Wir Hirten

 

Es gibt kein christliches Fest das so zur Phrase geworden ist, so sinnentleert wurde wie das Weihnachtsfest. Es wurde so sinnentleert, daß es inzwischen auch von Moslems und Juden gefeiert werden kann. Es geht im Grunde nur noch um die Geschenke, das Deko und die sentimentalen Gefühle. Und es ist schon nicht einfach diesen Zustand zu überwinden, um diesem Fest wieder einen Inhalt zu geben der es mit Leben erfüllt. Dies möchte ich heute versuchen.

Die ganze Entwicklung der Menschheit auf der Erde ist in zwei Hälften eingeteilt. Der eine Teil ist der Weg des Menschen aus dem Schoß der Götter in die irdisch-stoffliche Materie hinein, der andere ist der Rückweg des Menschen zum Geiste. Und dazwischen steht das Mysterium von Golgatha, welches seinen Ausgang nimmt von der Geburt des Jesus von Nazareth in Bethlehem, welches das Ereignis ist, das wir an Weihnachten feiern. Es ist das zentrale, einschneidende Geschehnis der Menschheitsentwickelung. Wir Menschen haben ja immer unsere Schwierigkeiten, wenn wir den Vatergott vom Christus unterscheiden und diesem Unterschied einen Inhalt, einen gedanklichen Inhalt geben wollen. Normalerweise bleibt es ja bei der unterschiedlichen Benennung. Das eine ist eben halt Gott Vater und das andere ist der Christus. Weiter denken die meisten Menschen nicht darüber nach. Dabei findet sich eine ganz einfache und grundlegende Unterscheidung. „Im Blute lebt der Vatergott. Der Sohnesgott lebt im Seelisch-Geistigen des Menschen. Der Vatergott führt den Menschen ein in das materielle Leben: Ex deo nascimur. Der Sohnesgott führt den Menschen wiederum heraus aus dem materiellen Leben. Der Vatergott führt aus Übersinnlichem den Menschen in das Sinnliche ein, der Sohnesgott aus dem Sinnlichen wiederum in das Übersinnliche: In Christo morimur.“ Das Zitat von Rudolf Steiner ist entnommen dem Vortragszyklus „Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse“ GA 209, Seite 170 in der Ausgabe von 1982. Den Vatergott kann man also als den Gott der ersten Hälfte der Menschheitsentwickelung betrachten, er ist derjenige der im Blut, in den Stammes-, Volks- und Rasseverhältnissen wirkte, der Gott der Passivität, der von dem man sagen konnte: Der Herr gibt’s den Seinen im Schlafe. Der Christus ist der Gott der im Geistig-Seelischen des Menschen wirkt, der uns führt auf dem Weg zurück zum Geistigen, der Gott der Aktivität, denn dieser Weg wird niemanden geschenkt, er muß vom Menschen bewußt errungen werden.

Wir finden die Einteilung in diese zwei Hälften auch in der Darstellung der Christgeburt selbst. Auf der einen Seite sind es die Könige, die sich in Anbetung dem Kind nahen, auf der anderen Seite die bettelarmen Hirten. Und wir, wenn wir zeitgemäße Menschen sein wollen, sind die armen Hirten.

Der Osten sprach in seiner Spiritualität von der irdischen Maja, dem äußeren Schein, für ihn war das Geistige das Wirkliche. Für uns heute sind die Gedanken der Schein, unwirkliche Bilder ohne Realität. Das was für den Osten Maja war ist für uns Wirklichkeit, die Materie, was für die östliche Spiritualität Wirklichkeit war, das Geistige, ist für uns westliche Menschen heute unwirkliche Ideologie, bloße Bilder, abstrakte Gedanken ohne Realität. Der Osten sprach nicht immer von der Maja. Solange er die Geistwesen hinter der materiellen Welt wahrnahm, sprach er nicht von der Maja, denn da gehörten noch Materie und Geist zusammen, war die sinnliche Wirklichkeit keine Täuschung. Nach und nach verdunkelte sich jedoch die geistige Welt und ab diesem Zeitpunkt sprach man von der Maja. „Aber noch war viel von der Götterwahrnehmung in der physisch-sinnlichen Welt bis zum Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends vorhanden. So viel war vorhanden, daß man bis dahin gegenüber dem, was man als die Unwirklichkeit in der Welt empfand, noch nicht einen eigentlichen Trost brauchte. Von dem Ende des 4. Jahrtausends an brauchte man einen Trost. Und dieser Trost wurde gesucht von den Eingeweihten, von den Initiierten, von den Lehrern und Priestern der Mysterien für die Menschheit, und er wurde gesucht aus der Sprache der Sterne. Hier auf Erden, so sagte man, ist keine Wirklichkeit. Wenn man aber die Sterne erforscht, dann findet man aus der Sprache der Sterne heraus, wie sich ergießt aus weltenfernen Himmelsgegenden auf die Erde herunter die Wirklichkeit. Die Sterne sprechen eine Sprache, die, wenn wir sie hören, so klingt, daß die Maja der Welt einen wirklichen Sinn erhält.
Das war der große Eindruck, den die Sternenweisheit der Chaldäer, die Sternenweisheit der alten Ägypter auf die Menschheit machte, daß diese Sternenweisheit empfunden wurde als dasjenige, welches der Maja Realität gab. Hier auf dieser Erde kann man nur das Irreale finden, so sagte man. Man muß aufblicken zu dem ewigen Weltenworte, das in den Bewegungen und Stellungen der Sterne für den Empfänglichen sich ausspricht, dann offenbart sich innerhalb der Maja die Wirklichkeit. Wollte man etwas Wichtiges, etwas für das Leben Bedeutungsvolles erkennen, so suchte man dieses aus den Sternen und ihrer Sprache zu erforschen. Und so blieb die menschliche Seelenverfassung bis in die Zeiten, in welche das Mysterium von Golgatha fiel.
Mysterien-Weise verkündeten der Menschheit aus den Sternen dasjenige, was wirklich ist, denn auf der Erde glaubte man dieses Wirkliche nicht zu finden.“
Ebenda Seite 139. Diese alte Geistigkeit, deren Sinn entschwunden war, die schon damals in die Dekadenz gekommen war, die wurde in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit von den Königen an der Wiege des Jesus, des zukünftigen Christus zum Opfer dargebracht. Das war das Ende des Weges, den die Menschheit gehen konnte aufgrund dessen was ihr die alte Urweisheit geben konnte. Und damit hatte auch die Astrologie ihre Bedeutung verloren, die somit heute als etwas Vorchristliches sich offenbart.*

Und auf der anderen Seite erschienen die armen Hirten an der Krippe, sie wurden nicht wie die Könige durch eine äußere Weisheit, die alte Astrologie, nach Bethlehem geführt, sondern aus einer Offenbarung, die ihnen aus dem Inneren kam. „Von der andern Seite künden sie (die Evangelien), wie auf dem Felde die armen Hirten aus dem Traum, der aus ihrem einfachen Herzen quillt, ohne alle Weisheit, bloß hinhorchend auf die fromme, einfältige Stimme der menschlichen Seele, was die armen Hirten aus dieser Tiefe der Menschenbrust heraus geoffenbart erhielten.“ Seite 144. Wie in den Königen das Ende, der Niedergang der Urweisheit sich offenbart, so in den Hirten der erst einmal armselige Anfang, der Beginne des Wiederaufstieges zum Geistigen. „Die höchste menschliche Weisheit ist dazumal in der Dekadenz, die höchste menschliche Weisheit ist im Abglimmen. Im Aufglimmen ist dasjenige, was aus dem menschlichen Inneren selber kommt. Und aus dem menschlichen Inneren ist seither gekommen der Gedanke. Wir können ihn noch nicht bis zur Realität erheben, er ist uns noch eine Maja. Aber wir stehen heute vor der Notwendigkeit, immer mehr und mehr einzusehen, wie dieser Gedanke zur Realität kommen kann. Zu den Sternen hat der Mensch in der vorgeschichtlichen Zeit aufgeschaut, um Realität zu empfinden. Zu dem Christus müssen wir schauen, um Realität für unser Inneres zu haben. <Nicht ich, der Christus in mir>, das ist das Wort, das dem Gedanken innerlich Schwere, das dem Gedanken innerlich Realität geben wird.“ Seite 144. Unsere Aufgabe ist es, nicht mehr in der Sternenwelt die Geistigkeit zu suchen, zu ergründen, sondern innerlich den abstrakten Gedanken mit Leben, mit Realität zu erfüllen. „In demselben Maße, in dem die Menschheit verloren hat aus dem Sinnlichen das Geistige, muß sie gewinnen in dem bis zur, allerdings leuchtenden, aber abstrakten Weise vorgedrungenen Gedanken die innere Realität.“ Seite 144. Wie die Könige das Ende der alten Urweisheit darstellen, so die Hirten den Anfang der neuen Zeit. Und WIR sind es, die diesen Beginn verwirklichen können und sollen. Denn jetzt ist die Möglichkeit geschaffen, in den abstrakten Gedanken das Leben, die Wirklichkeit hineinzugießen, dieses Leben, diese Realität gibt uns die Anthroposophie, aber nicht geschenkt, sondern zum Sich-Erarbeiten. Und es sollte sich keiner getrauen uns daran zu hindern. „Diese Kraft des lebendigen Christus müssen wir in alles Erkennen hineinbringen. Wir müssen durchwärmen die kalte, abstrakte Erkenntnis, die uns hineingeführt hat in die Not der Gegenwart. Wir müssen durchdringen diese Erkenntnis mit der lebendigen Kraft des Christus.“ Seite 145, Betonung vom Verfasser. „Wir müssen uns vorkommen wie die armen Hirten, die sich ihrer Not bewußt waren. Wir müssen suchen den Christus in dem Innersten des menschlichen Wesens, wie die Hirten gesucht haben den Christus im Stall von Bethlehem. Opfern müssen wir diesem Christus, der uns die Maja der Gedanken verwandelt in Wirklichkeiten. Wir müssen die Demut haben, uns zum Verständnis der Geburt Christi erst aufzuschwingen. Wir müssen wissen, daß wir erst ein Verstehen des Weihnachtsgedankens brauchen, bevor wir Weihnachten in der richtigen Weise werden würdigen können. Wir müssen alles, was die einzelnen Lebensgebiete sind, durchdringen mit der lebendigen Kraft des Christus. Wir müssen arbeiten, und wir werden die Feste am besten begehen, wenn wir arbeiten in der Not der Zeit, um im geistigen Sinne das zu bewirken, was als ein Symbolum, allerdings ein Symbolum der Wirklichkeit, von der Schädelstätte von Golgatha her historisch uns anblickt. Seite 146. „In die Maja ist die Menschheit gekommen, in die äußere Maja. Aus der inneren Maja heraus muß die Menschheit zur wahren geistig-seelischen Wirklichkeit sich entwickeln. Verstehen wir dieses, dann wird erfüllt der einzelne Weihnachtsgedanken zur Festeszeit von einem Weltgefühl, das wir heute brauchen, wenn wir wahren Menschenwert und wahre Menschenwürde empfinden wollen.“ Seite 146.

In diesem Vortrag vom 24. Dezember 1921 entwickelt Rudolf Steiner auf dieses Thema bezogen ein grandioses Bild. Er spricht davon, wie der Buddha im sechsten Jahrhundert einem Leichnam begegnet und wie er von diesem sich abwendet, um zu dem Geistig-Göttlichen aufzublicken, dort seine Zuflucht sucht. Sechshundert Jahre nach Christus wenden sich die Menschen dem Leichnam am Kreuze zu, weil sie in ihm ihre Zuflucht, ihre Zukunft suchen. Der Leichnam der östlichen Kultur, die Maja, verliert ihre Bedeutung, man wendet sich dort anderem zu, der Leichnam der westlichen Kultur beginnt seine Bedeutung erst zu haben. Und dann, wenn wir diesen Leichnam, den abstrakten Gedanken zum Leben erwecken können, dann findet unsere, des Menschen Auferstehung statt, der Schritt vom Tod am Kreuz zur Auferstehung. Dann erlösen wir uns selbst aus unserem Kulturgrab, aus unserem Tod, aus unserem Niedergang.

Das ist das, was wir dem Osten schuldigt sind, daß wir ihm das Leben, die Realität, die er aus seinem Geistesleben verloren hat, wiederbringen. Eher wird es zwischen dem Osten und dem Westen keine Harmonie geben, eher werden wir keinen Frieden auf der Erde bekommen. Das ist der Weg zur Auferstehung, zur Erlösung des Menschen, dargestellt im Weihnachtsmysterium.

Und nicht nur uns selbst werden wir auf diesem Wege erlösen, sondern auch Ahriman. Und dadurch finden wir auch die Rechtfertigung für die Benutzung und den Gebrauch der Technik und anderer ahrimanischer Künste. „Wir können ja doch kaum anders in der neueren Zeit, als daß wir ahrimanische Künste treiben, daß wir zum Beispiel stenographieren, daß wir mit der Schreibmaschine schreiben. Das alles sind ja Ahrimanisierungen unserer Kultur im höchsten Maße. Aber indem wie Geistigkeit in unsere Kultur hineinbringen, können wir selbst das, was in einer so bedenklichen Weise ahrimanischer Einfluß ist wie das Stenographieren oder das Schreibmaschinenschreiben, in die Sphäre der Geistigkeit heraufheben, so daß wir Ahriman erlösen. Es ist ja ein solches nur durch eine volle Besonnenheit über das Geistesleben möglich. Derjenige, der heute in materialistischer Gesinnung lebt und stenographiert oder gar Schreibmaschine schreibt, der gerät tief hinein in das ahrimanische Element. Sie sehen, es soll nicht einer Reaktion das Wort geredet werden, es soll nicht verpönt werden die Dämonologie, die da heraufgezogen ist; aber die Dämonen selbst sollen erlöst werden.“ GA 208, Seite 62. „Aber für dasjenige, was geisteswissenschaftlich heraufkommt, für das wird man brauchen können die genaue Fixierung, weil es notwendig ist, sich in einer exakten, genauen Weise auszusprechen. Und dann wird gerade das Ahrimanische dem Geistigen wesentliche Dienste leisten können.“ Ebenda. Nun kann man einwenden, das gilt für das Schreibmaschine schreiben und für die Stenographie, aber der Computer und anderes sind ja noch viel ahrimanischer, das müssen wir doch fliehen. Nein, natürlich ist der Computer ahrimanischer, das bedeutet jedoch nur, daß wir in der Sphäre der Geistigkeit höher steigen müssen. Ich spreche jedoch nicht von der Einweihung, die nicht jeder Mensch erreichen kann, ich spreche von der Verlebendigung des menschlichen Gedankens, von dessen Verwandlung von der Maja zur Wirklichkeit und das kann jeder Mensch, sofern er eines guten Willens ist. Die Erlösung Ahrimans, seine Einbindung in den geistigen Kulturkampf, ist einer der Gründe, warum ich eine Internetseite habe und dort geisteswissenschaftliche Gedanken veröffentliche.

Auch die Erlösung Ahrimans fällt in den Verantwortungsbereich des Menschen. Der Mensch ist das Zünglein an der Waage des Weltgeschehens.

So wird Weihnachten zu einem Fest des geistigen Schenkens und Beschenkens, von einem Fest des passiven Empfangens, zu einem des aktiven Arbeitens, eines das uns zum Schaffen für die Menschheit und zur Wahrnehmung unserer kosmischen Verantwortung als Mensch, als zehnte Hierarchie hinführt.

 

Rüdiger Keuler, September 2016

 

*Die „anthroposophischen“ Anhänger der Astrologie sprechen davon, daß Rudolf Steiner davon sagte, daß die Astrologie in der Zukunft auf eine neue durchchristete Art wieder eine große Bedeutung bekommen wird. Dabei wird übersehen, wie diese in der Gegenwart auf den Egoismus wirkt (siehe der Artikel „Neue „Astrologie“ in Pelagius Heft XXXIII) und welche Bedeutung sie in der Gegenwart hat. Bevor wir uns um die Aufgaben der Zukunft kümmern, sollten wir die der Gegenwart, von denen in diesem Beitrag die Rede war, erst einmal richtig erkennen und dann bewältigen, sonst bleiben die Menschen wirklichkeitsfremd.

 

 



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