Beziehung statt Erziehung

Neuer Aufguss der antiautoritären Erziehung

Unter dem Motto „Zukunft für Kinder – Be-ziehung statt Er-ziehung“ fand wiederum ein Kongress zum Thema Erziehung in Köln statt. Veranstalter waren das „Freie Bildungswerk Rheinland“ und das „Janusz-Korczak-Institut Wolfschlugen“. Über die Widersprüchlichkeit der Vorankündigung zu diesem Kongress berichteten wir in Pelagius Heft IV unter der Überschrift „Kölner Kongress: Labyrinth des Denkens“.

Nun erschien ein Bericht über diesen Kongress von Jelle van der Meulen in den „Nachrichten für Mitglieder“ Nr. 31-32/05 der Anthroposophischen Gesellschaft. Die von mir im oben genannten Artikel als verworren bezeichnete Gedankengestaltung der Veranstalter, der als Redner in Erscheinung Tretenden und der sich dazu hingezogen Fühlenden, tritt in diesem Artikel ebenfalls voll in Erscheinung.

Wir können dort nachlesen, welche Aussagen Pär Ahlbom während des Kongresses machte: „Alles in einer Schule soll auf Freiwilligkeit basieren. Die Kinder müssen wirklich frei sein. Wenn die Sonne scheint und die Kinder in den Wald gehen wollen, dann sollen sie in den Wald gehen. Das heißt dann Schule.“ Weiter unten dann: „ In der heutigen Zeit gibt es bei Erwachsenen eine große Angst vor verbindlichen Beziehungen. Je weniger Beziehung, desto mehr Regeln. Das gilt auch für die Beziehungen zwischen den Lehrenden und den Schülern. Für echte Beziehung ist Freiwilligkeit aber eine Notwendigkeit.“ „Wenn die Kinder schwänzen, dann schwänzen sie. Alles gehört zur Schule.“ Damit wären wir wieder bei O`Neill und seiner antiautoritären Erziehung, diesmal als anthroposophische Mutation. Genau dies aber wurde von den Veranstaltern in der Einladung zur Tagung verneint: „Beziehung statt Erziehung. Zugegeben - das klingt so provokant als sollte jegliche Erziehung abgeschafft werden. Doch weder die Rückkehr zur antiautoritären Laissez Faire Haltung noch die Übertragung jeglicher Entscheidungskompetenz an z.B. Fünfjährige ist das Ziel.“ Also dann nicht an Fünfjährige, aber an Siebenjährige die Entscheidungskompetenz übertragen, ob er heute in die Schule gehen will, oder ob er den Aufenthalt im Schwimmbad, oder den Besuch des Kinos Schule nennen möchte. Hören sich solche Menschen bei dem, was sie sagen, was sie äußern, eigentlich selbst zu?

Pär Ahlbom scheint die Kenntnis und Bedeutung der anthroposophischen Pädagogik und der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde nur äußerst mangelhaft verstanden zu haben. Ein Kind, das vor der Pubertät, vor dem vierzehnten Lebensjahr - frühestens ab dem vollendeten zwölften Jahr kann damit vorsichtig begonnen werden - an ein eigenes Urteil herangeführt und gewöhnt wird, hat damit einen schwerwiegenden Schaden für sein weiteres Leben, auch bis ins Erwachsenendasein hinein, bekommen. Das selbständige Urteil geht aus dem Astralleib hervor. Da dieser erst mit der Pubertät frei, geboren wird und bis dahin im physischen Leib organisierend und strukturierend wirkt, so wird bei dem selbständigen Urteil vor der Pubertät der physische Leib mit eingebunden. Das Urteil wird dadurch durch Lust und Laune, Leidenschaften und Begierden, Sympathie und Antipathie getrübt, beeinträchtigt und verfälscht, auch über die Pubertät hinaus, in der der Jugendliche und seine Umgebung gerade damit zu kämpfen hat. Er bleibt also in einer pubertären Phase seiner Entwicklung stecken. Dieser Prozess ist unter normalen Umständen nur sehr schwer wieder umkehrbar und bewirkt, dass der Mensch nicht zu seinem Schicksalsimpuls, zu seinen Aufgaben und Pflichten findet und dadurch zur gescheiterten Persönlichkeit wird. Außerdem ist das mit einer tiefen Lebensunzufriedenheit verbunden. Darüber habe ich in Pelagius Heft I unter dem Titel „Erziehung ohne Autorität?“ ausführlicher geschrieben. Sind sich eigentlich ein Ahlbom, ein Köhler, ein Kühlewind oder die Veranstalter einer solchen bedauerlichen Tagung bewusst, welche enorme Belastung sie und alle die danach handeln, dadurch auf ihr eigenes Karma laden? Wohl kaum. Niemand stellt sich ungestraft dem Geist in den Weg oder verfälscht seine Tatsachen.

Die Bedeutung der Autorität in der anthroposophischen Pädagogik ist von Herrn Ahlbom und denen die denken wie er, völlig missverstanden worden. Rudolf Steiner spricht von einer würdigen, einer geliebten, einer selbstverständlichen Autorität, einer Autorität, bei der sich das Kind geborgen, sicher und verstanden fühlt, die es verehren und lieben kann, auf dessen Urteilsfähigkeit sich das Kind verlässt. Die also auch wissen muss, was richtig ist und was getan werden muss. Der Lehrer, der Erzieher ist Repräsentant für die göttlich-geistige Welt, für das Moralische, das Religiöse. Dazu muss er selbst sich aber erst machen, das ist der Hintergrund der Aussage, Erziehung ist nur möglich durch Selbsterziehung, und diese wiederum ist im realen Sinne nur möglich durch die geisteswissenschaftliche Menschenkunde, durch die Anthroposophie, durch das immerwährende Ringen um ihr Verständnis. Nur ein Mensch, der in der Kindheit von seinen Erziehern geführt wurde, kann als Erwachsener sein Leben selbst führen. Wird er mit unsicherer Hand, „Laissez Faire“ geführt, ist auch die spätere Lebensführung unsicher. Ein Kind, das keine klare Führung, keine Grenzen und Anforderungen erfährt, muss zwangsläufig verhaltensgestört werden. Je früher diese Erziehungshaltung beginnt, umso schwerer wird die Störung. Dass dies in liebevoller, aber konsequenter Art geschehen muss ist selbstverständlich und sollte, zumindest in anthroposophischen Kreisen, keiner weiteren Ausführung bedürfen. Würde dies tatsächlich stattfinden, wären die Mehrzahl der Kinder- und Jugendpsychiater, auch Heilpädagogen, arbeitslos. Es ist sehr erschütternd zu erleben, wie Kinder, die durch die inkonsequente, instinktlose und ambivalente Erziehung ihrer Eltern in scheinbar auswegslose seelische Verhaltenssituationen geraten sind, aus dieser herausfinden können, erlöst werden, wenn die Erwachsenen sich selbst zur Konsequenz erziehen können.

Wenn das Kind nicht in Ehrfurcht und Liebe zur würdigen, zur selbstverständlichen Autorität aufschauen kann, so verhärtet der Ätherleib, dem dann dieses ihm notwendige Ferment, dass er braucht, um bildsam, geschmeidig zu bleiben, fehlt. Später, im fünften Lebensjahrsiebt, zwischen dem achtundzwanzigsten und dem fünfunddreißigsten Jahr, ist es dem Ich dann nicht möglich, den zu festen Ätherleib zu durchdringen, zu läutern und zu veredeln. Damit kommt es nicht oder nur unvollständig zur Geburt der Verstandes- und Gemütsseele, die eben der vom Ich ergriffene und verwandelte Teil des Ätherleibes ist. Die Entwicklung des Menschen verebbt und kommt zum Stillstand. Das ist einer der Gründe, warum heute so viele unreife Persönlichkeiten in der Welt vorhanden sind, die sich nicht weiterentwickeln können. Für alle diese Wirkungen auf das Wesensgliedergefüge, die durch die Erziehung hervorgerufen werden, trägt der Erziehende die Verantwortung, auch über dieses Leben hinaus.

Die Bedeutung der Autorität, in welchem qualitativen Sinne sie gemeint ist wurde schon ausgeführt und ihre Wirkung, zieht sich durch die ganze Kindheit, durch die ganze Erziehung hindurch. Im ersten Jahrsiebt ist es die Autorität, die nachgeahmt werden kann, im zweiten ist es die, die geliebt und verehrt werden kann, und im dritten ist es die, die einer Beurteilung durch den Jungendlichen standhält. Sind solche Autoritäten nicht vorhanden, wendet sich der Jungendliche den Idolen zu.

Der Begriff der Autorität in der anthroposophischen Pädagogik und seine Bedeutung beinhaltet eine Beziehung vom Kind zum Lehrer und umgekehrt als Selbstverständlichkeit, denn durch die Veränderung des Wesengliedergefüges des Erziehenden, durch die Auseinandersetzung mit der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde und das Ringen um ihr Verständnis, entsteht ein geistiges Band zwischen dem Erwachsenen und dem Kind, und das ist die Substanz der Beziehung. Durch das Wiedererinnern der Pädagogen an die Geisteswissenschaft und ihre in der Erziehung real wirkenden Inhalte, würde ganz selbstverständlich vieles entstehen, was auf dieser Tagung vor allem von den „anthroposophischen“ Rednern mit so viel Nachdruck gefordert wurde, um damit doch nur zu zeigen, wie wenig man von Pädagogik und schon gar von der anthroposophischen, versteht. Einem Professor oder Universitätsdozenten, der sich aus seinem positivistischen, wirklichkeitsfremden Menschenbild heraus Erziehungsprogramme ausdenkt, deren Realitätswert wir an den staatlichen Schulen bewundern können, sei dies verziehen, nicht aber jemanden, der zumindest den Anschein erwecken will, sein Wissen aus der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde zu beziehen. Auch das proklamierte Einfühlen in das Kind beruht auf diesem geistigen Band zwischen Lehrer und Kind, von Rudolf Steiner oft die Imponderabilien genannt. Auch diese sind Voraussetzung der anthroposophischen Pädagogik, heute aber leider, da die geisteswissenschaftlichen Inhalte mit der Anthroposophie an den Waldorfschulen weitgehend über Bord geworfen wurden, immer weniger vorhanden. Nun reicht aber das Einfühlen allein nicht, es bedarf der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis und des menschenkundlichen Maßstabes, der der Beurteilung des Kindes zugrunde gelegt wird. Dieser Maßstab ist aber kein normativer, sondern ein Maßstab der gesunden kindlichen Entwicklung und dieser sollte auch immer einer Beurteilung und keiner Verurteilung zugrunde gelegt werden. Dieses ganze Reden vom „werterkennenden-wertfreien Blick“ wirft vor allem ein Licht darauf, womit Köhler, Kühlewind, und Ahlbom zu kämpfen haben wenn sie Kinder betrachten, aber das bedeutet nicht, dass es anderen Erziehern ebenso geht, vor allem dann nicht, wenn sie wirklich die Möglichkeit gefunden haben, aus der Geisteswissenschaft zu schöpfen und dies nicht nur behaupten. Ein Pädagoge, der nicht zu Urteilen - auch das Werterkennen ist ein Urteil - kommt, wobei er den Maßstab eben der gesunden Entwicklung und der betreffenden kindlichen Individualität entnimmt, sollte den Beruf wechseln, weil er weder der Gegenwart noch der Zukunft des Kindes gerecht wird.

Zu dem erwähnten Zitat von Pär Ahlbom: „ In der heutigen Zeit gibt es bei Erwachsenen eine große Angst vor verbindlichen Beziehungen. Je weniger Beziehung, desto mehr Regeln“, muss gesagt werden, dass heute vielmehr das Gegenteil der Fall ist, was den zweiten Teil der Aussage betrifft. Aus der Angst, der Lebensunsicherheit, der Bequemlichkeit heraus gibt es immer weniger Regeln, können sich die Erwachsenen immer weniger dazu aufraffen, Regeln aufzustellen und für deren Einhaltung zu sorgen. Da lässt man doch lieber die Sternkinder die Dinge regeln.

Die wahrlich nicht geringen Probleme in der Erziehung liegen daran, dass die Kinder schon weitgehend verdorben in die Schule oder auch schon so in den Kindergarten kommen, verdorben durch die Erziehung von Erwachsenen, die selbst keine Regeln mehr haben und immer weniger akzeptieren, keine Maßstäbe und Werte anerkennen, keine Beziehungen mehr eingehen können und dort Lehrer, Erzieher, Pädagogen vorfinden, die die selben Defizite haben (zunehmend auch an Waldorfschulen) und deswegen den Kindern keinen Halt, keine Führung, keine Sicherheit mehr zu geben imstande sind (siehe Pär Ahlbom). Das Einzige, was aus diesem Dilemma heraushelfen könnte, von den Pädagogen aber aus Trägheit, Bequemlichkeit, Ignoranz und Eitelkeit abgelehnt oder im Sinne des eigenen Egoismus verwässert oder verbogen wird, ist die Geisteswissenschaft. Solche Wahrheiten lassen sich aber nicht gut verkaufen, das wollen die Menschen nicht hören, damit lassen sich keine großen Säle füllen. Und trotzdem müssen diese Wahrheiten ausgesprochen werden.

Das Kleeblatt der Menschen, die die anthroposophische Pädagogik von innen heraus zerstören hat sich jetzt also gefunden: Hennig Köhler, Georg Kühlewind, Pär Ahlbom, und solche Menschen prägen das Bild der Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit.

Nun aber noch etwas Positives: Jelle van der Meulen berichtet von 360 Teilnehmern. Im Jahre davor waren es noch 700. Sollte das Anlass sein zur Hoffnung, dass sich die Pädagogen von solchen wirklichkeitsfremden und inhaltsleeren Phrasen abwenden? Nur, nach dem Zustand der anthroposophischen Pädagogik und ihrer Pädagogen zu schließen, kann man sicher sein, dass, wenn sie sich von diesem pädagogischen Humbug abwenden sollten, sie sich auch schnell dem nächsten zuwenden werden, z.B. dem eines Marshall Rosenbergs (amerikanischer Psychologe und New Age Guru).

Wolfgang Schäfer aus Gerabronn hat in einem Leserbrief zu dem Bericht über diese Tagung, der ebenfalls im Mitteilungsblatt in der Nr. 36 abgedruckt wurde, das richtige Wort zu diesem Event gefunden: „Absoluter Nonsens“, allerdings ein für alle Beteiligten gefährlicher Nonsens.

 

Rüdiger Keuler, Oktober 2005



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