Friede durch Bildung

 

Im Jahre 1993 gründete ich eine Praxis für ambulante Heilpädagogik. Nachdem ich einige Jahre mit entwicklungsgestörten Kindern gearbeitet hatte, bemerkte ich immer deutlicher, daß ich eigentlich am falschen Ende arbeitete. Ich hatte mit den Wirkungen zu tun und nicht mit den Ursachen, denn das Kind und seine Entwicklung sind im Grunde nur der Kristallisationspunkt, an dem sich die Umgebung mit ihren Fähigkeiten und Mängeln spiegelt. Da begann ich Seminare zu veranstalten über Erziehung und Heilpädagogik für Eltern, Lehrer, Erzieher, Ärzte und Psychiater. Nach weiteren Jahren stand für mich fest, daß ich immer noch nicht dort ansetzte, wo die wirklichen Ursachen zu suchen sind, nämlich beim gesellschaftlichen Umfeld und einer Gesetzgebung, unter deren „Obhut“ gar keine Erziehung und Bildung zur Gesundheit und Harmonie der Kinder möglich ist. Die Zeitspanne bis ich dann durchschaute, daß gerade das Gegenteil von der Politik bewußt angestrebt wird, war dann nur noch gering. All dies führte zur Entstehung des Pelagius Heftes.

Die Absichten der Machthaber bestehen darin, den Menschen schon im Kindesalter so zu erziehen, daß er krank wird, daß sein selbständiges Denken unterdrückt wird, daß er unselbständig bleibt, ein Leben lang mit seinen Egoismen und seinen Sexualtrieben beschäftigt ist. Dann nämlich kann man ihn besser beherrschen und manipulieren. Nehmen wir alle Anstrengungen zusammen die heute zu diesem Ziel gemacht werden, dann können wir dies die staatlich gewollte, geförderte und geforderte Erziehung nennen. Niemand hat noch ein Recht das mit dem Wort Bildung zu benennen, höchstens mit dem Begriff Verbildung. Und solange der Staat die Oberaufsicht über die Erziehung, die Kindergärten, die Schulen, die Universitäten hat, wird sich daran auch nichts ändern. Dazu paßt eine Meldung vom 9. September 2014 im „Bonner Generalanzeiger“: „1,5 Millionen Analphabeten in NRW – Jeder dritte Arbeitslose kann nicht richtig lesen“. Sie sehen diese Zahl bezieht sich nur auf das Bundesland Nordrhein-Westphalen.

Dem Staat zugeordnet ist das Prinzip der Gleichheit. Ja ich weiß, er kümmert sich vor allem um die, die gleicher sind, aber wir wollen davon einmal absehen. Er bringt das Prinzip der Gleichheit in die Schulen. Es geht nicht mehr um die Förderung der Begabung, um Differenzierung nach den verschiedenen Veranlagungen, es geht um Nivellierung. Jedes Ausländerkind, das nicht die Möglichkeiten hatte die sprachlichen, kognitiven, motorischen und sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, die in der Schule Voraussetzung sind zum Erlernen der Kulturtechniken, hat den Anspruch genauso behandelt zu werden wie Kinder, die diese Voraussetzungen erfüllen und Begabungen mitbringen. Die Politik orientiert sich an diesen Ansprüchen, sie kommen ihren Intensionen entgegen. Das deutlichste Bespiel das dies bestätigt ist die Inklusion. Wie sehr wird das Down-Syndrom Kind, welchem die Eltern in Karlsruhe die Teilnahme am Gymnasium erzwungen haben, obwohl die Mutter zugab, daß es ein E nicht vom einem I unterscheiden konnte, das Leistungsniveau der Klasse drücken. In meiner Heimatstadt wurde, es ist schon einige Jahre her, eine Schulanfängerklasse für türkische Kinder eingerichtet, weil diese die Voraussetzungen für den Eintritt in eine normale erste Klasse nicht erfüllten. Die Migrationsindustrie und ihr Klientel liefen damals Sturm. Das ist ja Diskriminierung! Also geben wir dem Down-Syndrom Kind das Abitur, egal was es kann und gelernt hat? Das ist die Gleichheit im Geistesleben. Dort jedoch gehört es nicht hin. Dort muß die Freiheit herrschen. Was aber hat der Staat mit Freiheit zu tun? Und speziell „unser“ Staat, der die Bezeichnung Demokratie nur noch als eine Etikette trägt?

Die Erziehung ist jedoch der Quell, aus dem die Ideen entspringen, von dem dieser Staat dann in der Zukunft lebt. Forschungen, Erfindungen, soziale Gestaltungen leben letztendlich von Ideen der Menschen, die einen Staat oder auch ein solches Monstergebilde wie die EU bilden. Davon lebt die Wirtschaft, das sind die nährenden Ressourcen der Zukunft eines Landes. Zu guter Letzt sägt sich ein Staat, der die Bildung vernachlässigt, den Ast ab auf den er gründet. Ein solches Machtgefüge arbeitet an der eigenen Beseitigung, an der eigenen Vernichtung, da er der Entwicklung der Menschheit sich hemmend entgegenstellt. „Man reicht aus, ohne daß man Ideen hat, in Zeiten von Revolutionen und Kriegen, man kann aber nicht ausreichen ohne Ideen in Zeiten des Friedens; denn werden die Ideen in Zeiten des Friedens rar, dann müssen Zeiten von Revolutionen und von Kriegen kommen. – Zum Kriegführen und zu Revolutionen braucht man keine Ideen. Um den Frieden zu halten, braucht man Ideen, sonst kommen Kriege und Revolutionen. Und das ist ein innerer spiritueller Zusammenhang. Und alle Deklamationen über den Frieden nützen nichts, wenn nicht diejenigen, die die Geschicke der Völker zu leiten haben, sich bemühen, gerade in Friedenszeiten Ideen zu haben. Und sollen es soziale Ideen sein, so müssen sie sogar von jenseits der Schwelle herrühren. Wird eine Zeit ideenarm, so schwindet aus dieser Zeit der Friede.“ Diese Ausführungen von Rudolf Steiner finden sich in dem Zyklus „Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils“ GA 185a, Seite 212, in der Ausgabe von 2004.

Ideen werden vom menschlichen Denken gebildet. Und um die Möglichkeiten eines Menschen, Ideen zu haben, auszubilden, bedarf es der Erziehung und damit der Schule. Kriege werden eher – wir wollen einmal vom Bürgerkrieg, der sich gegen die eigene Bevölkerung oder dieser untereinander abspielt, absehen –, gegen andere Staaten und Länder geführt. Sie dienen in der Regel den Machthabern. Sie sollen deren Positionen stärken, von anderen Problemen ablenken und die Wirtschaft ankurbeln, um Absatzmärkte zu erobern und dazu führen, die Ressourcen anderer Länder zu erbeuten. Sie dienen nicht den Menschen der kriegführenden Nationen. Aus diesem Grund sind die USA das Land, welches in diesem und im vorigen Jahrhundert die meisten Krieg geführt hat oder andere gezwungen hat diese zu führen. Revolutionen richten sich gegen bestehende Verhältnisse, weil die Menschen mit diesen unzufrieden sind.

Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum der Westen, die Drahtzieher der Weltdiktatur, so viele Kriege führt, um Revolutionen in der Bevölkerung ihrer Länder zu verhindern. Kriege machen Angst, schon die Bedrohung die man suggeriert, um erklären zu können, warum man diese führen muß, sie lenken ab von anderen Problemen. Und eine Tatsache ist, daß tief unten im Unterbewußtsein der Arbeiter, der Armen, der Unterschicht, der großen Masse Bitterkeit vorhanden ist mit den sozialen Verhältnissen, mit denen die heutige Menschheit nicht mehr zufrieden sein kann und deren Lösung oder Weiterentwicklung spätesten seit dem ersten Weltkrieg überfällig ist. „Der Trotzki, der hat viel Unsinn geredet und noch mehr Unsinn getan und Unheil angerichtet in der Welt, aber einen Satz hat er ausgesprochen mit Bezug auf diese kriegerischen Katastrophe (es ist die Rede vom Ersten Weltkrieg), der anfing, verhältnismäßig bald Wahrheit zu werden. Das ist der Satz: Die führenden Kreise – womit er diejenigen meinte, die auf der ganzen Welt selbstverständlich, nicht bloß in Mitteleuropa, an diesem Kriegsausbruch beteiligt waren – haben nur die Wahl zwischen Dauerkrieg oder Revolution; ein Drittes gibt es nicht. – Es ist eben richtig, daß die Ereignisse der Welt so geschoben und geleitet worden sind – und da beginnt die Verantwortlichkeit der breiten Masse der zivilisierten Welt –, daß man endlich in die Sackgasse hineingetrieben worden ist, wo es nur noch gab: entweder zäh festhalten oder die Revolution ist da. Nun, das haben sie ja gesehen, wie man zäh festgehalten hat an dem Krieg, denn solange er dauert, ist die Revolution nicht da. In dem Augenblick wo er aus ist, wird sich die Revolution schon da oder dort zeigen.“ Ebenda, Seite 50. Im Grunde ist dieser Krieg bis heute nicht beendet worden. Und was wird geschehen, wenn die Menschen von ihren Machthabern sich nicht mehr von einem Konflikt in den nächsten hetzen lassen? Wenn sie zum Nachdenken, zum Durchatmen kommen? Aber da gibt es auch noch das Fernsehen, Facebook und der Streß um den Lebenserhalt, die uns am Nachdenken hindern und – zu wirklich heilsamen Veränderungen im sozialen Leben fehlen den Menschen die Ideen: „Und sollen es soziale Ideen sein, so müssen sie sogar von jenseits der Schwelle herrühren.“ Siehe oben. Und hier schließt sich der Kreis. Diese Ideen müssen aus dem freien Geistesleben geboren werden, das bisher dem staatlichen Zwang unterworfen ist. Universitäten, Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten, Presse, Fernsehen, Rundfunk alles unterliegt diesem Zwang und das ist noch nicht einmal der mitteleuropäisch-staatliche Zwang, sondern bis heute der der Siegermächte. Wer Angst davor hat, das Erziehungswesen könnte sich verschlechtern, wenn der Staat sein Monopol, seinen Zwang verliert, dem muß gesagt werden: Niemand kann es so schlecht machen wie der Staat. Das sehen wir, wenn wir die Wirklichkeit in der Pädagogik betrachten. Der Lehrer, der Erzieher muß aus seiner eigenen Verantwortlichkeit, aus seinen eigenen Möglichkeiten heraus erziehen können, sonst ist er ein menschlicher Automat, ein staatlicher Vollstreckungsbeamter und wird auch immer nur zum Automaten, zum Beamten, zum Rädchen erziehen können.

Rüdiger Keuler, November 2014

 



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