Henning Köhlers Verkehrsminister

In dem Vortrag „Waldorfpädagogik ohne Anthroposophie? Zum Niedergang der anthroposophischen Pädagogik“, den ich am 22.11.2003 in Pforzheim gehalten habe, findet sich die Aussage von mir: „Was wir von Henning Köhlers Buch zu halten haben, können wir schon auf der Titelseite erfahren: <War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört?> lesen wir da, Michel aus Lönneberga war überhaupt nicht! Michel ist eine fiktive Romanfigur von Astrid Lindgren. Frau Lindgren hat eine Kinderfigur erfunden, um eine unterhaltsame Erzählung für Kinder zu schaffen, was ihr auch gelungen ist und darauf stützt Herr Köhler eine fachliche Abhandlung von 296 Seiten….Fortgeschrittener Realitätsverlust oder Populismus? Damit erreiche ich vor allem Menschen, die selber ein unklares, verschwommenes Denken haben.“
Seit März 2004 ist dieser Vortrag im Internet zu finden.
Nun hat Herr Köhler, was die Realität des Michel betrifft, nachgelegt. In der „Erziehungskunst“ vom Oktober 2004 lesen wir auf Seite 1062: „Kürzlich sagte mir eine Schwedin auf einem Kongress: Der Junge, der Astrid Lindgren als Vorbild für diese Figur diente und den sie naturgetreu nur beschrieben hat, der wurde schwedischer Verkehrsminister.“ Am Wahrheitsgehalt dieser Aussage darf man berechtigten Zweifel haben.
Allein, selbst wenn diese nachgeschobene Aussage wahr sein sollte, so ändert das an den Tatsachen nichts. Jeder kann sich ein eigenes Urteil an diesem unterhaltsamen Kinderroman bilden und sich dann die Frage beantworten: Kann das die Grundlage für eine fachliche Abhandlung sein? Nichts gegen die Phantasie, aber zwischen Roman und Fallbeschreibung sollte man doch unterscheiden können, sowohl als Kinder-, wie auch als Fachbuchautor.
Es ist ja auch nicht die einzige haarsträubende Stelle in diesem Buch, auf Seite 179 bezeichnet Herr Köhler die „Sternkinder“ als Mythos, um auf Seite 189 zu sagen: „Kühlewind hat recht. Es gibt „Sternkinder“. Dafür verbürge ich mich.“ Im Fremdwörterduden finden wir unter Mythos: <Person, Sache, Begebenheit die (aus meist verschwommenen, irrationalen Vorstellungen heraus) glorifiziert wird, legendären Charakter hat>. Klammer, nebst Inhalt nicht vom Verfasser sondern aus dem Duden. Kennt Herr Köhler etwa die Bedeutung des Begriffes Mythos nicht? Dieser grobe Patzer wirft aber auch ein bezeichnendes Licht auf die Qualität des Lektors des Verlages.
Auf Seite 185/86 wagt sich Herr Köhler gar an geisteswissenschaftliche Inhalte heran und verunglückt dabei auch prompt. Das „Bewusstseinsseelenzeitalter“, das mit dem 15. Jahrhundert begann, stellt er unter die Herrschaft des Erzengels Michael, der seine Regentschaft als Zeitgeist mit dem Ende des 19. Jahrhunderts antrat und nicht als Führer des Bewusstseinseelenzeitalters bezeichnet werden kann. Noch weniger kann unsere Epoche als die des Geistselbst bezeichnet werden, die erst mit dem sechsten nachatlantischen Zeitraum beginnt. Diese zukünftige Epoche steht ebenfalls nicht direkt mit Michaels Wirken in Zusammenhang. Alles das wird aber von Herrn Köhler in einem Abschnitt behauptet. Eine Fülle von grundlegenden Fehlern auf kleinem Raum. Darüber hinaus fällt es schwer, einen Zusammenhang zur geisteswissenschaftlichen Menschenkunde zu finden und wenn das von Herrn Köhler versucht wird, geht es ähnlich peinlich daneben wie in den zitierten Beispielen. Das wird aber nur selten von den Lesern bemerkt. Daran wird deutlich, aus einem klaren und wachen Denken können Herr Köhlers Ausführungen nicht hervorgegangen sein.
Aber wie ist es mit der Anhängerschaft des Guru bestellt? „ Die gegenwärtige Menschheit ist ja so, dass sie so sehr an etwas glauben möchte, dass sie so ungeheuer froh ist, wenn sie etwas vor sich hinstellen kann, oder etwas hören kann, worauf sie dann als auf das Meisterwort schwören kann. Und wenn sie darauf schwört, so schadet das am allermeisten, denn die wichtigste Forderung der Gegenwart ist diese, dass der Mensch seine freie Geistigkeit entwickeln muss. Und indem Augenblick, wo er sündigt gegen die Freiheit seines Urteils, macht er sich zu gleicher Zeit krank.“ GA 192, Seite 281. Niemand, auch ein Herr Köhler nicht, enthebt den Menschen von seiner Verantwortung dem eigenen Denken und Urteilen gegenüber.
Aber es glauben, der Wissenschaft sei dank, nicht alle an Michel aus Lönneberga. Dr. Eckehard Schiffer („Erziehungskunst“ vom Oktober 2004, Seite1075) zum Beispiel beliebt es, sich auf Huckleberry Finn zu beziehen. Welchen „naturgetreu beschriebenen“ Minister finden wir denn hinter Huckleberry Finn? Vielleicht einen Erziehungs- und Bildungsminister? Oder sollte uns vielleicht der Hinweis, dass Huck in St. Petersburg aufwuchs ein Fingerzeig sein, dass es die verschlüsselte Darstellung der Jugend von Zar Peter dem Großen ist. Oder ist die Tatsache, dass Huckleberry Finn oft in leeren Fässern nächtigte gar der Beweis, dass es um die Jugend von Diogenes, der im Fass hauste, ging?
Auch in dem Buch „Sternkinder“ von Georg Kühlewind lassen sich ähnlich absurde Stellen nachweisen, an denen wir uns deutlich machen können, dass der Mythos von den „besonderen“, von den Stern-/Indigo- Kindern nichts weiter als ein Glaube ist, der sich vor einem wirklichkeitsgemäßen Denken in eine Humoreske verwandelt, die aber schädliche Auswirkungen in der Pädagogik hat. (Hierzu empfehle ich das exzellente Buch von Karen Swassjan „Anthroposophische Heilpädagogik“, speziell die Fußnote auf Seite 92).
Wirklich erstaunlich, was man heute alles in anthroposophischen Kreisen, unter begeistertem Klatschen, von sich geben kann.
Den Menschen, denen die vielfältigen, menschenkundlichen Ungereimtheiten und Absurditäten auffallen, weil sie sich das Geschäft des Denkens nicht von Herrn Köhler besorgen lassen wollen, wirft er vor, sie seien „1925 stehen geblieben.“
Wenn die Gegenwart nur aus so viel Unwahrheit und Phrase bestehen würde, wäre das vielleicht noch vorzuziehen.


Rüdiger Keuler
November 04



  • Wenn Sie diesen Artikel weiterempfehlen wollen, tragen Sie unten Ihren Namen und die EMailadresse des Empfängers ein. Optional können Sie der EMail auch eine Bemerkung hinzufügen.
    Ihr Name:
    EMailadresse des Empfängers:
    Bemerkung: