Menschsein II


Schon einmal, in Pelagius Heft XXIX, habe ich über das Thema „Menschsein“ geschrieben. Darüber, daß nicht alles was eine menschliche Gestalt hat auch Mensch ist. Darüber, daß man heute genaue Vorstellungen davon haben muß, was ein Mensch ist und davon, was er zu tun hat um ein solcher zu bleiben und immer mehr zu werden. Ich spreche nicht davon, was an äußerer Form da sein muß, damit wir von einem Menschen reden, ich spreche von dem, was im „Inneren“ des Menschen vorhanden sein muß, um von einem solchen reden zu dürfen. Den ersten Artikel baute ich auf den Ausspruch von Rudolf Steiner auf: „Man muß den Menschen kennen, wenn man Mensch sein will.“ GA 127, Seite 28. Diesmal will ich die Kenntnis der menschlichen Wesenheit konkretisieren, indem ich Ausführungen von ihm zugrunde lege, von denen er selbst sagt: „Das ist etwas, was uns im eminentesten Sinne hineinführt in das Verständnis der Menschenwesenheit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Zyklus „Anthroposophische Gemeinschaftsbildung“ GA 257, Seite 44, in der Ausgabe von 1983.

Der Mensch ist ein geistig-seelisches Wesen und dort, wo im Verlauf der Entwicklung des Materialismus der geistige Inhalt, das geistige Wesen des Menschen verloren ging, kann auch nicht mehr vom Menschsein gesprochen werden. Das erklärt u.a. das völlig unmenschliche, da amoralische Verhalten vieler „Menschen“ zum Beispiel in der Politik, im Finanzwesen und in den konfessionellen Kirchen, wo wir vielfach menschlich scheinende Wesen finden, die an Unmenschlichkeit noch weit unter den Mitgliedern der organisierten Kriminalität stehen, insofern man Politiker und Finanzhaie nicht von vornherein zum organisierten Verbrechen rechnet. Es ist mir durchaus bewußt, daß das was ich sage, für einen Leser, der sich mit der Frage, was macht einen Menschen aus, noch nie ernsthaft beschäftigt hat, schockierend sein muß. Aber schon Eugen Roth (1895-1976) erkannte: „Ein Mensch meint, gläubig wie ein Kind, daß alle Menschen Menschen sind.“ Heute würde Roth vielleicht sagen: Ein Mensch sucht eifrig wie ein Kind, wo unter allen Menschen die letzten Menschen sind.

Man kann sich unter Umständen und viele werden dies tun, darüber aufregen, wenn anderen menschlich scheinenden Wesen deren Menschsein abgesprochen oder zumindest in Frage gestellt wird. Aber man kann das angesprochene Thema auch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten, nämlich unter dem, die Ausführungen zum Anlaß zu nehmen, ernsthaft zu hinterfragen, was den Menschen zum Menschen macht und weiter sich die Frage zu stellen: erfülle ich selbst diese Kriterien? Damit könnte der Mensch für sich und andere Schlimmeres verhüten und Verlorenes wiedererlangen, es wäre also Anlaß zu einer großen Chance.

Der Mensch ist ein geistig-seelisches Wesen sagte ich, also müssen wir uns zu dem Thema, was macht einen Menschen zum Menschen, an einen wenden, der über das Geistige Auskunft geben kann, an Rudolf Steiner. Klingen seine Aussagen zu diesem Thema weniger schockierend als meine? „Würde nun der Mensch nur so leben, daß er, ich möchte sagen, sich dem Zufall übergibt, daß er nicht aufnimmt innere Richtungslinien und Gesetzmäßigkeiten, in einem bestimmten Zeitpunkt nicht sich sagt: So mußt du deine ganze Wesenheit orientieren –, würde der Mensch nicht zu einer solchen inneren Orientierung kommen, sondern sich dem Zufall überlassen in seinem Hinleben von der Geburt bis zum Tode hier auf Erden, er würde, trotzdem er durch sein höher entwickeltes Seelenleben über das Tier hinausragt, durch diese Handhabung seines Seelenlebens unter die Tierheit heruntersinken.“ Diese Worte Rudolf Steiners stammen aus dem Zyklus „Erdenwissen und Himmelserkenntnis“ GA 221, Seite 10, in der Ausgabe von 1981. Sind das nicht schockierende Worte? Er spricht in besagten Vortrag zuvor über die Tiere, die durch ihren Instinkt in das Geschehen der Natur eingebunden sind und durch diesen Instinkt mit den Gesetzmäßigkeiten der Welt im Zusammenhang stehen. Der Mensch jedoch wurde zur Freiheit entlassen; wenn er von sich aus nicht die Richtlinien und Gesetzmäßigkeiten des Kosmos wiederauffindet, verliert er sich im Chaos und sinkt unter die Stufe des Tieres herunter. Sollten Sie sich nun fragen, was meint der eigentlich? So empfehle ich Ihnen eine Demonstration gegen die Frühsexualisierung oder eine von Pegida zu besuchen. Da stehen Sie den rot-braunen Horden der Linksfaschisten gegenüber, den SA Horden des US-Imperialismus. Da wird das Tier im Menschen äußerlich anschaubar, da können Sie erleben was es heißt: Tiermensch, unter die Stufe der Tierheit hinunterzusinken, allerdings nicht bei den Mitläufern, aber beim harten Kern, der Antifa. Das aber sind nur die Extremfälle, die so sind, daß es auch ein Begriffsstutziger wahrnehmen könnte, wenn er in einer solchen Situation noch dazu kommt in Ruhe wahrzunehmen.

Rudolf Steiner fährt weiter unten fort: „Jenes innere Richtunggebende seines Lebens hat der Mensch eigentlich verloren. Denn er müßte dieses Richtunggebende seines Lebens darinnen sehen, daß er als ein Glied der Menschheit sich bewußt ist: Du bist ein Mensch dieses oder jenes Jahrhunderts. Dieses oder jenes Jahrhundert nimmt aber in dem Gesamtwerden deines Planeten eine bestimmte Stellung ein, so wie der Monat September eine bestimmte Stellung im Jahreslauf für ein niederes Lebewesen einnimmt. Du mußt dir bewußt werden, wie dein Seelenleben sich in eine bestimmte historische Epoche hineinstellen muß.
Das muß allerdings etwas werden, das sich der Mensch aneignet, indem er immer mehr und mehr hineintritt in die Bewußtseinsseelenentwickelung. Der Mensch muß bewußt sich sagen können: Ich lebe in dieser oder jener Epoche, und ich bin nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch, wenn ich mich dem Zufall überlasse, der mich durch die Geburt ins irdische Dasein hereingestellt hat, das heißt für mein Bewußtsein dem Zufall überlasse, sonst bin ich dem Karma überlassen. Ich bin nur dann im vollen Sinne des Wortes Mensch, wenn ich mir Rechenschaft darüber ablege, was die geschichtliche Entwickelung der Menschheit von meinem Seelenleben will, indem ich einer gewissen Epoche angehöre. Das Tier lebt im Jahreslauf. Der Mensch muß lernen, in der Geschichte der Erde zu leben.“
Ebenda, Seite 11. Wenn wir diesen Maßstab auf die Masse der heute lebenden Menschen anwenden, wie viele haben sich dann über die Tierstufe erhoben bzw. sind nicht unter diese hinuntergesunken? Und finden wir diese Aussage nicht im gesellschaftlich-kulturellen Leben der Menschheit und seinen rasant fortschreitenden Verfallserscheinungen bestätigt? Wieviel von diesem Tierhaften spiegelt sich in Filmen, Büchern, Comics, Werbung, sogar in Opernaufführungen und in der Onlineausgabe der „Bild“? Gewalt und Sex, spiegelt sich darin unser Menschensein?

In diesem Vortrag Rudolf Steiners wird deutlich, daß es nicht so einfach ist, wie wir uns das mehr oder weniger unbewußt vorstellen: Man lebt so vor sich hin, versucht vor dem Gesetz nicht auffällig zu werden, so ungefähr ein guter Mensch zu sein und meint, das wird schon irgendwie reichen. Auch als Anthroposoph geht man mehr oder weniger davon aus: Ich habe ja zur Geisteswissenschaft gefunden und diese ist meine „Eintrittskarte“ in den „Himmel“. Diesem Vortrag können wir entnehmen, daß es nicht so simpel ist, wie wir uns das gerne vorstellen würden.

Rudolf Steiner schildert dort, wie der Mensch in der Vergangenheit ein Bilderbewußtsein hatte. Er empfing die Wahrheiten über die Welt der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere in Bildern, die jedoch der Wirklichkeit viel mehr entsprachen als die abstrakten Gesetze, die die Naturwissenschaft aufstellt. Mit diesem Bilderbewußtsein mußte der Mensch jedoch haltmachen vor der Erkenntnis des Menschen selbst, weil er darin nicht das innerste menschliche Wesen fand. Im Zusammenhang mit den Mysterien wurde die Wahrheit gelehrt, daß der Mensch nicht vollständig Mensch sein kann im irdischen Leben. Erst unmittelbar nach seinem Tode, in der Zeit, in welcher der Gegenwartsmensch die bildhafte Rückschau auf sein vergangenes Leben hat, bekam der Mensch ein intellektualistisches Bewußtsein und damit sein volles Menschentum. Das Bilderbewußtsein war an die Hüllen des Menschen gebunden, als da sind physischer Leib, Ätherleib und astralischer Leib. Erst das intellektualistische Bewußtsein geht aus dem geistigen Wesenskern des Menschen, aus dem Ich hervor. Der vorgriechische Mensch konnte noch nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch sein, er empfing dieses erst nach seinem Tode, die Aufgabe seines Lebens bestand darin, sich zu einem Kandidaten für den Erwerb des vollen Menschentums im Nachtodlichen zu machen. „Denn das war das Eigentümliche einer älteren Menschheitsentwickelung, daß der Mensch damals zwischen Geburt und Tod ausschließlich ein Bilderbewußtsein entwickelte, wie ich es öfters geschildert habe, noch nicht das intellektualistische Bewußtsein, das wir heute haben. Dieses intellektualistische Bewußtsein, das wir heute haben, das entwickelte der Mensch in jenen älteren Zeiten unmittelbar nach dem Tode. Und er behielt es dann nach dem Tode.“ Ebenda, Seite16.

Die weitere Entwicklung der Menschheit bestand nun darin, daß die Möglichkeit das intellektualistische Bewußtsein zu erringen, aus dem Nachtodlichen ins irdische Leben hereinzog. Durch die Potenzialität, dieses Bewußtsein zu erringen, kann der Mensch nun erst seit dem Beginn der fünften nachatlantischen Zeitepoche im irdischen Leben selbst Mensch werden. Wer nun allerdings sagt, dieses Bewußtsein habe ich doch als Gegenwartsmensch, ich kann also beruhigt sein, der irrt sich gewaltig. Das allermeiste des Denkens der heutigen Menschen ist immer noch das Denken in Vorstellungen und das ist das Denken, welches nicht aus dem Ich, sondern aus dem Astralischen des Menschen hervorgeht. Dieses Denken, von dem hier die Rede ist, nennt Rudolf Steiner das „reine Denken“. Es ist das Denken, das nicht in den Inhalten tätig ist, welche der Mensch durch die Sinne aufnimmt, sondern das Denken, welches in rein geistigen Inhalten verläuft. Die Möglichkeit eines solchen Denkens wird bis heute von den allermeisten Philosophen bestritten. Wer dieses Denken jedoch bestreitet, verbaut sich den Weg zum Geiste, bleibt im Sinnlich-Irdischen als Materialist festgebannt. Auch dann, wenn er Gott oder Christus oder auch Allah geflissentlich auf den Lippen trägt. Rudolf Steiner entwickelt dieses reine Denken am klarsten in seiner „Philosophie der Freiheit“, in „Wahrheit und Wissenschaft“ und in seinen „Grundlinien einer Erkenntnis der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller“. Wer diese Bücher gelesen hat weiß, wie schwierig es ist, sich in dieses Denken hineinzufinden. Die meisten Menschen und auch die meisten Anthroposophen werden sagen: Was für trockene Gedankenkonstruktionen werden da ausgeführt, da wende ich mich doch lieber dem vollsaftigen Leben zu. Aber genau darum geht es: In das abstrakte Denken wieder das Leben hineinzutragen. Zugegeben, das ist anstrengend. Wem es aber gelingt, der erlebt ein lebendiges Denken, welches ihm „Leckerbissen“ beschert „gegen (die) die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung der alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist.“ „Philosophie der Freiheit“ GA 4, Seite 232, in der Ausgabe von 1978. Ein Ihnen bekannter Anthroposoph hat einmal in meiner Gegenwart gesagt: „Rudolf Steiner hat die „Philosophie der Freiheit geschrieben und als die nicht verstanden wurde, hat er die Anthroposophie nachgeschoben“. Es ist natürlich pointiert ausgedrückt, hat aber einen großen Wahrheitskern. Wer sich von den Schwierigkeiten, die die Erringung des reinen Denkens mit sich bringt, abschrecken läßt, dem ist zu erwidern: Wie kommst du darauf, daß der Weg zum Menschsein, der der Weg vom Geschöpf zum Schöpfer ist, einfach sein sollte? Es ist der Weg, sich das, was uns Rudolf Steiner als Geschenk der Götter gebracht hat, zu eigen zu machen. Wem sich dieser Entwicklungsgang als einfach darstellen sollte, der wäre auf dem falschen Weg und wer die Anstrengungen scheut, die damit verbunden sind, verdammt sich selbst zum Tiersein. „Der neuere Mensch aber muß sich sagen, nachdem er die Zwischenstufe des Griechischen in anderen Erdenleben durchgemacht hat: Du mußt achtgeben, daß du nicht versäumst, ein wahrer Vollmensch zu sein in deinem fleischlichen Leibe zwischen Geburt und Tod, denn dir ist es beschieden als moderner Mensch, innerlich auszuarbeiten dasjenige, was aus dem vorirdischen Leben in das irdische Leben hereingetreten ist. Du kannst Mensch auf Erden werden. Du mußt daher die Schwierigkeit auf dich nehmen, Mensch zu werden auf der Erde.“ Wieder GA 221, Seite 20.

Solange der Mensch nicht zu diesem Denken findet, denkt er mit dem Astralleib und dieser gehört zu den Hüllen des Menschen, nicht zum geistigen Wesenskern. Dort, im Astralleib, unterliegt der Mensch der Notwendigkeit. Den Notwendigkeiten der Materie, des Irdischen und des gewordenen Karmas. Die Freiheit finden wir im Geistigen, im „reinen Denken“. Dort in der Unwirklichkeit der Abstraktion gibt es keinen Zwang, denn was wir dort finden sind nur die Spiegelbilder der lebendigen, der wirkenden, der schaffenden Gedanken, die auch unseren Leib konstituieren. Und welches Bild im Spiegel kann uns zu etwas zwingen, es ist ja unwirklich? „Nun, diese abstrakten Begriffe, die uns innerlich zum reinen Denken erziehen, wovon ich gerade in meiner „Philosophie der Freiheit“ gesprochen habe, diese abstrakten Begriffe, sie machen es möglich, daß wir freie Wesen werden. Als die Menschen noch nicht in Abstraktionen denken konnten, waren sie mit ihrer ganzen Seelenverfassung determiniert, abhängig. Frei können sich erst die Menschen entwickeln, nachdem sie innerlich durch nichts bestimmt sind, nachdem die moralischen Impulse – Sie können das nachlesen in meiner „Philosophie der Freiheit“ – im reinen Denken erfaßt werden können. Reine Gedanken sind aber keine Realitäten, sondern sie sind Bilder. Bilder können uns nicht zwingen, wir selber müssen unser Handeln bestimmen; Bilder haben nichts Zwingendes. Die Menschheit hat sich auf der einen Seite zum abstrakten Gedanken, auf der anderen Seite zur Freiheit entwickelt.“ GA 257, Seite 43. Deswegen sagt der Christus: Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. Rudolf Steiner schildert diesen Akt der inneren Befreiung so: „…wie eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation zum Denken ist. Diese bewirkt nämlich nichts an dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie weicht, wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz tritt das Denken auf. Dem Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt es die menschliche Organisation in deren eigener Tätigkeit zurück, und zweitens setzt es sich selbst an deren Stelle. Denn auch das erste, die Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge der Denktätigkeit. Und zwar desjenigen Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens vorbereitet. GA 4 „Philosophie der Freiheit“, Seite 147. Solange wir es nicht schaffen, die leiblich-seelische Organisation zurückzudrängen, um den Platz für das reine Denken freizubekommen, sind wir nicht frei, dann sind wir aber auch noch nicht Mensch, denn das Menschsein ist an die Freiheit gebunden. All unsere Vorlieben, Egoismen, Leidenschaften, Emotionen und Bequemlichkeiten, unsere Gebundenheiten wehren sich dagegen, diesen Platz frei zu machen, zum Beispiel wenn ich als Angehöriger der anglo-amerikanischen Bevölkerung nicht sehen will, was geopolitisch vor sich geht, wenn ich mich aus meinen Blutsbindungen nicht frei machen will, wenn ich gerne Alkohol trinke etc. und deswegen in meiner Erkenntnis und daraus hervorgehend in meinem Handeln unfrei bin.

Dieses reine Denken muß von uns jedoch wieder, aus seiner Unwirklichkeit, seiner Abstraktheit heraus zum Leben erweckt werden und das können wir nur, indem wir es mit der Liebe durchdringen oder um ein anderes Wort zu gebrauchen: Mit Enthusiasmus, mit Wärme. In der „Philosophie der Freiheit“ schreibt Rudolf Steiner: „Das Denken läßt nur allzuleicht in diesem Nacherleben (gemeint ist die Betrachtung des Denkens selbst) kalt; es scheint das Seelenleben auszutrocknen. Doch dies ist eben nur der stark sich geltend machende Schatten seiner lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit. Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.“ GA 4, Seite 143. Und auf diesem Weg finden wir den Christus. Deswegen ist das christlichste Buch, welches je geschrieben wurde, die „Philosophie der Freiheit“, obwohl das Wort Christus nicht einmal darin vorkommt. „Und indem so dieses Himmlische, die Intellektualität und die Freiheit, in das irdische Leben eingezogen ist, ist für die Menschheit ein anderes Aufblicken zur Göttlichkeit notwendig geworden, als das früher der Fall war. Und dieses andere Aufblicken zur Göttlichkeit ist für die Menschheit möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Indem der Christus eingezogen ist in das irdische Leben, kann er heiligen dasjenige, was aus übersinnlichen Welten eingezogen ist, und was sonst den Menschen zur Hoffart und zu allem möglichen verführen würde. In einer Zeit leben wir, wo wir einsehen müssen: Von dem Christus-Impuls muß durchdrungen werden dasjenige, was unser Heiligstes in diesem Zeitalter ist: die Fähigkeit, reine Begriffe zu fassen und die Fähigkeit der Freiheit. Das Christentum ist nicht vollendet, das Christentum ist gerade dadurch groß, daß die einzelnen Entwicklungsimpulse der Menschheit nach und nach von diesem Christus-Impuls durchtränkt werden müssen. Der Mensch muß lernen, mit Christus rein zu denken, mit Christus ein freies Wesen zu sein, weil er sonst nicht in der rechten Weise dasjenige, was für ihn aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herübergezogen ist, im Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt wahrnimmt.“ GA 257, Seite 45. „Was in der Welt vor sich geht, ist, daß aus geistigen Höhen der Christus, die Geistsonne heruntergezogen ist in irdische Welten, damit dasjenige, was menschlich aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, sich finde mit dem, was kosmisch aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, auf daß der Mensch in der richtigen Weise sich zusammenfinde mit dem Geiste des Kosmos. Denn nur dann kann der Mensch in der richtigen Weise in der Welt stehen, wenn der Geist in ihm richtig den Geist außer ihm findet. Der Geist, der für die alte Menschheit jenseits des Todes gelebt hat, kann von der Menschheit der Gegenwart richtig nur in Besitz genommen werden im irdischen Leben, wenn der Mensch zugleich von demjenigen bestrahlt und beschienen wird, was als Christus auf die Erde herabgezogen ist aus jenen Welten, aus denen Rationalität und Intellektualität und Freiheit in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod herabgezogen sind.
So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung; beginnt mit dem, was der Kopf erfassen kann, geht heran an dasjenige, was im weitesten Umfange das Wort gestalten kann und endet mit dem, was das Herz mit Wärme durchtränkt und das Herz in die Sicherheit führt, auf daß des Menschen Seele sich finden könne zu allen Zeiten in seiner eigentlichen Heimat, im Geistesreich.“
 Ebenda, Seite 46.

Niemand kann in Frage stellen, daß dieser Weg zum Menschsein ein beschwerlicher ist, aber der Preis ist auch hoch, der Preis, den wir bekommen, wenn wir uns zu diesem Denken hindurcharbeiten und auch der, den wir bezahlen, wenn wir versagen. „In jenen älteren Zeiten hatte der Mensch die Aufgabe, hier auf Erde ein Kandidat des Lebens zu sein, nach dem Tode dadurch ein voller Mensch zu werden. In dieser unserer gegenwärtigen Epoche hat der Mensch die Aufgabe, hier auf Erden sich die Möglichkeit zu erringen, ein Vollmensch zu sein, damit er dann nach dem Tode in höhere Stufen der Entwickelung eintreten zu könne, als das der ältere Mensch konnte. Der ältere Mensch setzte sich der Gefahr aus, wenn er das Erdenleben nicht richtig lebte, nicht bis zur vollen Menschheit zu kommen. Der neuere Mensch steht vor etwas anderem. Er steht davor, auf Erden erringen zu müssen das volle Menschentum. Und erringt er es nicht, dann verleugnet er es, und dann stößt er sich für das Leben nach dem Tode weiter in das Untermenschliche hinunter. Der ältere Mensch konnte etwas unterlassen; der neuere Mensch zerstört etwas. Der ältere Mensch unterließ etwas, wenn er nicht ein Kandidat des Lebens wurde; der neuere Mensch zerstört in seinem Menschentum etwas für die ganze Menschheit, wenn er nicht darnach strebt, auf Erden ein vollmenschliches Wesen zu werden, denn er verleugnet dadurch die Menschheit, während der ältere Mensch sie nur versäumte.
So muß gedacht werden, wenn der Mensch auf seiner höheren Stufe des Daseins bewußt in demselben Sinne in die Welt sich hineinstellen will, wie das Tier instinktiv auf einer niederen Stufe in seine Welt sich hineinstellt, sonst liefert sich der Mensch dem Chaos aus, was das Tier aus seinem Instinkte heraus nicht tut.
Das ist etwas, was wie lernen müssen durch Anthroposophie: wirklich Mensch zu sein, damit wir nicht die Schande erleben, weniger zu sein im Weltenall, trotzdem uns die Götter zu Höherem bestimmt haben, weniger zu sein im Weltenall als das Tier, das nicht versäumt, die Harmonie des Weltenalls mitzumachen, während wir Menschen, wenn wir so nicht denken wollen, wie es angedeutet ist durch das Hineinstellen des rechten Bewußtseins in die rechten Zeiten, die Weltenharmonie in Mißtöniges verwandeln und dadurch, ich möchte sagen, kosmische Schande auf uns laden.
So müssen wir unser Gefühlsleben verbinden lernen mit unserem intellektualistischen Leben in der modernen Zeit. Wir müssen erleben lernen, daß es eine Schande sein kann, nicht nach derjenigen Erkenntnis zu streben, welche uns zum vollen Menschen macht, eine Schande vor den Göttern der Welt.“
GA 221, Seite 23.

Ich empfehle dem Leser aufs Wärmste die Arbeit an dem ersten Vortrag von GA 221, den ich diesen Ausführungen hauptsächlich zugrunde gelegt habe und dazu den letzten aus diesem Zyklus GA 221. Und niemand sollte denken, er hätte das damit Gemeinte schon erreicht, er wird dafür mehr als ein Leben brauchen, er kann jetzt damit nur beginnen, aber dieser Anfang ist eminent wichtig für jeden Einzelnen, die ganze Menschheit und den Kosmos. Auf daß wir nicht zur Schande vor den Göttern der Welt werden.

Damit kann es uns klarer geworden sein, in welcher Zeit wir leben und was diese von uns fordert, wenn wir Mensch sein wollen und es kann uns auch der Weg inneren Schulung und Entwicklung durch die Anthroposophie genauer erkennbar sein.

Wenn wir heute erleben dürfen wie die Menschen langsam erwachen, wie sie zu durchschauen beginnen, was mit Ihnen gemacht wird, so beruht dieses Erwachen ja darauf, sich zu einem eigenständigen Denken hin auf den Weg zu begeben. Damit nähern sich diese Menschen dem wirklichen Menschsein, sie beginnen sich eine Anwartschaft auf das Menschsein zu erwerben, nicht mehr. Für die Anthroposophen besteht jedoch kein Grund zur Überheblichkeit, denn das, was Rudolf Steiner in diesen Vorträgen ausführt, muß von uns erst geleistet werden und daß dies nicht so einfach ist wie wir uns das wünschen, ist, so hoffe ich, durch diesen Aufsatz deutlich geworden. Das durch dieses Wissen um das wirkliche Menschsein den Anthroposophen die Verpflichtung auferlegt ist, auch andere Zeitgenossen an dieses Wissen heranzuführen, sollte uns auch bewußt sein. Denn wir werden das Ziel der Menschheitsentwicklung nicht alleine erreichen, sondern nur mit dem Bruder an der Hand und schon im nächsten Leben werden die Anstrengungen größere sein müssen zum Geiste zu finden wie in diesem Leben, das können wir schon dem Satz „Und erringt er es nicht, dann verleugnet er es, und dann stößt er sich für das Leben nach dem Tode weiter in das Untermenschliche hinunter“ entnehmen. Für den Menschen, welcher es in diesem Leben versäumt zum Geistigen zu finden, wird es schwerer, da er sich in einem noch verhärterterem Leib vorfindet und aus diesem Grund wird es auch für die, die ihm helfen wollen schwieriger, das Nötige an Hilfe zu leisten. Und auch darauf sollten wir uns vorbereiten, heute schon die Grundlage dafür zu legen, die dann notwendigen Fähigkeiten zur Verfügung zu haben. Auch das können wir mit der nötigen Konsequenz leisten.

„Ideen sind für die Anthroposophie die aus Liebe gezimmerten Gefäße, in welche hereingeholt wird aus geistigen Welten auf geistige Art das menschliche Wesen.“ Aus „Anthroposophische Gemeinschaftsbildung“ GA 257, Seite 13 in der Ausgabe von 1983.

 Rüdiger Keuler, Januar 2015

 



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