Der Untergang des Abendlandes

Der Untergang des Abendlandes, so lautete der Titel eines vielgelesenen Buches von Oswald Spengler, welches 1918 erschien. Rudolf Steiner kam oft auf diese Buchveröffentlichung zu sprechen und er bestätigte diesen Untergang, wenn es nicht gelingen würde, neue Impulse aus der Geisteswissenschaft dem europäischen Geistesleben einzupflanzen. Heute, wo wir uns bereits in diesem Untergang befinden, wo mit immer größerer Geschwindigkeit die sozialen, die staatlichen, die Rechtsstrukturen sich auflösen, gewinnen diese Worte auf neue Weise eine enorme Dringlichkeit. „Alles liegt heute an der Einsicht, daß es auf den Geist ankommt, der innerhalb der europäisch-amerikanischen Kultur verborgen ist, den man flieht, den man aus Bequemlichkeit nicht haben will, der aber doch einzig und allein die Menschheit zu Aufgangskräften führen kann. Man möchte sich eben den Nebel vor die Augen machen, indem man sich immer wieder und wiederum sagen will: Es werden schon die Zeiten von selber besser werden. – Nein, die Stunde der großen Entscheidung ist da. Entweder werden sich die Menschen entschließen, die Spiritualität zu heben, von der ich eben gesprochen habe, oder der Untergang des Abendlandes ist sicher. Kein Hoffen, kein fatalistisches Ersehnen eines von selbst kommenden Besseren kann helfen. Die Menschheit ist einmal in die Epoche der freien Benützung ihrer Kräfte eingetreten, und die Menschheit muß diese freien Kräfte wirklich handhaben. Das heißt, die Menschheit muß selber entscheiden, ob sie die Spiritualität haben will, oder ob sie sie nicht haben will. Wird sie sie haben wollen, dann wird ein Fortschritt der Menschheit möglich sein. Wird sie sie nicht haben wollen, dann ist der Untergang des Abendlandes besiegelt, dann wird unter den furchtbarsten Katastrophen eine ganz andere Fortentwickelung der Menschheit stattfinden müssen, als sich viele heute träumen lassen.“ Das Zitat von Rudolf Steiner ist dem Band „Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse“ GA 209, Seite 18 in der Ausgabe von 1982 entnommen (Betonung vom Verfasser).

Selbst unter meinen Lesern herrschen diesbezüglich noch bedeutende Illusionen. Vor kurzem sprach ich mit einer Dame, die ich in geisteswissenschaftlichen Belangen schätze und selbst diese sagte, in der Zukunft würde sich alles zum Besseren wenden, da die Kinder ja schon hellsichtig geboren werden würden. Was es damit auf sich hat, können wir einem anderen Zitat von Rudolf Steiner entnehmen: „Was würde nun aber eintreten, wenn zum Beispiel die Menschen so blieben, wie sie heute gute Neigung haben zu sein, wenn sie also die zu Ahriman hinführenden Strömungen nicht in der Weise auffassen, durchschauen und dadurch in das richtige Geleise führen würden, wie wir das neulich besprochen haben? Dann würde eben, sobald Ahriman in dem bestimmten Zeitpunkte sich in der westlichen Welt inkarniert, die Menschheitskultur ganz ahrimanisiert werden. Was würde Ahriman bringen? Ahriman würde den Menschen durch die grandiosesten Künste alles dasjenige bringen, was bis dahin nur mit großer Mühe und Anstrengung erworben werden kann an hellseherischem Wissen, wie es hier gemeint ist. Denken Sie sich, wie un­endlich bequem das sein würde! Die Menschen würden gar nichts zu tun brauchen. Sie würden materialistisch hinleben können, sie würden essen und trinken können, so viel eben nach der Kriegskatastrophe da ist, und würden sich nicht zu kümmern brauchen um irgendein Geistesstreben. Die Ahrimanströmungen würden ihren «schönen, guten» Verlauf nehmen. Wenn im richtigen Zeitpunkt Ahriman in der westlichen Welt inkarniert wird, würde er eine große Geheimschule gründen, in dieser Geheimschule würden die grandiosesten Zauberkünste getrieben werden, und über die Menschheit würde ausgegossen werden alles dasjenige, was sonst nur mit Mühe zu erwerben ist.
Man darf sich wiederum nicht philiströs vorstellen, daß Ahriman, wenn er herunterkommt, eine Art von «Krampus» ist, der den Menschen allen möglichen Schabernack antut. 0 nein, alle die Bequemlinge, die heute sagen: Wir wollen nichts von Geisteswissenschaft wissen –, die würden seinem Zauber verfallen, denn er würde in grandiosester Weise die Menschen in großen Mengen durch Zauberkünste zu Hellsehern machen können. Nur würde er allerdings die Menschen so zu Hellsehern machen, daß der einzelne Mensch furchtbar hellsichtig würde, aber ganz differenziert: Dasjenige, was der eine sehen würde, würde der andere nicht sehen, nicht ein dritter! Die Menschen würden alle durcheinanderkommen, und trotzdem sie ein Fundament von hellseherischer Weisheit empfangen würden, würden sie nur in Streit und Hader kommen können, denn die Gesichte der verschiedenen Menschen wären die verschiedensten. Schließlich aber würden die Menschen mit ihren Gesichtern sehr zufrieden sein, denn sie würden ja ein jeder in die geistige Welt hineinsehen können. Die Folge davon würde aber wiederum sein, daß alles, was Erdenkultur ist, dem Ahriman verfiele! Die Menschheit würde dem Ahriman verfallen, einfach dadurch, daß sie sich nicht selbst angeeignet hat, was ihr dann Ahriman geben würde. Das wäre der allerschlechteste Rat, den man den Menschen geben könnte, wenn man ihnen sagte: Bleibt nur, wie ihr seid! Ahriman wird euch ja alle hellsehend machen, wenn ihr es wollt. Und ihr werdet es wollen, denn Ahriman wird eine große Macht haben! – Aber die Folge davon würde sein, daß auf der Erde das Ahrimanreich errichtet würde, daß die ganze Erde verahrimanisiert würde, daß da gewissermaßen zugrunde gehen würde, was bisher von der Menschenkultur erarbeitet worden ist. Erfüllen würde sich alles dasjenige, was im Grunde in unbewußter Tendenz die gegenwärtige Menschheit ja eigentlich heillos will.“
Aus „Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis“ GA 191, Seite 273 in der Ausgabe von 1983 (Betonung vom Verfasser). Die oben erwähnte Einstellung meiner Leserin wird schon aus der im ersten Zitat von Rudolf Steiner erwähnten Bequemlichkeit heraus geboren, denn das der-Wahrheit-unverhüllt-ins-Gesicht-blicken ist mit einer großen inneren Anstrengung verbunden. Nein, nichts wird uns geschenkt werden, Hilfe werden wir erst erhalten, wenn wir uns wirklich anstrengen, so anstrengen, daß wir die errungene geistige Erkenntnis werden, wenn sie uns bis in die physische Substanz unseres Leibes hinein durchdringt, wenn wir sie leben und wenn wir sie nicht im stillen Kämmerlein zu unserer Erbauung treiben und dann aufstehen, um unser anderes, unser alltägliches Leben außerhalb des Kämmerleins, wie gewohnt zu treiben. Denn das ist die Einstellung, die Sie auch bei den Gläubigen der katholischen Kirche, bei den New Age Anhängern, bei den „Anthroposophen“ finden, die sich in nichts Entscheidendem von den Ersteren unterscheiden. Ohne Zweifel befinden wir uns in dem Untergang Europas schon mittendrin, die Frage kann nur sein, ob dieser schon endgültig besiegelt ist oder ob es noch die Möglichkeit gibt die Richtung des Unterganges in einen Aufstieg zu verwandeln.

In dem Vortrag vom 24. November 1921, der vom ersten Zitat (GA 209), den Rudolf Steiner in Oslo hielt –, es waren insgesamt drei Vorträge die er damals dort hielt, in diesem Zyklus enthalten, die ich alle drei für überaus lesenswert halte – spricht er auch über den sich anbahnenden Konflikt zwischen dem Osten und dem Westen, der sich wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu einem Dritten Weltkrieg entwickeln wird und wie dieser nur zu vermeiden wäre. „Ruhe auf der Erde wird nicht sein, bevor eine gewisse Harmonisierung der großen okzidentalen und orientalen Angelegenheiten sich wird abgespielt haben. Aber es gibt heute noch keine Einsicht dahingehend, daß sich diese Harmonisierung abspielen muß zunächst auf geistigem Gebiete. Man möge sich noch so sehr unterhalten über Abrüstungsfragen und ähnliche luxuriöse Angelegenheiten gegenüber der heutigen schweren Zeit, das werden luxuriöse Angelegenheiten, schöne Unterhaltungen zunächst bleiben, so lange nicht innerhalb der westlichen Welt gefunden wird jene Spiritualität, welche enthalten ist, nur nicht gesucht wird in unserer ganzen Kulturentwickelung seit der Mitte 15. Jahrhunderts. Es ist schon ein Schatz innerhalb dieser Kulturentwickelung enthalten.
Wir haben eine großartige naturwissenschaftliche Weltanschauung gewonnen, wir haben eine großartige Technik gewonnen. Wir haben das alles heute um uns. Das alles ist im Grunde genommen großartig, aber tot, tot gegenüber den großen Menschheitsentwickelungsströmungen. Aber in diesem Toten ruht ein Lebendes, ein Lebendes an Spiritualität, was glänzender sich in der Welt entwickeln kann als alles dasjenige, was jemals in orientalischer Weisheit, die wahrhaftig nicht verkleinert werden soll, vor die Menschheit getreten ist. …

Man kann hinschauen auf die großen Weisheitsschätze des Orients, die ja nur im Abglanz vorhanden sind in den Veden, in der wunderbaren Vedantaphilosophie und so weiter. Man kann voller Enthusiasmus sein für dasjenige, was da wie aus Himmelshöhen der Menschheit geoffenbart worden ist, was nach und nach allerdings in die Dekadenz gekommen ist, was aber selbst noch in dem dekadenten Zustande, in dem es heute im Orient lebt, eine gewisse Bewunderung hervorrufen kann, wenn man für so etwas einen Sinn hat.
Dem gegenüber steht die rein materielle Kultur des Westens: Europas und Amerikas. Auch diese rein materielle Kultur und die rein materielle Denkweise sollen nicht herabgesetzt werden. Aber gesagt muß werden, daß zunächst das, was uns da an materieller Kultur entgegentritt, sich ausnimmt wie eine harte Nußschale, wie eine absterbende Nußschale. Aber darinnen ist doch die Nuß. Und läßt sich diese Nuß finden, dann wir das, was zutage tritt, überstrahlen alles das, was einstmals an orientalischem Weisheitslichte in die Menschheit gekommen ist. … Der große Krieg wird geführt werden zwischen Asien und dem Westen trotz aller Abrüstungskonferenzen, wenn nicht eines eintritt, wenn nicht die Asiaten vom Westen herkommend etwas sehen, was Geist des Westens ist, der ihnen deshalb leuchten kann und zu dem sie Vertrauen werden haben können, weil sie dafür Verständnis haben aus ihrer eigenen, obzwar in die Dekadenz gekommenen Geistigkeit heraus. An dem Verständnis dieser Sachlage hängt der Frieden der Welt, nicht an jenen Unterhaltungen, die heute die äußeren Führer der Menschheit pflegen.“
Seite 16. Ist der ahrimanische Geist, die Machtbesessenheit, sind die Psychopathien, der Größenwahn der westlichen Führer, der Geist zu dem der Osten Vertrauen haben kann? Niemals! Was sollte mit dieser Spiritualität des Westens anderes gemeint sein als die Anthroposophie? Diese Spiritualität, die die geistige Welt den Menschen geoffenbart hat, ist der Maßstab an dem Europa, besonders Deutschland gemessen wird. Und weil wir daran gemessen werden, werden wir nun auch verworfen. Aber die, welche bestrebt sind diese mitteleuropäische Geistigkeit zu vernichten, werden sich selbst dadurch in den Abgrund reißen, auch das ist bereits im Gange. Europa wird untergehen, weil es aus Bequemlichkeit nicht zu seiner weltgeschichtlichen Aufgabe gefunden hat, die anglo-amerikanische Welt, weil es diese Aufgabe verhindert hat. Seit 1918 liegt diese vernichtende Schuld auf den anglo-amerikanischen Völkern.

Diese westliche, moderne, gegenwärtige Spiritualität steht deshalb über der östlichen, der Spiritualität der Vergangenheit, weil sie die Weisheit der Menschen werden muß, die Weisheit, die sich der Mensch zu eigen machen muß: Weisheit des Menschen. Während die östliche das war, was die luziferischen Engel, um die auf dem Monde versäumte Entwicklung auf der Erde nachholen zu können, im Menschen dachten und an dem der Mensch in Passivität teilhaben durfte, das was ihm gereicht wurde von den Engeln ohne Aktivität.

Bis heute wird von der Wirtschaftsmacht der Deutschen gesprochen, die sich mit den Ressourcen des großen Russischen Reiches vereinen soll, wer spricht von der Geistesmacht, die sich mit dem slawischen Volk, dem zukünftigen Kulturträger vereinen soll? Aber genau darum kann es nur gehen. Und vor einer Vereinigung mit den Russen steht die große historische Lüge, die den behaupteten Genozid der Deutschen betrifft, den diese begangen haben sollen. Das steht zwischen uns und den anderen Völkern. Und solange wir diese Lüge nicht überwinden, werden wir auch nicht zu unseren geistigen Aufgaben finden, denn zwischen uns und dem Christus steht diese Lüge, die Lüge die das Verhältnis zum Christus zerstört.

Rudolf Steiner weißt uns auch darauf hin, was geschehen muß wenn die Geistigkeit nicht gehoben, nicht für die Menschheit, die Völker dieser Erde fruchtbar gemacht wird. „Im Spätherbst gehen die Menschen zur Washingtoner Konferenz, und da soll über dasjenige verhandelt werden, was, ich möchte sagen, aus einer instinktiven Genialität heraus der General Smuts, der Südafrikaminister Englands, gesagt hat: Es ist einmal die Entwickelung der neueren Menschheit dadurch charakterisiert, daß der Ausgangspunkt der Kulturinteressen, der bisher in der Nordsee und im Atlantischen Ozean war, übertragen wird nach dem Stillen Ozean. Aus der Kultur der um die Nordsee herum liegenden Gebiete, die sich allmählich im Westen ausgedehnt hat, wird eine Weltkultur. Der Schwerpunkt dieser Weltkultur wird aus der Nordsee nach dem Stillen Ozean fortgetragen. Vor dieser Veränderung steht die Menschheit.“ Aus „Anthroposophie als Kosmosophie“ GA 207, Seite 28. Diese Äußerung müssen wir im Zusammenhang sehen mit dem, was ich eingangs von Rudolf Steiner zitierte, das unter furchtbarsten Katastrophen eine ganz andere Fortentwicklung der Menschheit stattfinden wird, den Mitteleuropa sollte der Träger der 5. nachatlantischen Kulturperiode sein. Auch das ist bereits im vollen Gange. Und es wird nichts vorhanden sein, was an die slawischen Völker weitergereicht werden könnte. Das Projekt Seidenstraße bedeutet, wenn es verwirklicht werden kann, eine enorme Steigerung der großen Mächte China und Rußland, eine Verlagerung des Kulturschwerpunktes um den pazifischen Ozean, denn China und Rußland sind Anliegerstaaten des Pazifiks. Aber auch dort wird sich nichts Positives für die weitere Entwicklung der Menschheit ergeben können, solange die Geistigkeit, die im Schoße des Westens entstehen muß, nicht von Menschen gehoben wird. Entscheidend ist das Ergreifen der gegenwärtigen Spiritualität, der Anthroposophie, durch Menschen und anstatt daß wir vor einem Atomkrieg bibbern, sollten wir Anthroposophen, wir Deutschen selbst zu einer allerdings geistig atomaren Weltmacht werden. Und dabei wird nicht die Quantität ausschlaggebend sein, sondern die Qualität, das was passiert wenn die einzelne Individualität aus ihrer tiefsten Geistigkeit heraus sich sagt:

 

Ich will! Das Wort ist mächtig

Spricht’s einer ernst und still.

Die Sterne reißt vom Himmel

Das eine Wort. „Ich will“.

 

Friedrich Halm (1808- 1871)

 

 

Rüdiger Keuler, September 2016

 



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