Eine Gesellschaft der Neurotiker

Das Wirken Ahrimans bedingt das des Luzifers

Immer mehr wird unsere Kultur in einseitiger Art vom Technisch-Mechanischen und dem damit verbundenen abstrakt-toten Denken überflutet. Überall können wir den Siegeszug dieses Technischen wahrnehmen, in der Medizin, die von der Heilkunst zum Hightech Betrieb verkommt, deswegen den menschlichen Krankheiten zunehmend hilflos gegenüber steht, trotz allem großen Geprahle. Der Computer formt in wachsendem Maße die Gestaltungen des menschlichen Lebens, ja wir feiern in naiv unbedarfter Weise seinen anschwellenden Einfluß in der Pädagogik. Er verändert in erschreckender Manier das Verhalten und das Denken der Menschen.
Das mechanische, abstrakte Denken finden wir in der Erziehung überall da, wo zum Beispiel von System gesprochen wird, wie in der „systemischen Familienaufstellung“. Der Mensch und die Zusammenhänge die er bildet, sind niemals Systeme, wir finden es dort, wo die Selektion der Hochbegabten durchgeführt wird. Wir finden es auch da, wo das Seelische aus dem Körperlichen abgeleitet wird. Wenn zum Beispiel von einer Waldorflehrerin gesagt wird, die Pädagogik Rudolf Steiners wäre überholt, da die Gehirne der Kinder früher reif werden.
Dies alles geschieht in einseitiger Art, ohne daß ein ausgleichendes Gegengewicht in der Entwicklung der Menschheit gegenwärtig in einem ausreichenden Maße vorhanden wäre. Das Bewußtsein, sich mit diesen Erscheinungen erkenntnismäßig auseinandersetzen zu müssen, ist der schlafenden Menschheit abhanden gekommen, bzw. hat sich nicht entwickeln können.
In dem Vortrag vom 3.7.1918 spricht Rudolf Steiner davon, wie sich im Mechanischen menschlicher Verstand vom Menschen loslöst. „In dem Augenblick wo wir so etwas vom Menschen loslösen, was von Natur aus mit dem Menschen verbunden ist, nehmen diejenigen Kräfte, die wir in unserer Geisteswissenschaft als ahrimanische beschrieben haben, von alledem unmittelbar Besitz.“ (*1). Die beschriebene Einseitigkeit des Mechanischen bedeutet die Übergewichtung des ahrimanischen Einflußes in der gegenwärtigen Entwicklungsepoche. Aber nicht nur. Das Wirken Ahrimans am einen Ende bedingt immer das Wirken Luzifers am anderen Pol, jedoch nicht als gesunder Ausgleich. So wie wir in der äußeren Kultur die dominante Herrschaft der ahrimanischen Wesenheiten feststellen können, so finden wir im Seelenleben des Menschen das Wirken Luzifers. „ Das heißt, in demselben Maße, als die Maschinen entstehen, wird die Menschheit auf der Erde in ihrer Moralität, in ihrem Ethos in ihren sozialen Impulsen von luziferischen Stimmungen durchzogen. Das eine kann nicht ohne das andere entstehen.“ (*2). Wo finden wir das Luziferische in der Kultur, der Moral und der Pädagogik heute?

 

Kind, wie hättest du`s denn gerne?

Ein die erzieherische Haltung bestimmendes Anliegen sehr vieler Menschen die heute Eltern sind ist es ihren Kindern Anstrengung, Unlust, Enttäuschung Unzufriedenheit, Ärger und Verdrossenheit, kurz alles das, was man unter dem Begriff Frustration zusammenfassen könnte, nach Möglichkeit zu ersparen. Wenn das Kind quengelt „ich langweile mich so“ fühlt sich die Mutter verantwortlich dafür und aufgefordert in die Rolle, des Entertainers zu schlüpfen, anstatt zu sagen: Langweile dich nur, wenn du dich genügend gelangweilt hast, fällt dir schon ein was du spielen kannst. Für seine Unterhaltung ist ganz alleine das Kind zuständig. Wenn sich das Kind mit seiner Freundin gestritten hat, mischt sich die Mutter ein und versucht das zu regeln, eventuell fühlt sie sich gar bemüßigt, andere Kinder oder deren Eltern aufzufordern, den Kontakt mit ihrem Kinde zu pflegen, damit das Kind keine Enttäuschung und keine Verärgerung erleben muß. Ist das Kind müde, muß es getragen oder gefahren werden, auch die 300 Meter bis zur Schule, ist es hungrig oder durstig, muß dem möglichst schnell Abhilfe geschaffen werden. Auf diese Art wird das Kind immer schwächer, immer egoistischer, immer schwieriger, immer empfindlicher. Kinder müssen nicht frustrationsfrei erzogen werden, sondern zu einer gesunden Frustrationstoleranz. Nur dort erreiche ich etwas im Leben, wo ich gelernt habe mich anzustrengen und Widerstände zu überwinden. Das muß das Kind schon in den ersten Lebensjahren, natürlich seinen Alter angemessen, nicht erklärt bekommen, sondern durch die Erziehung er-leben, er-fahren. An den Widerständen erkraftet das Seelenwesen des Kindes, das findet seinen Ausdruck bis in eine gesunde Körperlichkeit hinein. Dazu gehört der ganze Bereich der Selbständigkeit, das fünfjährige Kind bekommt die Schuhe nicht gebunden, sondern bindet sie selbst. Der Klettverschluß ist bereits ein falscher Erziehungsansatz. Dadurch, daß das Kind immer bedient wird entwickelt es sich zum Tyrannen, zum Prinzen, zur Prinzessin, die gewohnt ist hohe Ansprüche zu stellen, selbst aber keine Anforderungen erfüllen kann und will und das die Menschen seiner Umgebung als die Dienerschaft wahrnimmt. Aufgrund dieser übermäßigen Bedienung und Versorgung wird das Kind zur Passivität, zur Faulheit erzogen, damit wird jedoch auch eine Veranlagung zum Drogenmißbrauch verursacht. Die Ansprüche, aus der Passivität heraus, werden mit der Zeit größere, es verlangt nach einer Steigerung, die Gefahr, daß dies zum Missbrauch der Drogen führt ist eine relativ große. Lernt das kleine Kind schon, daß es aktiv und kreativ, durch innere und äußere Anstrengung seine Befriedigung finden kann, so ist es auch im späteren Alter imstande, sein Leben selbst interessant, abwechslungsreich und zur Zufriedenheit führend zu gestalten, es braucht keine Drogen, hat kein Interesse daran. Grenzen, Regeln, Anforderungen und die damit verbundene Folgerichtigkeit, die Verstöße dagegen zumindest im Wiederholungsfalle mit konsequenten Folgen belegt, sind in einer gesunden Erziehung unabdingbar. Warum?

 

Das Wesen der Neurose

Was geschieht dadurch beim Kind? Die Richtung der Seelenhaltung, der Lebenshaltung, die wir beim Kind erziehen müssen, ist diejenige, daß sich das Kind, natürlich unbewußt, fragen sollte, was muss ich tun, was muß ich lernen, wie muß ich mich verhalten, um in die Welt, in die menschliche Gemeinschaft, in die Gesellschaft immer mehr und immer besser hineinwachsen zu können, natürlich nicht unter Aufgabe des eigenen Selbstes, welche Aufgaben finde ich in der Welt. Das ist die Haltung weg vom eigenen Ego. Durch die Erziehungseinstellung, bloß dem Kind alle Unlust und Anstrengung ersparen zu wollen, erziehe ich in die verkehrte Richtung der Lebenseinstellung: Was muß die Welt tun und leisten, um es mir recht zu machen? Also eine egozentrische Sichtweise im Verhältnis zu der Welt. Eine solche durch Erziehung herbeigeführte Grundeinstellung zur Welt läßt sich im späteren Leben nur noch unter größten Schwierigkeiten verändern.
Das Grundphänomen der Neurose besteht darin, daß der davon betroffene Mensch einen zu großen Teil seiner Seelenkräfte dazu benutzt, um sich mit sich selbst, seinem Befinden, seinen Wünschen und Ansprüchen, mit seinem niederen Ich, seinem Ego zu beschäftigen. Ein zu geringer Teil seines Seelenwesens ist der Welt, jetzt nicht als auf das Subjektive bezogen, sondern als Objektives, dem sich der Mensch widmen, an dem er seine soziale Aufgabe finden und an dem er sich dadurch entwickeln kann, zugewendet. Passiert dann irgendetwas Außergewöhnliches, das ihn vor Probleme stellt und über die gewohnt niedrigen Maßen beansprucht, so gerät der betreffende Mensch seelisch ins schleudern, er bekommt Schwierigkeiten mit sich und seiner Umwelt. So entsteht die ganze Bandbreite von „schwieriger Mensch“, über „gescheiterte Persönlichkeit“ bis hin zur akut psychischen Erkrankung. Die beschriebene egozentrische Seelenhaltung führt zunehmend zu einer Unfähigkeit, die menschliche Umgebung und ihre sozialen Regeln wahrzunehmen. Der betreffende Mensch wird es als selbstverständlich betrachten, wenn er drei Autos zuparkt und deren Fahrer zwingt zu warten bis er wiederkommt. Wehren sich diese dann, fühlt sich der Täter schnell als Opfer.
Später wird das wiederum durch die Erziehung auf das eigene Kind übertragen, wo es in den meisten Fällen zu einer Steigerung der Problematik der vorigen Generation kommt. Solche Eltern können es auch nicht ertragen wenn andere Menschen, seien es nun die Erzieher oder die Lehrer, ihrem Kind Grenzen setzen oder ihm Anforderungen abverlangen, dann richten sich oft Angriffe gegen diese Personen, je besser diese arbeiten umso mehr. Bevor solche Eltern bereit sind ihre Erziehungshaltung zu hinterfragen, daß wäre ja mit einer schmerzhaften Selbsterkenntnis verbunden, verklären sie ihr Kind lieber zu einem Indigo-, Stern-, oder Kristallkind, zu einer verhaltensindividuellen oder verhaltensorginellen Persönlichkeit. Das sind dann die Begriffshülsen, hinter denen sich die Neurosen verbergen.
Je weiter diese Neurosen bei den Erziehenden fortgeschritten sind, umso mehr kommt es zu einer inneren, zu einer seelischen Verwahrlosung (Wohlstandsverwahrlosung), da der Erwachsene dem Kinde zu wenig seelisch substanzielle Zuwendung geben kann und das Kind keinen Halt, keine Hülle, keine Wärme an ihm erlebt. Dafür ist das Lamentieren, das Erklären, das Reden und Diskutieren, das Aufschäumen, aufspritzen des Seelenwesens der betreffenden Person umso größer. Das viele Küssen seiner Kinder, Freunde Verwandten und bekannten steht damit in Zusammenhang. Je weniger ich an seelischer Zuwendung geben kann umso mehr veräußerlicht sich das, muss es äußerlich betont werden.

 

Kulturelle Erscheinungsformen des betreffenden Themas

Aus der besprochenen seelischen Unfähigkeit erklären sich sehr viele gegenwärtige Kulturerscheinungen, pädagogische und gesundheitliche Problematiken. Viele Phänomene können uns auf eine solche Seelenhaltung hinweisen. Zum Beispiel der Hund. Überall dort, wo er keine Aufgabe hat als Blinden-, Jagd-, oder Wachhund, sondern dazu dient, daß der Mensch an ihm die Gefühle befriedigt, die er an der menschlichen, der sozialen Gemeinschaft entwickeln und befriedigen sollte, findet das statt. Es ist schockierend, wenn man erlebt, wie in einer Welt, in der die Menschheit jeden Tag mehr ums Überleben kämpfen müsste, wenn sie denn geruhen würde die Notwendigkeit dazu zur Kenntnis zu nehmen, Menschen ihre Zeit damit verbringen, ihrem Hund bei seinen Ausscheidungsprozeduren zuzuschauen. Wir finden oft, daß solche Menschen ihren Hund so behandeln wie ein Kind und ihm auch solche Rechte zugestanden wissen wollen. Es kann sich einem dann schon die Frage aufdrängen, ob man für den Erhalt einer solchen Menschheit noch kämpfen soll?
Ein anderes Phänomen, das uns auf denselben Hintergrund hinweist ist das Cabrio (oder auch das Motorrad). Ein Fortbewegungsmittel, das den Mensch dorthin bringen soll, wo seine Aufgaben im Leben sind, wird dazu gebraucht um sich selbst zu genießen und um sich in Szene setzen zu können. Auch das schnelle Durchsetzen des Handys als „Kommunikationsmittel“ wäre ohne die beschriebene Problematik nicht möglich gewesen.
Die ganze Unterhaltungsbranche lebt von der neurotischen Grundstimmung der heutigen Gesellschaft und zwar auf beiden Seiten. Auf der Seite der „Sternchen“ und auf der Seite der Zuschauer, beide beschäftigen sich mit sich und den durch ihr Stehen vor der Kamera und ihr Sitzen vor dem Bildschirm hervorgerufenen körperlichen Veränderungen und dem damit verbundenen Genuß. Reine Selbstbefriedigung.

 

Schlußsatz

In einem guten Bilderbuch für ältere Kinder (ab 9 Jahren) „Der Troll, der Mensch werden wollte“, finden wir in der Erzählung die Stelle, wo der Großvater zu seinem Enkel mit deutlichen, für heutige Ohren recht deftigen Worten spricht: „An einem Herbstabend, als der Wind über den Wipfeln brauste, kauerte der Troll vor der Hütte des Köhler-Matthes und lauschte, was der Köhler zu seinem Enkel sprach, der ihm das Essen von daheim gebracht hatte. Die beiden saßen auf der Pritsche, und der Junge hörte aufmerksam dem Großvater zu.
„Das ist so“, sagte dieser und schnitt sich eine Scheibe Roggenbrot ab. „Aus wem etwas werden soll, der muß lernen, mehr an andere als an sich zu denken. Darin besteht das Geheimnis, Mensch zu sein. Die das nicht lernen, aus denen wird nichts anderes als Trollpack.“
Etwas höflicher ausgedrückt muß gesagt werden, durch die beschriebene, heute durchaus gesellschaftsfähige seelische Unfähigkeit, fehlt ein wesentlicher Teil auf dem Weg zur Menschwerdung, zunehmend hervorgerufen durch eine unfähige Erziehung, der die notwendigen Voraussetzungen durch das unfertige Menschenbild, das aus dem Materialismus stammt, nicht gegeben werden.

 

*1) „ Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft“ GA 181, Seite 300.
*2) Ebenda Seite 301.

Rüdiger Keuler, Juli 2006



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