Verfallsprodukte ursprünglich geisteswissenschaftlichen Inhalts

In welchem desolaten Zustand sich die Anthroposophie, nicht als geistige Möglichkeit, sondern als irdische Erscheinungsform, die die öffentliche Meinung prägt, aber auch den Zugang des Individuums zu ihr und seinen gedanklichen Umgang mit ihr gestaltet, befindet, kann man immer wieder an den Veröffentlichungen, die unter ihrem Namen stattfinden, ablesen. Wie unverhohlen bar geisteswissenschaftlichen Inhalts diese sind und immer mehr werden, kann man vor allem an Fund 2 sehen. Für sich betrachtet sind diese „Funde“ nicht so interessant, sie gewinnen ihre Bedeutung erst durch das, was sie uns als Symptom zeigen.

 

Fund 1

Seit Weihnachten 2005 gibt es für die Heilpädagogen eine neue Zeitschrift: „Punkt und Kreis“, Herausgeber ist der Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit, die Redaktion hat Johannes Denger und Manfred Trautwein. Der Titel „Punkt und Kreis“ spielt an auf eine Meditation, die Rudolf Steiner den Heilpädagogen im Heilpädagogischen Kurs geschenkt hat. Es ist also ein anspruchsvoller Titel für diese Zeitschrift gewählt worden.
Wer sich allerdings mit dem Inhalt auseinandersetzt und dabei vielleicht noch irgendwelche geisteswissenschaftlichen Restansprüche nicht vollständig aus seinem Gehirn entfernt hat, wird bitter enttäuscht. Gleich auf der vierten Seite befindet sich ein Gespräch mit Michaela Glöckler zum Thema Jungendhilfe, das man mit einem Wort charakterisieren kann: flach. Dieses Gespräch und sein Niveau stehen beispielhaft für die ganze Ausgabe der Zeitschrift. Muss man tatsächlich als Sektionsleiterin einer geisteswissenschaftlichen Hochschule mit solchen Oberflächlichkeiten seine Zeit vertun, hat man wirklich nichts Inhaltsvolleres zu sagen in einer Zeit, in der sich die Situation in der Pädagogik längst zur Katastrophe ausgewachsen hat? Es lassen sich nicht einmal besondere Stellen zitieren, an denen etwas Falsches gesagt worden wäre, nur muss man solche allgemeinen Platitüden in einer Fachzeitschrift für Heilpädagogen von sich geben, und das auch noch in der ersten Ausgabe? Haben die Dornacher Kardinäle ihren Gläubigen in der Tat nicht mehr mitzuteilen? In der Hauszeitschrift des DM Marktes wäre dieses Gespräch allerdings am richtigen Platz.
Das lässt auf einen traurigen Zustand der heilpädagogischen Institutionen, auf das Verschwinden des geisteswissenschaftlichen Inhaltes aus diesen Einrichtungen schließen. Diese Vermutung wurde durch meine eigenen Wahrnehmungen bestätigt. Aus aktuellem Anlass hatte ich im vergangenen Jahr Gelegenheit, einige dieser Einrichtungen und ihre Mitarbeiter kennenzulernen. Es hat sich tatsächlich die Geisteswissenschaft bis auf hauchdünne Rudimente und einige Fossilien aus diesen Gemeinschaften verabschiedet. Zurückgeblieben sind potemkinsche Fassaden – und keiner merkt es, zu groß ist die Einbindung in das unfreie Geistesleben des Staates und Dornachs. Und je mehr die Menschen Funktionärsstellungen innehaben, umso mehr und umso fester schlafen sie. Ein kaum zu ertragender Anblick. Möglicherweise gibt es ja immer noch oder schon wieder eine Einrichtung, in der die Anthroposophie lebt und ich kenne sie nur nicht, jedenfalls habe ich bisher noch keine gefunden. Zurückgeblieben sind nur traditionelle Formen ohne wirklichen geistigen Inhalt oder Inhalte, die mit Anthroposophie wenig oder gar nichts zu tun haben und die man, in seiner Blindheit, als Fortschritte feiert.
Nun könnte man ja hoffen, dass wenigstens auf den vielen Tagungen außerhalb und vor allem in Dornach noch um geisteswissenschaftliche Inhalte gerungen wird, aber das ist auch schon lange, wie ich mich selbst als Heilpädagoge auf den heilpädagogischen Tagungen vergewissern konnte, nicht mehr der Fall, dort wird größtenteils mit anthroposophischer Terminologie jongliert und die Eitelkeiten gegenseitig befriedigt. Schon als ich noch ein ganz „frischer“ Heilpädagoge war, kursierte unter den Jüngeren, die noch nicht zur Befriedigung der Eitelkeiten nach Dornach fuhren, der Witz, wenn es mal wieder die Suppe mit Fleischinhalt gab, der sich aber nur in jedem zehnten Teller den öffentlichen Blicken offenbarte: Wer das Fleisch findet gewinnt vierzehn Tage Urlaub auf Teneriffa, die ihn nicht finden, müssen zur nächsten heilpädagogischen Tagung.
Aber zurück zu „Punkt und Kreis“, auf der letzten Seite finden wir „Das Letzte“. Eine kabarettistische Darstellung einer Fernsehserie des WDR „Das wirklich wahre Leben live“, in der ein gewisser Dittsche die aktuellen Ereignisse der Welt durch den Kakao zieht und das im fast untersten Proletenmilieu (Halts Maul! Ich will meine Ruhe haben) und damit zur allgemeinen Betäubung und Verdummung der Bevölkerung beiträgt. Ist das der Inhalt, mit dem sich heutige Heilpädagogen in ihrer Freizeit beschäftigen? Wenn nicht, macht diese Glosse in „Punkt und Kreis“ gar keinen Sinn, den jemand der diesen Kram nicht kennt, kann darüber gar nicht lachen, jemand der diese Serien wirklich durchschaut übrigens auch nicht.
Auf der Rückseite dieser Ausgabe steht dann noch ein Zitat von Rudolf Steiner: „Das wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken. Und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen.“ Nach der Lektüre dieser Zeitschrift stellt sich die Frage, nach was sollen denn die heutigen Pädagogen denn noch suchen, nach den Flachheiten die dort dargestellt werden? Und sollen Sie diese Orientierungslosigkeit an die Schüler vermitteln?

 

Fund 2

Aber es kommt noch schlimmer! In der Märzausgabe 2006 von Info3 steht ein Artikel von Sebastian Gronbach „Wenn zwei sich streiten“. Dieser Artikel ist eine Erwiderung auf eine Ausführung von Henning Köhler im vorigen Heft, der eine Kolumne von Sebastian Gronbach zum Anlass für Kritik an Info3 nahm. Es lohnt sich ebenfalls nicht auf diesen Artikel und seinen Nonsens (Textprobe: Live is living) einzugehen, er ist nur eine Mischung zwischen heute üblichen Unverschämtheiten und teilweise abstoßender Anbiederung. Interessant ist nur der letzte Abschnitt. Dort schreibt Sebastian Gronbach: „ Die Stärke meiner Generation liegt darin, Geisteskämpfe auszutragen, ohne diesen Kampf ins Soziale zu übertragen. Sie (gemeint ist Hennig Köhler) und ich, wir schreiben beide gerne Texte und trinken beide gerne Bier. Lassen Sie uns das eine weiter tun und mit dem andern recht bald beginnen. Auf Ihr wohl.“ Wer es nicht glaubt, kann es in der betreffenden Ausgabe nachlesen.
Geisteskämpfe austragen mit der Bierflasche in der Hand? Von was für Geisteskämpfen spricht Herr Gronbach denn? Hat er bei seinem intensiven Studium der Anthroposophie, immerhin hält er Vorträge zu dem Thema „Was Sie schon immer über Anthroposophie wissen wollten“, noch nicht mitbekommen, dass sich Anthroposophie und Alkohol gegenseitig ausschließen? Es sei denn, man beschäftig sich mit ihr so, wie man sich auch mit Sabine Christiansens Talkshow beschäftigen kann (die Firma für Anthroposophie, deren Gründungsmitglied Sebastian Gronbach ist, betreibt ja auch nach seinen eigenen Aussagen Anthroposophie auf Talkshowniveau). Erstaunlich, daß solche Menschen, das gilt tatsächlich auch für Hennig Köhler, dessen selbstverständlichen Umgang mit Alkohohl der Verfasser aus eigener Erfahrung kennt, im Namen der Anthroposophie auftreten und über sie Vorträge halten und Veröffentlichungen herausbringen (auf der Titelseite von Info3 steht: Anthroposophie heute). Sind das die heute tonangebenden Anthroposoffen? Ein wahrlich aussagekräftiges Symptom.
Der große Zerstörer der Anthroposophie von innen, Manfred Schmidt, mit dem selbst beigelegten Zunamen Brabant, hat auch in dieser Hinsicht „gut“ gewirkt. Bei seinem Besuch in den Schulen und Einrichtungen hat er den „Anthroposophen“ „diesen Zahn gezogen“: „Das sei jedermanns private Angelegenheit wie er mit Alkohol umgehe“. So wurde mir erst vor kurzem von einer tief gläubigen „Anthroposophin“ erzählt, die das dann in ihrer Autoritätsgläubigkeit für bare Münze nahm, ohne es zu prüfen, es hatte ja auch der große Vorsitzende gesagt. Es ist selbstverständlich jedermanns private Angelegenheit aber nicht, wenn er mit Kindern arbeitet oder als Anthroposoph öffentlich auftritt, denn es gilt für jede Droge: Anstelle des Ich. Nur aus dem Ich heraus ist jedoch Erziehung möglich und der Zugang zur Anthroposophie ist die Entfaltung des geistigen Wesenkern des Menschen. Durch die Droge jedoch zerstöre ich diesen. Verbieten kann man es natürlich niemanden, aber die Verantwortlichkeiten müssen mehr als betont werden. Übrigens ist es ein uraltes Gesetz, daß der Therapeut, und Herr Köhler ist als Heilpädagoge Therapeut, drogenfrei sein muss. Hier besteht auch der Zusammenhang zu dem im vorigen Kapitel besprochenen. Auch das Fernsehen muss als Droge bezeichnet werden und sein regelmäßiger Genuss verschließt die Tür zu einer anthroposophischen Schulung. Jetzt wird es immer deutlicher, warum es heute so wenig Anthroposophen der Realität nach gibt, man liebt doch seine alltäglichen Drogen über alles.
Aber zurück zu Sebastian Gronbach als Anthroposoph (ihn als Mensch zu beurteilen steht mir nicht zu). Es ist Rudolf Steiner nicht zumutbar, dass er in einem solchen Fall von geistiger Inhaltslosigkeit zitiert wird, ich wende mich daher für die Schlussworte an Wilhelm Busch:

 

Wenn einer der mit Mühe kaum
Geklettert ist auf einen Baum,
Schon meint, dass er ein Vogel wär,
So irrt sich der.

 

Rüdiger Keuler, Juni 2006



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