Mündige Kinder - mündige Erwachsene?

Unklare Begrifflichkeiten der Wissenschaft

„Denn je weniger wir uns den Illusionen hingeben, desto mehr wird der Elan in uns Platz greifen, mitzuarbeiten an dem, was zur Gesundung des sozialen Organismus führt, die Fähigkeit uns zu erobern, aufzuwachen gegenüber dem Schlafzustand, der die heutigen Menschen so tief befangen hat. Und da kann nichts anderes helfen, als die Möglichkeit, die energischeren Gedanken, die eindringlicheren Gedanken zu fassen die in der Geisteswissenschaft gegeben sind gegenüber den schwachen, lässigen, gelähmten Gedanken, die heute in der offiziellen Wissenschaft, im offiziellen Wissenschaftsbetrieb vorhanden sind.“ Diese Äußerung Rudolf Steiners lesen wir in GA 189 auf Seite 72.

Ein Beispiel für diese schwachen, lässigen, gelähmten, ja schwammigen und verdrehten Gedanken finden wir in der „Erziehungskunst“ Nr. 10 vom Oktober 2004 in dem Artikel von Otmar Preuß „Neues Bewusstsein und achtsames Miteinander, vom notwendigen Wandel im Umgang mit Kindern.“ Wir lesen da auf Seite 1068: „Ein Mensch wie Paula ist mündig.“ Dazu findet sich auf Seite 1073 die Abbildung eines ca. neun Monate alten Kleinkindes. Dieses soll also mündig sein. In Meyers Lexikon lesen wir unter Mündigkeit: Volljährigkeit. Diese wurde vom Gesetzgeber auf 18 Jahre festgelegt, ursprünglich 21 Jahre, weil das der Zeitpunkt ist, an dem der Mensch die geistig- seelische Reife hat, um für sich selbst und seine Taten die Verantwortung übernehmen zu können. Dazu bedarf es desjenigen, was man gemeinhin Erziehung nennt. Dieses Geschäft ist ein langwieriges und immer schwieriger werdendes Geschehen und der Erfolg, nämlich die geistig-seelische Reife, muss immer mehr in Frage gestellt werden. Ist also Herr Preuß tatsächlich der Meinung, dass dieser Prozess nicht mehr nötig ist, weil die Kinder mit dieser geistig-seelischen Reife geboren werden? Auf der einen Seite spricht er in dem Artikel über Erziehung, die er neu definieren möchte, auf der anderen Seite lesen wir etwas weiter „Zur Mündigkeit erziehen, das ist ein Paradox, das geht nicht. Jeder Mensch ist von Anfang an mündig.“ Wohl auch dann, wenn er sich noch in die Hosen macht! Welche Unklarheit in den Gedanken, welches auf-den-Kopf-stellen der Begriffe. Einen mündigen Menschen muss ich nicht erziehen, ein mündiger Mensch muss sich selbst erziehen. Ohne Erziehung aber entwickelt ein Kind innerhalb kurzer Zeit schwerste Verhaltensauffälligkeiten, es verwildert, wird dem Tiere ähnlicher als dem Menschen.

Schlagen wir die letzte Seite des Artikels auf, so können wir lesen, dass Otmar Preuß Professor für Soziologie ist. Ist das des Rätsels Lösung? „ Nehmen Sie alles, was man durch die Naturwissenschaft wissen kann: es gibt dem Menschen keine Vorstellung von Wirklichkeit. Die Natur selbst mit ihrer wahren Wesenheit lebt nicht in den Vorstellungen der Naturwissenschaft, und nach der Naturwissenschaft haben sich die anderen Wissenschaften gebildet.“ Rudolf Steiner in „Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen“ GA 192, Seite 212.

In dem Artikel kommen unwirkliche Abstraktionen und Phrasen zur Darstellung, nirgends finden wir einen ernsthaften Bezug zur anthroposophischen Menschenkunde. Der Herr Professor mag sich einen akademischen Orden verdient haben, von Erziehung, schon gar von Erziehung auf Grundlage der anthroposophischen Menschenkunde, spricht er nicht und auch nicht von der Wirklichkeit. Daraus muss man ihm ja auch nicht unbedingt einen Vorwurf machen, nur was sucht ein solcher Beitrag in einer Zeitschrift, die auf ihrer Titelseite „…zur Pädagogik Rudolf Steiners“ stehen hat. Die Kenntnis der Grundlagen der anthroposophischen Pädagogik hat sich wohl auch aus den Redaktionsstuben der „Erziehungskunst“ verabschiedet. Das Niveau dieser Zeitschrift nähert sich rasant dem von „Eltern“, „Info 3“ und „Bild“.

 

Was könnte, aus anthroposophischer Sicht, gemeint sein

Wenn man sich die Mühe macht und sich fragt, was könnte mit der unklaren und unsachlichen Aussage von den mündigen Säuglingen gemeint sein, so scheint Herr Preuß, aus einer dunklen Ahnung heraus, von dem gesprochen zu haben, was uns Rudolf Steiner als den geistig-seelischen Wesenskern des Menschen schildert. Immer wieder weißt er darauf hin, dass die geistige Welt in jedem Kinde eine Frage auf die Erde schickt, um deren Lösung wir uns bemühen müssen. Immer wieder spricht er von der Ehrfurcht, die wir dem Geistigen im Kind gegenüber entwickeln sollen, ja im Zusammenhang mit den sogenannten „geistig behinderten“ Menschen spricht er davon, dass sie dem Göttlichen näher stehen als wir, dass das Geistige des Menschen niemals behindert sein kann und wir unter Umständen in einer solchen deformierten Inkarnation ein Genie vor uns haben, dessen Entwicklungsstand dem unseren weit überlegen sein kann, sich aber durch die Mangelhaftigkeit seiner Hüllen nicht diesem entsprechend äußern kann. Die Ehrfurcht und Hochachtung vor dem geistigen Anteil des Kindes enthebt uns aber nicht der Verpflichtung, das Kind erziehen zu müssen. „Man mag es heute schon glauben oder nicht: Ein Lehrer, der diese Ehrfurcht vor dem werdenden Menschen hat, hat eine geheime Kraft in sich, durch die er ganz anders unterrichtet und erzieht, als ein Lehrer, der diese Ehrfurcht nicht hat, der glaubt, der Mensch wäre entstanden, indem er sich als physischer Leib losgelöst hat von dem Leib der Mutter. Denn man unterrichtet und erzieht nicht allein mit Begriffen und Ideen, man erzieht vor allen Dingen mit jenen geheimnisvollen Kräften und Mächten, welche als Imponderabilien übergehen von dem Lehrer auf das Kind.“ Rudolf Steiner in Ga 199, Seite 284.

Mehrmals finden wir in den pädagogischen Vorträgen von Rudolf Steiner den Hinweis auf die griechische Kultur und deren Sprache, die für heilen und erziehen ein gemeinsames Wort hatte. Findet diese Erziehung, diese Heilung nicht statt, so verkommt und verwildert das Kind. Als Erwachsener wird es dann ein Gefangener seiner Triebe, Instinkte, Emotionen und Begierden sein, durch die das freie, individuelle Menschentum nicht zur Erscheinung kommen kann. Die Achtung und die Liebe zu dem Kind entbindet uns nicht, sondern im Gegenteil, verpflichtet uns zu der Aufgabe, in energischer, strukturierter und sicherer Art in den Werdegang des Kindes einzugreifen, um mitzuhelfen, dass das, was das Kind an reichen Gaben aus dem Vorgeburtlichen mitbringt, zur Entfaltung und Erscheinung kommen kann.

 

Wo liegen heute die realen, nicht die phantasierten Probleme in der Erziehung?

Der Artikel von Herrn Preuß ist ein überarbeiteter Vortrag, der auf dem Kongress „Zukunft für Kinder die aus dem Rahmen fallen“ der vom 25.-27.6.2004 in Köln stattgefunden hat, gehalten wurde. Kinder die aus dem Rahmen fallen? Dahinter steht die Idee von den „besonderen“ Kindern die heute angeblich geboren werden, die mit ihrer angeborenen Spiritualität der Zeit weit voraus sein sollen. Vieles an dieser Idee sind Halbwahrweiten, tatsächlich vorhandene Phänomene werden so umgedeutet, dass sich daraus ein Verkaufsschlager entwickeln lässt (800 Teilnehmer sollen an diesem Kongress teilgenommen haben). Verkaufsschlager deshalb, weil alle Eltern, die sich bisher fragen mussten, ich habe ein schwieriges Kind, was habe ich denn falsch gemacht in der Erziehung?, was muss ich denn ändern?, nun zu hören bekommen, dass sie besondere Kinder haben, die mit ihrem „unzeitgemäßen Begabungsprofil“ ihrer Zeit weit voraus sind. Es liegt also an der Gesellschaft. Jetzt erfahren diese Eltern mit der Besonderheit ihrer Kinder, unausgesprochen, dass sie ja auch etwas Besonderes sind, sonst würden ja diese besonderen Kinder nicht zu ihnen kommen. Die Frage, was habe ich falsch gemacht, was muss ich an mir und meinen Erziehungshaltungen ändern, die immer an die eigenen Grenzen führt und die Selbsterkenntnis, die Ent-täuschung über das eigene Selbst in hohem Maße beansprucht, entfällt. Ebenso das Arbeiten an sich selbst, das mühselige Verändern des eigenen Charakters, des eigenen Wesens. Dort wo Herr Preuß dieses Verändern aufgreift, geschieht es in Form eines Spieles und auf einer völlig abstrakten Ebene.

Die Waldorflehrer und –erzieher werden der anstrengenden und unbequemen Aufgabe enthoben, durch das energische Ergreifen der Anthroposophie und ihrer Menschenkunde, ihre erzieherischen Qualitäten zu verbessern, das „Baby des Ich“ wie Rudolf Steiner das im Heilpädagogischen Kurs nennt, so zu entwickeln, dass es den zunehmenden Problemen in der Erziehung gerecht wird, gewachsen ist. Dieses mit der Anthroposophie verbundene Ergreifen setzt ein Erwachen voraus, ein Verabschieden von der bürgerlichen Bequemlichkeit, vom verbeamteten Sicherheitsdenken, vom Staatsbewusstsein. Dem allen enthebt den Pädagogen die Idee von den besonderen Kindern, die mal „Sternkinder“, mal „Indigo-Kinder“ genannt werden. Der Erziehende kann dann bei der gewohnten Einstellung, andere für sich denken zu lassen, bleiben. Er kann in der alten, lässigen geistigen Trägheit verbleiben, sieht sich nicht genötigt, sich selbst als „Werkzeug“ der Erziehung bis in sein tiefstes Sein hinein zu verändern. Mit dieser Idee werde ich diesen Anstrengungen enthoben, ich muss nur auf die Besonderheit dieser Kinder eingehen, mich ihrem Urteil unterwerfen. Im Artikel davor, von Herrn Köhler, wird das auch, auf Seite 1064, ausgesprochen:“ Wozu hast du denn jetzt Lust?“

An der ganzen Problematik der Theorie der „besonderen Kinder“ kann uns die wirklich schwierige Situation in der Erziehung überdeutlich werden. Nicht die Kinder fallen aus dem Rahmen, sondern der Rahmen den ein Kind braucht, um sich in gesunder Art entwickeln zu können, ist nicht mehr gegeben. Das was ein Kind braucht ist ein Vorbild, später eine Autorität (der Begriff der Autorität hat in der anthroposophischen Pädagogik eine andere Bedeutung als er im allgemeinen Sprachgebrauch hat, eine andere Bedeutung auch wie für Herrn Preuß, das zeigt sich in seinem Artikel deutlich, zu diesem Begriff siehe meinen Artikel „Erziehung ohne Autorität?“), es braucht Strukturen, Regelmäßigkeit, Sicherheit in der Erziehung, es braucht Führung, Ruhe und Bildhaftigkeit, Phantasie.

Alles das, was diesen notwendigen Rahmen für die kindliche Entwicklung abgibt, ist bis auf unbedeutende Reste verloren gegangen. Das wollen die Menschen aber nicht wahrhaben, denn es stört vor allem eines, den Egoismus. Schon ganz früh muss das Kind erfahren: Ich kann mich auf die Erwachsenen nicht verlassen, sie sind nicht der Fels, an dem ich mein unsicheres, schwankendes Lebensschifflein festmachen kann, sie sind selbst schwankend, können keinen Halt finden für ihren eigenen Schicksalsweg, für ihre eigene Lebensführung.

Der erzieherische Instinkt ist vollständig verloren gegangen, auch im Dunstkreis der Waldorfschulen und der Waldorfkindergärten. Dieser Instinkt könnte nur auf eine neue durchmenschte Art über die Geisteswissenschaft und ihre Menschenkunde wieder erworben werden.

Wir müssen heute erleben, wie schon ganz früh, bei den kleinsten Kindern an deren Urteilsfähigkeit appelliert wird, „wozu hast du denn jetzt Lust“, wird in allen möglichen, modifizierten Formen an das Kind herangetragen. Das Urteil geht jedoch aus dem Astralleib hervor, der erst mit der Pubertät, an der Schwelle zum dritten Jahrsiebt, geboren wird. Bis dahin arbeitet er im physischen Organismus. Appelliert der Erziehende zu früh an die Urteilsfähigkeit des Kindes, zieht er den physischen Leib zu dieser Urteilsbildung heran. Dann bleibt das Kind ein ganzes Leben im Urteil von diesem physischen Leib abhängig. „ Niemals “ so Rudolf Steiner, kommt das Kind über diese falsche Urteilsbildung hinaus, es bleibt von seinen Wünschen, Begierden, Emotionen und Instinkten abhängig, ein ganzes Leben lang. „Ich habe keinen Bock“ ist ein Phänomen, das uns auf diese schiefgegangene Erziehung hinweist. Dadurch wird die Entwicklungsphase des ersten und auch des zweiten Jahrsiebtes in seinen Fundamenten nachhaltig zerstört, es kommt zu einer Missgeburt des astralen Leibes (1), das Verhalten der Pubertät wird in frühere Entwicklungsphasen vorverlegt, die Kinder intellektuell wach, aber schwierig im Verhalten. Außerdem wird in den Ätherleib, in den Bereich der Lebenskräfte, in krankmachender Art hineingewirkt. Dies Letztere zeigt sich allerdings hauptsächlich im späteren Lebensalter als die Erkrankungen, denen eine Verhärtung des menschlichen Leibes zu Grunde liegt (Krebs, Sklerose, Rheuma, Arthrose).

Zu solchen Ergebnissen kommt man, wenn es gelingt, der Forschung die anthroposophische Menschenkunde zu Grunde zu legen. Man muss dann nicht, wie Herr Preuß, ins abstrakt Blaue hineinphantasieren, sondern findet neue geistige Dimensionen, die uns in die Wirklichkeit führen.

 

Bildhaftigkeit statt Abstraktion

Eine weitere elementare Fehlleistung der Erziehenden in der heutigen Erziehung ist die frühe intellektuelle Ansprache schon im ersten Jahrsiebt, das Erklärenwollen der Welt, deren Sinndeutung. Kinder in diesem Alter muss man die Welt nicht erklären, sie müssen sie erfahren dürfen. Diese intellektuelle Ansprache wirkt schädigend bis ins Leibliche hinein. Der Strom der Phantasie, der Kreativität, des Ernährenden, der Strom der Lebenskräfte wird dadurch beeinträchtigt, gestört. Diese Lebenskräfte dienen der Ausgestaltung des physischen Leibes bis zur Schulreife, zum Wechsel ins zweite Jahrsiebt, arbeiten sie an der Ausplastizierung der Physis. Werden sie zu früh für intellektuelle Erklärungen und schulisches Lernen in Anspruch genommen, werden sie dieser ursprünglichen Aufgabe entzogen. Es kommt zu einer verfrühten Geburt des Ätherleibes, mit dem Erfolg, dass das Fundament des physischen Leibes, und damit das Fundament der weiteren Entwicklung, nicht fertig ausgestaltet und ausplastiziert ist und die ätherischen Kräfte in unreifem Zustand geboren werden, ebenfalls mit krankmachenden Folgen für das weitere Leben.

Dem gegenüber steht die Bildhaftigkeit, die Phantasie (damit ist nicht die ungesunde Phantastik eines Harry Potter gemeint), die das Kind für seinen Astralleib braucht, die aber über den Astralleib auf den Ätherleib und den physischen Leib wirkt. „ Man bringt das Unbildliche an das Kind heran; das Kind aber hat da in seinem Leibe Kräfte- ich meine natürlich die Seele, wenn ich jetzt vom Leibe spreche, wir sagen ja auch der <Astralleib>-, das Kind hat in seinem Leibe Kräfte sitzen, welche es zersprengen, wenn sie nicht herauf geholt werden in bildhafter Darstellung. …Und was entstehen daraus für Menschen? Rebellen, Revolutionäre, unzufriedene Menschen, Menschen, die nicht wissen, was sie wollen, weil sie etwas wollen, was mit keinem sozialen Organismus vereinbar ist, was sie sich nur vorstellen, was in ihre Phantasie hätte gehen sollen, da nicht hineingegangen ist, sondern in ihre sozialen Treibereien hineingegangen ist.“ Rudolf Steiner in GA.199, Seite 260.

Natürlich muss bei jedem Kind, das mit Schwierigkeiten in seiner Entwicklung zu kämpfen hat, die Ursache ganz konkret aus den Reaktionen des Wesensgliedergefüges auf die speziellen Erlebnisse und Erziehungshaltungen seiner Umgebung abgeleitet werden, aber in diesen beiden genannten Grundfehlern der heutigen Erziehung, das zu frühe Appellieren an die Urteilsfähigkeit der Kinder und die intellektuelle Ansprache auf Kosten der Bildhaftigkeit, haben wir zwei Grundübel, die sich heute überall durch die Erziehung hindurchziehen.

Auch das Fernsehen wirkt in einer immens intensiven Art zerstörend auf das Leben der Kinder in den Bildern der Phantasie

 

Fortgeschrittene Unreife bei den Erwachsenen

Die genannten beiden Grundfehler treten schon seit geraumer Zeit, allerdings immer zunehmender, in der Erziehung auf. Die Menschen, die heute als Erziehende in der Erziehung tätig sind, haben die falschen erzieherischen Grundhaltungen schon am eigenen Entwicklungsgang erfahren müssen, in der antiautoritären Erziehung und ihre Auswirkungen in allen Bereichen. Die dadurch hervorgerufenen Reifedefizite tragen die meisten Menschen der heutigen erziehenden Generation tief geprägt in sich. Es ist ihnen so selbstverständlich geworden, dass sie es noch nicht einmal bemerken. Müssen sie erleben, dass ihren Kindern, zum Beispiel im Kindergarten eine andere Erziehungshaltung zuteil wird, ertragen sie das aber oft nur unter seelischen Qualen. An den Entwicklungsstörungen und Verhaltenauffälligkeiten ihrer Kinder könnten sie diese Defizite erleben, aber anstatt diesem Mangel ehrlich und mutig ins Auge zu schauen, flüchten sie sich in die Theorien von den „besonderen“ Kindern. Also das wirkliche Problem ist die Unreife der heutigen Erwachsenen, die zu den instinktlosen Erziehungsfehlern führt. Die Kinder haben tatsächlich keine Vorbilder und Autoritäten mehr vor sich, keine Helden, deren Weg zum Olymp sie nachahmen könnten. Das aber lässt sich, so notwendig es ist gesagt zu werden, niemand gerne sagen. Aber da gibt es ja, glücklicherweise einen Herrn Köhler, einen Herrn Kühlewind, einen Herrn Preuß. Derselbe liefert dann noch die Rechtfertigung mit, dass es ja wissenschaftlich ist was er sagt und also nicht falsch sein kann, sofern man den Zustand der Anhängerschaft des Offenbarungsglauben noch nicht verlassen hat. Sie entheben einem der Notwendigkeit zu erwachen, sich gedanklich anzustrengen, seine Eitelkeit und Selbstgefälligkeit zu überwinden, der spießbürgerlichen Gemütlichkeit zu entsagen. Aber was hat dies für Konsequenzen für die werdende Menschheit, die Kinder. Dadurch rutschen wir nur immer tiefer in den Niedergang hinein, persönlich wie gesellschaftlich.

Die Eigenschaften der Selbsterkenntnis, der Eigenverantwortlichkeit, der Selbstkontrolle, die zu einer Strukturierung der Gedanken und der Persönlichkeit führen und notwendige Voraussetzungen für eine Erziehung sind, die eine gesunde Entwicklung des Kindes begünstigt, stellen aber auch die Grundlagen dar für den mündigen Menschen. Nicht im juristischen Sinne, sondern der inneren Qualität nach, die der Mündigkeit zugrunde liegt. Wer so, die dargestellte Stufe der Mündigkeit nicht erreichen kann, findet dann seine eigene Unreife im Kinde wieder. Da ihm dies aber nicht bewusst ist, er das auch nicht wahrhaben will, sich also für einen mündigen Erwachsenen hält, erhebt er dann auch das Kind zu einem mündigen Wesen.

Ohne ein, an der Geisteswissenschaft geschultes, wirklichkeitsgemäßes Denken werde ich diesen Sachverhalt im Labyrinth des wissenschaftlich-materialistischen Theorien bilden nicht auffinden können.

Die einzige Möglichkeit die wir haben, um diesen Kreislauf des Niederganges, der sich von Generation zu Generation steigert, zu unterbrechen, ist die Geisteswissenschaft. Aber diese ist mit Mühe, mit Anstrengung, mit geistigem Kraftaufwand verbunden und davor schrecken die Menschen zurück, lieber intellektuell-gemütlich weiterschlafen. Am meisten schrecken davor die „Anthroposophen“ zurück, sie haben sich im Nebel des „Mystischen“ verfangen, auf jeden der ihnen da heraushelfen will, wird wütend eingedroschen, sie verschlafen den eigenen Nieder- und Untergang.

 

Zur „Besonderheit“ der heutigen Kinder

Jedes Kind ist ein besonderes Wesen. Es bringt aus der geistigen, vorgeburtlichen Welt einen geistigen Wesenskern, ein Schicksal, eine Individualität mit, dass diese immer heller leuchten kann ist die Aufgabe der vorigen Generation, speziell der Erziehenden. Was ist in der heutigen Zeit an unseren Kindern anders? Wodurch unterscheiden sie sich von Kindern vergangener Zeiten? In GA 296 auf Seite 94 lesen wir bei Rudolf Steiner „ Und nun erinnern Sie sich einmal, wie ich vor meiner letzten Abreise an einem Abend hier auseinandersetzte, wie anders die Kinder seit fünf bis sechs bis sieben, acht Jahren geboren werden heute, mit einem, man möchte sagen, melancholischen Anflug über den Gesichtern, der deutlich zu bemerken ist für denjenigen, der so etwas bemerken kann. Und ich habe gesagt: Das rührt davon her, dass die Seelen heute nicht gern heruntergehen in die von Materialismus erfüllte Welt. Man könnte sagen: Die Seelen haben vor ihrer Geburt eine gewisse Furcht und Angst in die Welt einzutreten, in der die Intelligenz den Hang, die Neigung zum Bösen hat und in absteigender Entwickelung begriffen ist.“

Diese Seelen, die heute nicht gerne heruntergehen in die von Materialismus erfüllte Welt, haben vielleicht einem solchen Denker wie Otmar Preuß über die Schulter geschaut, bevor sie geboren wurden. Dieses Erlebnis, dass Rudolf Steiner für die Seelen die geboren werden schildert, ist inzwischen noch viel schockierender geworden, denn sie müssen erleben, dass selbst in der Anthroposophie die Menschen nicht mehr zum Geistigen finden, sondern sich mit Surrogaten abspeisen lassen. „Man muss mit dem Bewusstsein unterrichten, dass man eigentlich bei jedem Kinde eine Rettung zu vollziehen hat, dass man jedes Kind dahin bringen muss, im Lauf des Lebens den Christus-Impuls in sich zu finden, eine Wiedergeburt in sich zu finden.“ Ebd. S. 94

Damit sollte sich Herr Preuß und Menschen die denken wie er, einmal ernsthaft und geisteswissenschaftlich auseinandersetzen.

 

Geht es um die Äußerungen des Herrn Preuß?

Nein, letztlich geht es gar nicht darum. Würden seine Theorien irgendwo anders stehen als in der Erziehungskunst und nicht unter dem Etikett Anthroposophie erscheinen, müsste man sich damit nicht beschäftigen und die Korrigierung dieser Theorien könnte man gelassen der Wirklichkeit und deren Entwicklung in der Zeit überlassen, aber sie steht eben dort und richtet Unheil in der anthroposophischen Pädagogik an. Wenn der Pädagoge, das gilt auch für Eltern, solche Theorien in sich aufnimmt, ohne ihnen kritisch gegenüber stehen zu können, so wirkt eine solche Theorie über die Gedanken in seinen Ätherleib hinein auf krankmachende Art. Alles was ich denke hat seine Auswirkungen auf den Ätherleib, entweder in krankmachender oder gesundender Art. Wir müssen von der Beurteilung des Gedankens nach richtig oder falsch aufsteigen zu einer Beurteilung, macht dieser Gedanke krank oder macht er gesund.

Gleichzeitig aber zerstört eine solche Gedankengestaltung dem anthroposophischen Pädagogen die gesundende Wirksamkeit seiner Wesensglieder auf das Wesensgliedergefüge des Kindes. Hinterher, nachdem man sich auf diese Weise die pädagogische Wirksamkeit genommen hat, kann man dann behaupten die Anthroposophie und ihre Pädagogik wären überholt, da sie den Problemen der Kinder nicht gerecht werden können. Diese Pädagogik ist tatsächlich überholt. Sie ist aber etwas anderes als die anthroposophische Pädagogik, nämlich nur noch ihre leere Fassade.

Worum es wirklich geht ist, dass solche Ausführungen wie die von Herrn Preuß zeigen, in welch geistig erbärmlichen Zustand die anthroposophische Pädagogik sich heute befindet. Natürlich gemessen an dem Maßstab, den uns Rudolf Steiner gegeben hat und nicht an dem eines Herrn Köhlers oder des Zen-Buddhisten Herrn Kühlewind. Vor 20 Jahren wäre noch niemand auf die Idee gekommen, etwas so geistig inhaltsleeres in einer anthroposophischen Zeitschrift abzudrucken. Den Zustand der eigenen Geistesleere können die Waldorfpädagogen an diesen Ausführungen erleben: Die eigene Bequemlichkeit und Trägheit. Diese Geistesleere ist auch der Grund, warum in den anthroposophischen Zeitschriften und Kongressen immer mehr Wissenschaftler zu Wort kommen, denen die Umwandlung ihres Staatsbewusstseins bestenfalls nur als Vorsatz gelungen ist. Der Hauch des Geistes mag sie in dunkler Nacht berührt haben, im hellen Tageslicht der geisteswissenschaftlichen Gedanken verflüchtigt sich dieser. Die anthroposophische Pädagogik, die das Geistesleben befreien und den Fängen des Staates entreißen sollte, bedarf inzwischen der Erneuerung des unfreien, des staatlich drangsalierten und bevormundeten Geisteslebens. Der Patient Waldorfpädagogik wird inzwischen per Rollstuhl durch die geistige Geriatrie geschoben.

Der ganze Duktus des Artikels von Herr Preuß spricht von Materialismus, die Darstellung von Erziehung als Kommunikation, als das, was wir mit den Kindern reden, die Bedeutung des Gehirns für den Menschen und in der Erziehung, die Darstellung einer machtgeprägten Erziehung, das sind Vorstellungen, zu denen ich nur auf materialistisch-wissenschaftlichem Wege, niemals aber über die Geisteswissenschaft kommen kann. Das die anthroposophischen Pädagogen sich solchen Ausführungen zuwenden zeigt, wie wenig die geisteswissenschaftliche Menschenkunde in der Waldorfpädagogik noch lebt und welch tiefer Schlaf sich der Waldorfpädagogen bemächtigt hat. Das ist es um was es geht und was nicht scharf genug dargestellt werden kann.

Michael, der Zeitgeist, hat ein Schwert in der Hand, mit diesem Schwert hat er den Drachen besiegt. Dieses Schwert ist ein Bild für das Ich, mit ihm können wir den Drachen besiegen.

Es ist aber keine Fliegenpatsche, die Michael in der Hand hält.

 

Rüdiger Keuler, Oktober 2004

 

(1) Über den Zusammenhang des Astralleibes und dessen Geburt am Ende des 2. Jahrsiebts zur Urteilsfähigkeit des Kindes, siehe ebenfalls Pelagius-Heft I, Artikel „Erziehung ohne Autorität“



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