Kölner Kongress: Labyrinth des Denkens

Vom 25.-27.6.2004 veranstaltete das Freie Bildungswerk Rheinland zusammen mit dem Janusz-Korczak-Institut Wolfschlugen in Köln den Kongress „Zukunft für Kinder, die aus dem Rahmen fallen.“ In verschiedenen Artikel bin ich auf die Inhalte dieser Tagung, auf Grund von Veröffentlichungen darüber die in der „Erziehungskunst“ vom Oktober 2004 erschienen, eingegangen. So zum Beispiel in dem Artikel „Mündige Kinder - mündige Erwachsene. Professor Otmar Preuß hatte doch tatsächlich die unglaubliche Gedankenleere besessen, ein Kind von 9 Monaten, in seinem Artikel „Neues Bewusstsein und achtsames Miteinander“, für mündig zu erklären. Die verworrene Gedankengestaltung, die sich in Herrn Preuß Artikel darstellte, wurde von mir in dem oben genannten Artikel charakterisiert.

Nun erreicht mich der Hinweis auf den Kongress, der vom 24.-26. Juni 2005 wiederum vom Freien Bildungswerk Rheinland unter dem Motto „Zukunft mit Kindern - Be-ziehung statt Er-ziehung“ in Köln stattfinden soll.

Also Erziehung kommt aus der Mode, nun soll in der Erziehung Beziehung walten. Da möchte jemand in der Pädagogik das Rad neu und sogar in einer anderen Form, viereckig, erfinden.

Darunter lesen wir: „Zugegeben - das klingt so provokant als sollte jegliche Erziehung abgeschafft werden. Doch weder die Rückkehr zur antiautoritären Laissez Faire-Haltung noch die Übertragung jeglicher Entscheidungskompetenz an z. B. Fünfjährige ist das Ziel.“ Oben steht Beziehung statt Erziehung, unten steht das Gegenteil, also Erziehung soll doch nicht abgeschafft werden. Was meinen die Veranstalter, das was sie oben sagen oder das was darunter steht?

Beziehung ist ein Wort, das erst einmal das Verhältnis das zwei Menschen zueinander haben als gleichwertig anspricht, was für eine Beziehung wird dann noch zu definieren sein. Erziehung ist aber etwas anderes. In der Erziehung ist die Grundlage, dass dem Kind ein Erwachsener gegenübersteht der Vorbild und Autorität ist. Das bedeutet, dass der Erziehende Verantwortung übernehmen muss. Um ein Vorbild, eine selbstverständliche, eine vom Kind geliebte Autorität zu werden, muss der Pädagoge ernsthaft an sich arbeiten, um über die Inhaltslosigkeit und Oberflächlichkeit hinauszukommen bis zu der es der heutige Mensch, durch das was die Gesellschaft aus ihm macht, nur bringt. Er muss sich also durch Selbsterziehung erst so verändern, dass er dem Kind gerecht werden kann. Das ist unbequem, das setzt voraus, dass man sich von der eigenen geistigen Bequemlichkeit verabschiedet. Dies ist wohl zu viel erwartet von dem durchschnittlichen anthroposophischen Pädagogen der Gegenwart!

Weiter unten wird nochmals gesagt: „Wenn wir der Individualität und der Würde des Kindes Priorität einräumen, verwandelt sich unsere Blickrichtung von oben nach unten in ein Sich-Anblicken auf gleicher Augenhöhe.“ Dann aber findet keine Erziehung mehr statt. Das Kind soll zum Erwachsenen aufblicken , um von ihm lernen, ihm nachstreben zu können. „ Es kann dem Kinde kein größeres Heil widerfahren, als wenn es dasjenige, was es unternimmt, deshalb tut, weil verehrte Menschen in seiner Umgebung sagen: Das ist richtig, das soll getan werden.“ GA 296, „Die Erziehungsfrage als soziale Frage“ auf Seite 19. Das findet aber nicht auf gleicher Augenhöhe statt.

Außerdem wird von einem „wertfreien Blick auf das Kind“ gesprochen. Wertfrei bedeutet, sich des Maßstabes zu entäußern, den der Pädagoge braucht, um aus der Kenntnis der menschenkundlichen Grundlagen dem Kind helfen zu können. Auch darum geht es nicht. Als Erzieher sollte ich zu dem Kind ein positives, ein Verhältnis der Sympathie haben, auch dann wenn vieles in seinem Verhalten auffällig ist. Es passt in unsere Zeit, in der die Werte immer mehr verloren gehen, wenn von einem wertfreien Blick gesprochen wird. Das lässt sich heute gut verkaufen. Niemals wird man dem Kinde durch Verwischung der Begriffe, durch Aufgabe des differenzierten Denkens helfen können.

Kennen die Veranstalter dieses Kongresses eigentlich die anthroposophische Menschenkunde? Wenn ja, so verstehen sie es dies meisterlich zu verbergen.

Drei der Menschen, die letztes Jahr auf dem Kongress „Zukunft für Kinder die aus dem Rahmen fallen“ gesprochen haben, bekennen sich öffentlich dazu, dass Kinder mündige Wesen sind, bzw. schon mündig geboren werden. So Hennig Köhler in seinem Buch „War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört“, Professor Preuß in seinem Artikel in der Oktoberausgabe der „Erziehungskunst“ und der Zen-Buddhist Kühlewind, der sich durch seine Professur in Chemie das pädagogische Fachwissen erworben hat, in seinem Buch „Sternkinder“. Ein mündiger Mensch muss nicht erzogen werden, er ist ja mündig, dann muss man ihm aber auch die Entscheidungskompetenz zugestehen, auch als fünfjährigem oder jünger. Was für ein verworrenes, widersprüchliches und irriges Denken offenbart sich da (mit so einem Denken kann man heute Professor werden). Was sind das für Erzieher und Lehrer, die bei solchen unklaren Begriffen Fortbildung suchen? Was kennen solche Pädagogen von der anthroposophischen Menschenkunde?

In besagter Erziehungskunst lesen wir von Herrn Köhler die Frage die der Lehrer an das Kind stellen soll auf Seite 1064: „Wozu hast du den jetzt Lust“. Ist das keine Laissez Faire - Haltung.

„Wir sollten empfinden, wie unsere heutige schwierige Zeit, die der Menschheit solches Elend gebracht hat, schon karmisch zusammenhängt mit verkehrtem, oberflächlichem Denken.“ GA 176, Seite 348. Weiter unten steht dann: „ Die kurzsichtigen, die stumpfen, die dämmerhaften Begriffe der Menschen führen heute Krieg. Und die Menschen, welche gegeneinander kämpfen, sind vielfach nur die Puppen für die dämmerhaften, kurzsichtigen, stumpfen Begriffe.“

Das ist 1917 während des ersten Weltkrieges von Rudolf Steiner gesagt worden. Was haben wir diesbezüglich noch von unserer Zeit zu erwarten, wenn wir schon in der anthroposophischen Pädagogik einem solchen unklaren, verworrenen Denken begegnen?

In einer Welt, die von einem solchen Denken gestaltet wird, haben unsere Kinder eine schwere Zukunft.

 

Rüdiger Keuler

Januar 2005



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