortungsbewusst gehandelt, weil sie sich bewusst gemacht haben, dass sie mit ihren Mitteln dem kleinen Henri nicht Genüge tun können, dass sie ihn nicht so fördern können wie das vielleicht auch  seine Mama sich vorstellt. Auf dieser Grundlage, auf der Grundlage des gesetzlich festgelegten Bildungsauftrages des Gymnasiums haben sie ihre Entscheidung getroffen.“ In dem Bericht wird weiter erklärt, dass eine Betreuung wie in der Grundschule in dem Hochleistungsbetrieb, wie es das Gymnasium darstellt, nicht möglich ist. Eine Sonderschule sei die richtige Schulform für Henri. Da lerne er Alltägliches, z. B. wie man sich eine Fahrkarte kaufen kann. Die Mutter jedoch sagt: „Ich schicke Henri, um es ganz klar zu sagen, nicht in die Schule, nur damit er da Kochen lernt! Das lernt er Zuhause. Er soll Lesen, Schreiben und Rechnen lernen auf seinem Niveau.“ (Genau dafür gibt es die „Bedarfsschulen“).

In dem Bericht heißt es weiter, dass der Fall Henri sich zu einer Grundsatzdiskussion über Inklusion in BW entwickelt hat. Kultusminister Stoch, selbst Vater von vier Kindern, betont ausdrücklich, dass Henri ein Einzelfall sei: „Ich möchte darum bitten, dass dieser Fall nicht dafür missbraucht wird, um etwa zu sagen, Inklusion in BW gelingt oder gelingt nicht.“

Henris Mutter sieht das anders. Scheitert Henri, scheitert auch die Inklusion an Gymnasien. „Er hat jetzt vier glückliche Jahre an der Grundschule mit tollen Klassenkameraden, eine glückliche Zeit. Das wollen wir jetzt fortsetzen am Gymnasium.“ Noch einmal spricht Bernd Sauer: „Man muss an jedem Einzelfall prüfen, ob das auch dem Kindeswohl entspricht und muss sich manchmal die Frage stellen, ob das Kindeswohl wohl immer deckungsgleich ist mit dem, was die Eltern sich wünschen und vorstellen. Das ist nicht immer der Fall.“

Im Max Plank Gymnasium in Karlsruhe hat man es schon versucht. Ein geistig behindertes Kind mit DS geht dort in die sechste Klasse. Der Rektor Uwe Müller, Vorsitzender der Direktorenvereinigung Nord-Baden, erklärt in diesem Bericht, dass er und die Lehrer anfangs optimistisch waren. Inzwischen würden sie so einen Versuch ablehnen. „Es haben sich alle darauf eingelassen. Wir haben ein Lehrer- Team zusammengestellt für die Klasse, weil wir gesagt haben, wir würden das gerne machen, wenn es keine Probleme gäbe. Inzwischen ist aber die Skepsis groß, vielleicht auch eine gewisse Frustration, weil man merkte, mit unseren Mitteln, mit unseren Möglichkeiten können wir diese Ansprüche nicht erfüllen.“  Weiter heißt es im Bericht: Um ein geistig behindertes Kind wie Henri zu integrieren, braucht man mehr Räume, mehr Lehrer und weniger Schüler pro Klasse. Der lakonische Schlusssatz dieses Berichtes lautet: Ob Henri versteht, dass wegen ihm gestritten wird, weiß wahrscheinlich niemand. Was er wirklich will, vermutlich auch nicht. (Inzwischen ist Fakt, dass Henri auf das Gymnasium in Waldorf geht).

 

Soweit nun dieser Bericht über den Fall Henri. Nachdem die Inklusion als Verpflichtung für alle Schulen festgeschrieben ist, wird es wohl nicht der letzte Fall sein, über den die Medien berichten werden oder an Gerichten gestritten wird. Man kann daher vermuten, dass dieses Inklusionsgesetz sehr viel Unfrieden innerhalb der deutschen Schullandschaft erzeugen wird. Leidtragende des politischen Versagens der Erwachsenen werden wie immer die Kinder sein, die Schwächsten in unserem System. Dazu kommt noch die Frage, wie viele Lehrer in Zukunft dieses verantwortungslose Verhalten von unfähigen Regierungen noch mittragen wollen.

Wenn man das bisher Gehörte zu Ende denkt, kann man erkennen, wenn die Inklusion so eingeführt wird wie sie geplant ist, wird es keine Bedarfsschulen mehr geben und das schwächste Kind der jeweiligen Klasse wird das Niveau dieser Klasse bestimmen oder aber man lässt es links liegen. Beides kann jedoch nicht das Ziel von Bildung sein. Schon heute bin ich mir über den auf uns zukommenden Unfrieden innerhalb der Elternschaft im Klaren. Jetzt schon kann man an Schulen erleben, dass die Eltern eines schwierigen Kindes von anderen Eltern schief angeschaut werden, da dieses Kind scheinbar die anderen Kinder am Lernen hindert. Dabei geht es um normal begabte Kinder untereinander. Alles Weitere ist kaum auszudenken.

 

Bei dieser Schrift geht es ausschließlich um die bedarfsgerechte Schulausbildung der Kinder, vom normal lernenden Kind, bis hin zu den verschiedenen Behinderungsgraden der behinderten Kinder. Selbstverständlich sollten diese Menschen schon während der Schulzeit, wie auch später als Erwachsene voll in die Gesellschaft integriert sein und jede Unterstützung erfahren, zu der ein Staat fähig zu leisten ist, damit sie ihr Leben gemäß ihren Schwächen in größtmöglicher Freiheit und Beweglichkeit gestalten können. Solange sie jedoch schulpflichtig sind, benötigen sie die für sie zugeschnittene Schulausbildung in dem jeweiligen für sie geschaffenen, geschützten Raum. 

Inzwischen kenne ich Vergleichszahlen, die Bezuschussung in BW betreffend. Nach dieser Information erhält eine Schule für einen Realschüler vom Land 568€ und für einen Gemeinschaftsschüler 1119€. Bei diesem, vom Steuerzahler finanzierten „Bestechungsgeld“ kann man sich ausrechnen, bis wann es  nur noch Gemeinschaftsschulen geben wird.

Anhang 2         Inklusion an Waldorfschulen

Die Idee der Inklusion war in  Waldorfschulen von Anfang an in der Pädagogik festgeschrieben. Diese Schulen nannten sich zu Beginn: Einheitliche Volks – und höhere Schule. Alle Schüler werden in den ersten Jahren gemeinsam unterrichtet. Dadurch kann ein sehr soziales Miteinander entstehen, über die Begabungen der einzelnen Schüler hinaus. Eine Aussage eines Oberstufenschülers bei einer Schüler-Eltern-Lehrertagung an unserer Schule war: Er habe die gesamte Unter-und Mittelstufe hindurch gar nicht bemerkt, wie lernschwach einer seiner Mitschüler gewesen sei. Dieser war ein guter Freund und die Lernfähigkeit war überhaupt nicht wichtig für ihn. Der Waldorfschullehrplan war auf zwölf Jahre für alle Schüler angelegt. Am Ende stand eine Jahresarbeit als Waldorfabschluss. Wenn ein Klassenlehrer und die Elternschaft dieser Klasse sich dafür entschied, konnte auch ein lernschwaches Kind die zwölf Jahre von dieser Gemeinschaft mitgetragen werden. Später war es jedoch das Problem der Eltern, wie sie ihr Kind in den ersten-oder zweiten Arbeitsmarkt brachten. Diese Problematik habe ich unten am Beispiel meines Sohnes geschildert.

Durch die explosionsartige Expansion der Waldorfschulbewegung und die immer stärker werdende Abhängigkeit vom Staat und durch den Druck vieler Eltern, wurden die staatlichen Abschlüsse auch in den Waldorfschulen eingeführt. Meistens in der zehnten Klasse entscheidet sich heute, welchen Abschluss die einzelnen Schüler machen werden. An unserer Schule sind es Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Fachhochschulreife und Abitur. Wobei die Fachhochschulreife als ein Geschenk der Schule an die Schüler betrachtet werden muss, da diese Schüler keine staatlichen Zuschüsse mehr bekommen. Wo bleiben nun die sog. Sonderschüler? Sie werden frühzeitig an die bedarfsgerechten Schulen „ausgegliedert“. Wir bekamen in der Vergangenheit sehr häufig von  Förderschullehrern den Vorwurf, dass wir diese Schüler zu spät in diese Schulen gaben. Mit der Begründung, wir wären keine bedarfsgerechte Schule für diese Schüler.

Während meiner Jahrzehnte langer Tätigkeit an meiner Schule erinnere ich mich an einige Rollstuhlfahrer. Einer ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Sein Schicksal war, dass er vom Hals ab gelähmt war, er also nur sprechen konnte. Er war in seiner Klasse voll integriert, sehr beliebt und umsorgt. Mit seinem treuen Zivildienstleistenden konnte er dann am Ende seiner Schulzeit das Abitur machen. Als dieser Betreuer mit seinem Dienst zu Ende war, kam er zu uns an die Schule und holte auch sein Abitur nach. Ein weiteres Beispiel ist ein Junge ohne Arme, nur mit kleinen Stummeln an den Schultern. Für ihn wurde ein besonderer Schultisch gebaut, so dass er mit seinen Füßen bequem schreiben konnte. In der Schulmensa war es ein normales Bild, wenn er mit den Füßen aß. Welchen Abschluss er machte, weiß ich nicht mehr. Später hat er dann als Brillen-Designer gearbeitet.

Diese Beispiele ließen sich sicherlich beliebig erweitern. Meines Wissens kamen jedoch nie Anfragen von Eltern an unsere Schule mit der Bitte,  ein geistig behindertes Kind in eine Klasse mit normalbegabten Kindern zu integrieren. Jeder Mensch konnte sich bisher vorstellen, dass man da etwas zusammen bringen wollte, was nicht zusammen gehört. Ein solches Kind braucht seinen geschützten Raum und entsprechend ausgebildetes Personal, um sich seiner Behinderung gemäß entwickeln zu können. Sehr bezeichnend nennt man diese Kinder mit dem anthroposophischen Terminus seelenpflegebedürftige Kinder.

Nur ein sog. Gutmenschentum kann die Wirklichkeit ignorieren, wie normal begabte Kinder und Jugendliche inzwischen an den öffentlichen Schulen miteinander umgehen. Man hört dort immer mehr den Ruf nach Sozialarbeitern, die das Versagen der Gesellschaft richten sollen. Wer wollte da an diesen Schulen allen Ernstes flächendeckend geistig behinderte Kinder unterbringen? Dass das an einzelnen Schulen oder an bestimmten Orten gelingt, ist außer Frage, jedoch nicht generell und überall, wie es die Inklusion vorsieht. Dagegen ist dieser Artikel geschrieben. Selbstverständlich  kann man für alle angeführten Argumente sofort auch Gegenargumente finden und somit eigentlich alles ins Gegenteil verkehren. Dazu möchte ich eine etwas längere Ausführung von Rudolf Steiner anfügen, welche dieses deutlich machen kann.

Rudolf Steiner, GA 134, erster Vortrag:

( … ) „Nun sehen Sie, wir müssen schon den Weg, den die Menschenseele gehen kann, um in einer richtigen und würdigen Weise sich hinaufzuleben zu den höchsten Fragen des Daseins, ein wenig charakterisieren, um dann herauszufinden, worin die Ursprünge der Irrtümer liegen können. Denn in der Welt draußen, insofern diese Welt heute von äußerer Wissenschaft beherrscht ist, wird man, wenn man von Wissen, von Erkenntnis spricht, zweifellos immer sagen: Ja, Erkenntnis, Wahrheit muss sich ergeben, wenn man richtige Urteile gefällt, wenn man das richtige gedacht hat. Ich habe letzthin einmal, um zu charakterisieren, welch gründlicher Irrtum in dieser Voraussetzung liegt, dass sich Erkenntnis, dass sich Wahrheit ergeben muss, wenn man richtige Urteile fällt, einen sehr einfachen Vergleich gebraucht, den ich auch hier wiederum erzählen möchte, aus dem Sie sehen, dass das Richtige keineswegs zu dem Wirklichen führen muss.“  Rudolf Steiner erzählt nun die Geschichte, dass ein Junge beim Bäcker für 10 Kreuzer 6 Semmeln bekommt, obwohl eine Semmel 2 Kreuzer kostet. Ein anderer Junge, der scheinbar besser rechnen kann, bemerkt da einen Fehler. Rudolf Steiner sagt nun, dass die Wirklichkeit in dieser Bäckerei die war, dass, wenn jemand 5 Semmeln kauft, er eine dazu geschenkt bekommt. Der Junge, der gut rechnen konnte hat zwar richtig gedacht, hat aber in sein Denken die Wirklichkeit nicht einbeziehen können. ( … ) „Nun der gute Arithmetikus hat ganz richtig gedacht, er hat gar keinen Fehler gemacht in seinem Denken, aber mit der Wirklichkeit stimmte dieses richtige Denken nicht überein. Wir müssen zugeben, es erreichte das richtige Denken die Wirklichkeit nicht, denn die Wirklichkeit richtet sich eben nicht nach dem richtigen Denken. Sehen Sie: so wie es hier in diesem Falle ist, so kann man nachweisen, dass in der Tat bei den gewissenhaftesten, kniffligsten Gedanken, die man nur je ausspinnen kann, das Richtigste herauskommen kann, aber an der Wirklichkeit bemessen kann es ganz und gar falsch sein. Das kann immer der Fall sein. Deshalb ist niemals ein aus dem Denken gewonnener Beweis irgendwie maßgebend für die Wirklichkeit, niemals. Man kann sich auch sonst durchaus irren in der eigentümlichen Verkettung von Ursache und Wirkung, wie man sie in der Außenwelt anbringen kann.“ ( …) „In feineren Verkettungen von Ursache und Wirkung werden nämlich solche Fehler fortwährend gemacht. Ich will damit nichts anderes andeuten, als dass tatsächlich unser Denken zunächst gegenüber der Wirklichkeit absolut inkompetent, nicht ausschlaggebend ist, kein richtiger Richter ist.

Ja, wie kommen wir denn überhaupt sozusagen aus dem Versinken in den Zweifel und in das Nichtwissen heraus, wenn wirklich unser Denken kein sicherer Führer sein kann? Wer nämlich Erfahrung hat in diesen Dingen, wer sich viel mit dem Denken beschäftigt hat, der weiß, dass man alles beweisen und alles widerlegen kann, und ihm imponiert kein Scharfsinn der Philosophie mehr. Er kann den Scharfsinn bewundern, aber sich dem bloßen Verstandesurteil hingeben kann er nicht, weil er weiß, dass man ebenso gute Verstandesurteile im entgegengesetzten Sinne auffinden kann. Das gilt für alles was bewiesen oder widerlegt werden kann. In dieser Beziehung kann man oftmals die interessantesten Beobachtungen machen. Es hat einen gewissen Reiz – allerdings nur einen theoretischen Reiz - , Menschen kennenzulernen, die gerade an einem gewissen Punkte ihrer Seelenentwicklung angekommen sind; nämlich an dem Punkte, wo sie innerlich erleben, innerlich spüren, dass man eigentlich alles beweisen und alles widerlegen kann, und die noch nicht herangereift sind zu dem, was man spirituelle Weltanschauung nennt.“

Soweit nun Rudolf Steiners Ausführungen in dem sehr lesenswerten Zyklus. Ich möchte nicht behaupten, dass ich mit meinem Denken Rudolf Steiners Ansprüchen entspreche. In bestem Sinne  habe ich versucht, die Wirklichkeiten sprechen zu lassen und die Tatsachen aufzuzeigen. Viel Sicherheit im eigenen Urteil über dieses Thema habe ich im jahrzehntelangen Umgang mit meinem geistig behinderten Bruder und meinem psychisch kranken Sohn gewonnen. Beide sind um das vierzigste Lebensjahr verstorben. Mein Sohn hatte in einer speziellen Einrichtung endlich (nach jahrelangen vergeblichen Versuchen in Handwerksbetrieben) so positive Erfolgserlebnisse in diesem beschützten Raum, dass er dort sein eigenes Leben gefunden hatte. Er war  endlich einmal mit vorne dran, ein erfolgreicher Arbeiter, sehr beliebt und anerkannt.

Aus diesen Erfahrungen mit meinem Bruder und meinem Sohn weiß ich sehr wohl, dass Eltern aus Sorge um das Fortkommen ihrer behinderten Kinder alles unternehmen wollen, was ihren Kindern irgendwie helfen kann. Es dauert oft sehr lange, bis man einsehen lernt, dass man dabei nicht das erreicht, was man sich als Eltern vorstellte. Man fügt den Kindern u.U. mit seinen Vorstellungen nur seelische Schmerzen zu und macht sie unglücklicher. Sie wollen es ihren Eltern ja recht machen, haben jedoch ihre intellektuellen Grenzen, andere Wertevorstellungen und nicht unsere Maßstäbe, was die Weltsicht betrifft. Dann kann es auch dazu kommen, dass ein übertriebener Ehrgeiz von Eltern die Wirklichkeit ihrer Kinder nicht sehen will und sie dann ein Kind mit Down-Syndrom (Henri) im Zuge der Inklusion in ein Gymnasium anmelden. Zum Glück haben diese Down-Syndrom-Kinder in der Regel ein sonniges Wesen und sehr viel Gemütskräfte, so dass sie diesen Angriff der Eltern evtl. ohne größeren Schaden überstehen können.

Mein Sohn schloss, nachdem er in seiner Waldorfklasse immer der lernschwächste Schüler war, das zwölfte Schuljahr mit dem  Hauptschulabschluss ab. Ich bin mir heute noch nicht ganz sicher darüber, obwohl er sehr viel aus der Oberstufe mitgenommen hat, ob diese Zeit für ihn nicht eine verlorene Zeit war. Daran schließt sich die Frage an, ob er nicht durch die permanente Überforderung durch den Schulstoff nicht eher zum Statisten wurde, was ihm sicherlich für seine weitere Entwicklung auch nicht gut tat. Der Schule waren wir Eltern für die unzähligen Heileurythmie-Stunden, die ihm sicherlich auf seinem Weg geholfen haben, sehr dankbar. Nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Bäckerlehre fand er keine Arbeit, die er längere Zeit durchhielt. Er konnte dem Leistungsdruck nichts entgegensetzen und war in der Folge sehr oft krank. Damit begann für uns der schwierige Weg durch die verschiedenen Behörden, denn er hatte ja bis dahin keinen Behindertenstatus. Dieser Weg war für uns alle sehr mühevoll und durch die diversen Gutachten auch sehr teuer. Wie dieser Weg endete, habe ich oben beschrieben.

Man kann seinem Kind und sich selbst sehr viel ersparen, wenn man sich ganz im Sinne von Rudolf Steiner an der Wirklichkeit orientiert und sein Denken danach ausrichtet. Da hilft es auch wenig, wenn davon berichtet wird, dass da und dort bei Projekten mit normalbegabten und behinderten Kindern Erfolge in der Zusammenarbeit oder im Zusammenleben zu verzeichnen wären. Die Frage muss man stellen, wie es hinterher weiterging. Wurden die behinderten Kinder z.B. auch in alle Gespräche einbezogen oder zu einer Feier eingeladen? Und wenn ja, wer hat sich dann dauerhaft um diese Kinder gekümmert. Mit einem behinderten Menschen sich längere Zeit zu unterhalten oder etwas mit ihm zu unternehmen, kann sehr anstrengend sein und wird für viele Kinder und Jugendliche einfach eine Überforderung darstellen. Aus meiner Erfahrung mit meinem Bruder, mit dem ich bis zu seinem Tod zusammen immer in einer Hausgemeinschaft lebte, werden solche Projekte immer nur „Eintagsfliegen“ sein können. Ein behindertes Kind ist besser unter Seinesgleichen aufgehoben und fühlt sich da auch viel sicherer und wohler. Was wissen wir denn, was in einem solchen Menschen vorgeht? Ihre Welt ist eine andere, ihr Bewusstsein ist ein anderes. Und doch können sie mitunter mit unglaublicher Sicherheit ihre Umwelt einschätzen und beurteilen. Ein geheucheltes Interesse z.B.an seiner Person, konnte mein Bruder sofort entlarven. Die Frage kann sich stellen, ob diese Fähigkeit aus den vielen Enttäuschungen mit den sog. normalen Menschen herrührte? Wer jetzt sagt, dass gerade dafür die Inklusion eingeführt werden müsste, damit der Umgang mit Behinderten selbstverständlicher und normaler wird, schaut immer nur die eine Seite der Medaille an und hat von dem Anliegen dieser Schrift gar nichts verstanden! Es kann nicht darum gehen, dass es uns besser geht und wir uns beruhigt zurücklehnen können und uns wohl fühlen in unserm ach so sozialen Verhalten.

Über diese persönlichen Dinge zu schreiben ist mir nicht leicht gefallen, vor allem deshalb nicht, weil ich sehr häufig an diese geliebten Menschen denke und mich immer wieder frage, was ich wohl alles falsch gemacht habe im Umgang mit ihnen. Jedes Schicksal und jede Situation ist zwar anders zu betrachten und trotzdem gibt es übergeordnete Gesetzmäßigkeiten, die ich versucht habe auch aus meiner Erfahrung heraus hier aufzuzeigen.

An meiner ehemaligen Schule hat es sich in den letzten Jahren ergeben, dass in den Räumen der Waldorfschule zusätzlich eine Förderschule eingerichtet wurde. Noch gibt es  scheinbar wenig Berührungspunkte, was sicherlich, z.B. durch gemeinsame Projekte, noch sehr ausbaufähig ist. Die einzelnen Kinder der beiden Schularten begegnen sich jedoch im Schulhaus oder im Bus und lernen sich kennen. Das ist eine Form, welche zur Akzeptanz untereinander führen kann. Dadurch können beide Seiten die Schüler der jeweils anderen Schulform respektieren lernen und als Folge daraus evtl. auch voneinander profitieren.

Rolf Deiß, Mai 2014

 



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