Graffiti am Tempel

Nicht nur über hohe geistige Gefilde, über Äonen der menschheitsgeschichtlichen Vergangenheit und Zukunft, können wir uns durch die Anthroposophie aufklären, sondern sie gibt uns auch Erkenntnisse und Maßstäbe, durch die wir die alltäglichen Probleme und sonst unverständlichen Erscheinungen der Gegenwart verstehen können. Diesbezüglich kann ihre Aktualität in jeder wach denkenden Individualität modern zur Offenbarung kommen, geschieht dies nicht, liegt es an der Bequemlichkeit der betreffenden Person.
Ein Phänomen, das wir in den letzten Jahren in zunehmenden Maße beobachten können ist das Tätowieren. Immer mehr Menschen wählen diese Form der Körper“kultur“, immer großflächiger werden die „Kunstwerke“, immer mehr Körperteile „verziert“, bis hinein in den Intimbereich. In der Vergangenheit eher eine Ausdrucksform der Unterprivilegierten (Seemann, Kriminelle) und hauptsächlich des männlichen Geschlechts, sind inzwischen alle gesellschaftlichen Schichten beiderlei Geschlechts davon betroffen.
Ganz unabhängig davon, dass diese Zurschaustellungen vom Ästhetischen her an den Stempel des Fleischbeschauers erinnert, ist die Frage: Warum erleben wir eine solche epidemische Zunahme dieser Körperbilder? Welche Ursachen liegen diesen Symptomen zugrunde?
Einen beleuchtenden Aspekt können wir finden, wenn wir in GA 184 auf Seite 56 lesen, dass Rudolf Steiner sagt: „Wenn Sie des Morgens aufwachen und untertauchen in Ihren Ätherleib, dann tauchen Sie eigentlich ein in das Geschöpf der Wesenheiten der zweiten Hierarchie. Und Sie tauchen auch in Ihren physischen Leib unter. Von diesem physischen Leib, den das Mysterienwesen daher den Tempel des Menschen nennt, ist das, was die äußerliche Anatomie und Physiologie zutage fördert, eben wirklich nur die alleralleräußerlichste Hülle. Von diesem ungeheueren Wundergebilde des menschlichen physischen Leibes bekommt man nur einen Begriff, wenn man weiß: er ist das Geschöpf des Zusammenwirkens der Wesenheiten der ersten Hierarchie. Wenn Sie des Morgens beim Aufwachen untertauchen in Ihren physischen Leib, so tauchen Sie eigentlich in das Werk höchster Hierarchien unter.“ „Tempel des Menschen“ und „Werk höchster Hierarchien“ nennt Rudolf Steiner aus seiner geistigen Wahrnehmung heraus den physischen Leib des Menschen.
Wenn wir diese Äußerungen Rudolf Steiners unseren Überlegungen zugrunde legen, so sehen wir wie in der Tätowierung die große Geistentfremdung der Menschheit zum Ausdruck kommt. So stellt sich uns diese Art der „Verschönerung“ des menschlichen Leibes als die Graffiti am Tempel des menschlichen Leibes dar.
Da alles, was der Mensch im Leben tut, als Wirkung auch wieder auf ihn als Verursacher zurückkommt, stellt sich auch die Frage, wie die Erbauer dieses höchsten Kunstwerkes, dieses Tempels auf diese Art des Vandalismus reagieren? Wahrscheinlich mit einem Sichzurückziehen von der menschlichen Wesenheit und ihrem Schicksalsweg, zu einem Zeitpunkt, in dem der Mensch die Hilfe der geistigen Welt noch sehr nötig hat. Welcher Gott weilt schon gerne in einem geschändeten Tempel?! In dieses Vakuum, das dadurch entsteht stoßen die Wesenheiten der Widersachermächte nach. Natürlich ist es nicht nur die äußerlich vollzogene Tatsache, sondern auch die dieser Tat zugrunde liegende Geisteshaltung, die als Ursache die Wirkungen nach sich zieht.
Wenn wir mit diesem Grundgedanken, der physische Leib als Tempel und Werk der Wesenheiten der ersten Hierarchie, Überlegungen zum Phänomen Piercing anstellen, so müssen wir dies als Sachbeschädigung am Tempel betrachten.
Legen wir diesen Gedankengang unseren Beobachtungen der betreffenden Personen zugrunde, so finden wir dies bestätigt. Das Individuelle dieser Menschen, das Geistig-Seelische, hat sich zurückgezogen, das Leiblich-Seelische, das Persönliche, der Eigenwille, der Egoismus stehen im Vordergrund.
Obwohl dieser physische Leib des Menschen ein Werk der Götter der ersten Hierarchie ist, steht er doch auch in einem engen Zusammenhang mit dem Ich des Menschen, das sich in seinem Physiognomischen offenbart, und uns den Abdruck der Individualität erschauen lässt, oder wenn es sich weniger mit dem Physisch-Leiblichen verbinden kann und damit dem Lebenslauf, das Persönliche, das Artgemäße zur Ausgestaltung bringt.
In dieser Physiognomie kommt zur Darstellung, was der Mensch in seinem bisherigen Werdegang, auch über Inkarnationen hinweg, sich zu Eigen machen konnte, sie ist Ausdruck seines Ichs. Eine Veränderung dieser Physiognomie ist nur aus dem Inneren, nur über die Umgestaltung der Wesensglieder bis in den physischen Leib hinein, durch das Erleben und Erarbeiten geistiger Inhalte legitim. Das ist natürlich eine langwierige Angelegenheit, die eher in späteren Inkarnationen ihre Früchte zeigt, nur wenig in dem jetzigen Leben und sich auch nicht im Sinne oberflächlicher Modegesichtspunkte abspielt, sondern das göttlich-geistige Wesen, das höhere Ich des Menschen im Leiblich-Seelischen, dieses veredelnd und läuternd immer mehr zum Ausdruck bringen soll.
Jede Art von äußere Korrektur, jeder schönheitschirurgische Eingriff ist somit ein Besserwissen eine Belehrung des niederen menschlichen Egos gegenüber den geistigen Wesen und dem höheren Ich des Menschen, ebenfalls mit dem „Erfolg“, dass diese geistigen Wesen sich zurückziehen müssen. Das was sich schon vom höheren Ich mit der irdischen Wesenheit verbinden konnte fühlt sich nach solchen Umbaumaßnahmen im Leibeshaus nicht mehr zuhause, es wird heimatlos. Da gilt, wo kein Ich, ist ein Anderer, ein Wesen der Widersachermächte. Am deutlichsten nehmen wir das wahr bei den kosmetisch-chirurgischen Veränderungen des Gesichtes von Michael Jackson. Was in einer solchen körperlichen Gestaltung, Physiognomie kann man nicht mehr sagen, zum Ausdruck kommt, ist das Dämonische.
Es handelt sich bei den besprochenen Phänomenen keineswegs um oberflächliche Lappalien. Indem sich der Mensch tätowiert, indem er sich ein Piercing setzen lässt, indem er dieses „ungeheuere Wundergebilde“, den physischen Leib, korrigiert, wendet er sich von den geistigen Wesenheiten, die die Menschheit zu einer aufsteigenden Entwicklung führen, ab. Er betritt einen Weg der ihn, vorläufig nicht unumkehrbar, von dem Strom der Menschheitsevolution hinwegführt, mit allen für diese Evolution notwendigen, für ihn aber furchtbaren Folgen. Wir leben in einer Zeit in der die letzten Tabus fallen, die Menschen glauben, tun und lassen zu können was ihnen beliebt, trotzdem muss jeder Mensch die Wirkungen seiner Taten in granitharter Konsequenz tragen. Der Mensch bestimmt selbst den Weg seiner Entwicklung, das ist die Kehrseite der Freiheit.
Das Ziel, der Wunsch der einer solchen Veränderung zugrunde liegt ist ja nicht das Individuelle, das aus dem höheren Ich kommt, sondern das allgemeine, das persönlich-unpersönliche, das artgemäße, das Model. Das schiebt sich zwischen meine menschlich irdische Persönlichkeit und mein höheres Ich, das ich immer mehr zur Verkörperung hier auf der Erde bringen soll und verhindert eine weitere Vereinigung dieser Beiden.
Das hiermit Ausgesagte beginnt schon bei jeder Art von Kosmetik, von Schminke. Auch dabei distanziere ich mich von meinem wahren Ich, zugunsten eines modeunterworfenen Allgemein-Gemeinen. Dies sollte in der Pädagogik tunlichst vermieden werden. Die Kinder suchen das Ich, das Individuelle, das Authentische im Erzieher. Nur aus dem wahren Ich heraus findet Erziehung, findet Bildung statt und dieses muss in der Physiognomie, in der Mimik, in der Gebärde zum Ausdruck kommen, ohne das diese zugepinselt und verspachtelt ist. Ansonsten fertigen wir das Kind mit geistigen Glasperlen ab, wo es Edelsteine erwartet und auch zu erwarten hätte.
Bestimmt wird es viele Menschen geben, mit Tätowierung auf der Schulter, mit korrigierter Brust, mit glattgebügeltem Gesicht, mit Piercing in der Nase und vorfahrtschildrotem Erdbeermund, die sich gegen diese Ausführungen wehren, denen das zu dogmatisch, zu konservativ, zu unfrei ist, denen sei ein Zitat von Rudolf Steiner entgegengehalten: „…,denn diese Geisteswissenschaft muss einmal in vollem Ernste und in ganzer Stärke Wahrheiten ans Tageslicht bringen, welche die heutige Menschheit einfach nicht mag, ohne welche aber die Fortentwicklung der heutigen Menschheit nicht geschehen kann. Deshalb sausen wir so in die Dekadenz hinein, weil die Menschheit schon aus den alten Denkgewohnheiten ablehnt, was sie eigentlich seelisch zum Fortschritt braucht.“ GA 192, Seite 169.

Rüdiger Keuler,

Himmelfahrt 2004



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