Die gegenwärtige Situation in der Erziehung

Nachfolgenden Artikel möchte ich Ilona Kesselheim und Achim Scherer widmen, Leiterin einer staatlichen Schule die Eine, Leiter einer Waldorfschule der Andere, die unfreiwillig dazu beigetragen haben, daß ein Teil der nachfolgenden Erkenntnisse zustande kommen konnten.

 

 

Der Verfall der Waldorfpädagogik

 

In dem Zyklus „Aus der Akasha-Forschung, das fünfte Evangelium“ GA 148 schildert Rudolf Steiner in dem Vortrag, der am 5. Oktober 1913 in Oslo, damals Kristiania, gehalten wurde, wie Jesus vor der Taufe im Jordan, also zu der Zeit, als man noch nicht von Jesus Christus sprechen konnte, die damaligen noch vorhandenen Opferstätten des Heidentums aufsuchte. Diese alten heidnischen Opferstätten entstanden aus einem großen, aber atavistischen Wissen des Zusammenhangs des Menschen mit dem geistigen Kosmos und der in ihm wirkenden Wesenheiten. Zur Zeit des Mysteriums von Golgatha befand sich dieses Wissen jedoch schon in einem fortgeschrittenen Verfall. Die Priester, die diese Opferstätten hüten sollten, hatten diese teilweise verlassen und dem Verfall preisgegeben, oder es war zu einer inneren Auflösung gekommen, so daß ganz andere Wesen dort verehrt wurden. Aus der Unfähigkeit, das Wissen zu bewahren und zu behüten, hatte sich der Niedergang bis in die äußeren Erscheinungen vollzogen. Dieser Zusammenbruch der alten heidnischen Weisheit mußte aber über die Menschheit kommen, da diese mit den atavistischen, unbewußt gegebenen Erkenntnissen niemals zur Freiheit hätten gelangen können.

An die Stelle der alten Gottheiten waren, von den Menschen unbemerkt, vielerorts Dämonen getreten, denen nun geopfert wurde und die man verehrte. Die Menschen, die in der Umgebung dieser Opferstätten lebten, waren Krankheiten und Siechtum ausgesetzt, da die Gesundheit spendenden, dem Menschen wohlwollend gegenüberstehenden göttlichen Wesenheit nicht mehr im Zusammenhang mit ihnen standen. „Er (Jesus, R.K.) machte auch die Entdeckung, daß manches Götzenbild, das da angebetet wurde, das Abbild war nicht von guten geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien, sondern von bösen, dämonischen Mächten. Ja, er machte weiter die Entdeckung, daß diese bösen, dämonischen Mächte vielfach übergingen in die Glaubenden, in die Bekenner, die an solchen Kultushandlungen teilnahmen.“ Seite 62.

Die Situation, in der sich die Waldorfpädagogik in der Gegenwart befindet, ist mit dem zu vergleichen, was Rudolf Steiner in diesem Vortrag schildert. Jeder Waldorfleerer meint heute, ohne die geisteswissenschaftliche Erkenntnis der Methode, die er im Unterricht jeden Tag zur Anwendung bringt, oder bringen sollte, auskommen zu können. Damit wird die Waldorfpädagogik dem Zugriff der dämonischen Wesenheiten, die die geistige Substanz nicht selbst schaffen können, aber für ihr eigenes Wirken zum Schaden der Menschheit brauchen, ausgeliefert, da sich die am Fortschritt der Menschheit zum Heil engagierten Wesenheiten zurückziehen müssen. Das Klassenzimmer, welches ein Altar sein sollte, an dem im Namen der Gottheit, aus dem spirituellen Wissen heraus ein Kultus, die Erziehung des Kindes zum Menschsein, sich vollziehen könnte, verwandelt sich dann in einen Raum, in dem sich die Dämonen in der Erziehung tummeln. Wobei wiedereinmal betont werden muß, daß die Anthroposophie kein Unterrichtsgegenstand ist, sondern das Kind aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis dessen, was dieses Kind für eine gesunde Entwicklung braucht, zu einer Entfaltung der besten Kräfte, die in ihm liegen, gebracht werden kann. Diese Dämonen sind natürlich nicht nur im Unterricht, sondern auch im Kollegium, ja in der ganzen Schule vorhanden. Dadurch wirkt das Medium der Erziehung, der Lehrer, krankmachend auf das Kind. Das ist jedoch etwas, was sich erst im Laufe der Jahre bei dem betreffenden Menschen herausstellen wird und dann ist es schwierig den Bezug herzustellen zu dem, was vor vielen Jahren im Unterricht stattgefunden hat, schon deshalb, weil die wenigsten Menschen heute bereit sind, so weitreichend zu denken. Verantwortung in der Pädagogik geht heute viel weiter, als man sich hinter dem Schreitisch seiner Bequemlichkeit träumen läßt. Niemand entbindet mich als Pädagoge aus dieser Verantwortung, ob ich das gewußt habe oder nicht. Es besteht ja heute die Möglichkeit dieses Wissen zu erfahren, jeder der sich innerlich mit den ihm anvertrauten Kindern weit genug verbindet, macht sich ihnen zu liebe auf den Weg, um die mit diesen Kindern verbundenen individuellen menschenkundlichen Rätsel zu lösen. Auf diesem Weg jenseits der Bequemlichkeit hätte er die Antwort auf alle seine pädagogischen Fragen finden können. Diese Anforderung muß in der Gegenwart an jeden Pädagogen gestellt werden.

Auf eine andere Gefahr, die zu demselben Ergebnis führt, hat Rudolf Steiner noch selbst hingewiesen. „Aber luziferisch bleibt die Anschauung, daß man dem Menschen etwas wegnehmen und es dann wie etwas außer ihm Vorhandenes verwerten kann, zum Beispiel, daß man einem Lehrer seine Lehre wegnimmt und sie objektiv in der Welt verwerten würde.“ Aus „Die okkulte Bewegung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur“ GA 254, Seite 195. In diesem Zyklus kommt Rudolf Steiner mehrmals auf dieses Thema zurück. Das aber hat sich an den Waldorfschulen längst vollzogen, man hat die Lehre von dem Lehrer abgetrennt und sie damit den Widersachermächten übergeben. „Rudolf Steiner ist doch längst überholt, man muß das nicht so eng sehen, wir sind hier nicht dogmatisch“, solche und andere Aussagen von Menschen, die sich nicht die Mühe gemacht haben, in das Verständnis der Geisteswissenschaft einzudringen, kann man an jeder Waldorfschule hören. Meistens offenbaren die Lehrer, die solche Verbalkröten aus ihrem Munde springen lassen, schon in ihrer Physiognomie, daß sie inkompetent sind. Das kann man nämlich wahrnehmen, an der Sprache, an der Gestalt, am Blick, an der Haltung und am Ausdruck des Antlitzes, wie weit sich ein Mensch mit der Geisteswissenschaft verbunden hat. In zehn Minuten kann man im Kreise des Kollegiums sehen in wieweit oder wie weit fort die Waldorfpädagogik in dieser Schule lebt. Jeder, der sich auch nur ein Minimum an geistigem Empfinden angeeignet hat, kann das Wirken der Dämonen mit Händen greifen, bildlich gesprochen, sobald er eine dieser Schulen betritt (vielleicht gibt es ja irgendwo in der Antarktis oder auf den Fidschi-Inseln noch eine, wo die geistige Korrumpierung nicht eingetreten ist). Wer allerdings diesem System schon zu lange immanent ist, diese Entwicklung noch nach besten Kräften unterstützt, oder schon durch seine Ausbildung einer solchen dämonischen Übernahme ausgesetzt war, wird eine solche Wahrnehmung jedoch nicht haben können, da gilt dann der Spruch „Der Mensch sieht nur das klar in der Außenwelt, was er mit dem Lichte seines Inneren bestrahlen kann“ Rudolf Steiner, Wahrspruchworte, Seite 196.

Die Kinder nehmen das wahr, wie authentisch sagt man dann, ich würde sagen wie wahrhaftig ein Lehrer ist. Die Lehrer, die sich noch einigermaßen um den inneren Zusammenhang der Waldorfpädagogik bemühten und die, die sich darum nicht scherten und einen zwar dürftig-abstrakten, aber ehrlichen Staatsschulunterricht machten, waren und sind die bei den Kinder beliebten Lehrer. Die Eurythmielehrerin, die Joga machte, wurde gehaßt bis auf Blut von allen meinen fünf Kindern. Die Kinder bäumen sich gegen diese Unwahrhaftigkeit, mit der sie unterrichtet werden, auf. Je mehr sich diese an geistiger Kraft und Stärke aus dem Vorgeburtlichen mitbringen, umso heftiger.

Und wie heißen die Götzen, die heute in der „Waldorfpädagogik“ angebetet werden? Das sind die Georg Kühlewinds, die Henning Köhlers, die Pär Ahlbohms, die Marshall Rosenbergs, die Bert Hellingers, alle diese goldenen Kälber, die nächste Woche eingeschmolzen werden können, um daraus neue Götzen zu schaffen.

 

Zustand der Verwaltungspädagogik

 

Dem gegenüber erhebt sich die Frage, ist der Zustand in der staatlichen Pädagogik denn ein besserer? Aus meiner Erfahrung mit ihr, müßte die Frage anders gestellt werden: gibt es in dieser überhaupt noch etwas, was verfallen kann? Ist eine ungeeignetere Erziehung überhaupt denkbar? Das Wissen um den Menschen und seine Entwicklungsgesetzmäßigkeiten ist dieser Pädagogik völlig abhanden gekommen. Das Menschenbild, das jeder Erziehung bewußt oder unbewußt unterlegt ist, hat sich völlig in die Abstraktion hinein verflüchtigt. Die ganze Pädagogik findet ihren Ausgangspunkt am Schreibtisch, Lichtjahre entfernt von der Realität des Kindes, von der geistig-seelisch-leiblichen Wesenheit Mensch. Das kann man schon daran sehen, daß diese Pädagogik von Ressourcen, von Humanressourcen, von Humankapital spricht. Und je weniger jemand eine Ahnung hat von Pädagogik, umso weiter bringt er es in diesem Schulsystem. Die Kinder werden ihren Einseitigkeiten überlassen oder diese werden noch verstärkt, ihr Elend wird verwaltet. Informieren, trainieren, reflektieren, ermahnen und belehren, etwas anderes findet nicht mehr statt. Ausfüllen, ausmalen, ausschneiden und einkleben, auf diesen Nenner hat es vor einiger Zeit eine Kinder- und Jugendpsychiaterin gebracht, nach dem sie über einige Jahre hinweg den Unterricht an einer staatlichen Schule begleitet hatte. In den 14 Monaten, in denen ich an einer solchen Schule als Unterrichtsbegleiter arbeitete, habe ich nur erleben können, daß der Unterricht auf Grund eines Formblattes, das einem Lehrcomputerprogramm entnommen war, vollzogen wurde. Über schwierige Kinder wird anhand der Aktenlage von Beamten entschieden, die dieses Kind in der Regel selbst gar nicht kennen und auch gar nicht das Bedürfnis dazu haben, da käme man ja ins Grübeln, wenn einem bewußt werden müßte, daß man da über ein Schicksal entscheidet, aber keine Grundlagen dafür hat. Wenn in der Erziehung nur der Kopf, nur abstrakt erzogen wird, so veranimalisieren das Gefühl und der Wille immer mehr. Was dabei herauskommt können Sie überall auf der Straße „bewundern“. Aggressivität, Vandalismus, Animalität, Sexismus, kurz, die Befriedigung der niedersten menschlichen Triebe und Instinkte spielen in der Kultur der Heranwachsenden eine immer größere Rolle, der Fernseher und der Computer tun das Ihrige nach Kräften hinzu. (Hören sie sich einmal eine Unterhaltung zwischen Jugendlichen an, die Sätze sind gespickt mit Obszönitäten und Fäkalien, seinen Kameraden als Wichser anzusprechen gilt in den meisten Kreisen nicht als Beleidigung, sondern als normale Ansprache). Die Vertreter des staatlichen Schulsystems glauben es mit Problemen zu tun zu haben, die von außen kommen, aber noch nicht einmal das kann von allen Pädagogen eingesehen werden, sie verstehen nicht, daß das System selbst ein Teil, ein großer Teil des Problems ist.

Daß Bildung etwas ist, wo an dem Heranwachsenden gebildet wird, wo wir als Erwachsene dort ansetzen müssen, wo wir dem Kind die Möglichkeit geben, sein Wesensgliedergefüge zu entfalten, davon hat ein staatlich verbildeter Pädagoge keine Ahnung. Während seiner Ausbildung hat eine so tiefgehende Prägung, nicht Bildung, seines Gehirns stattgefunden, daß er gar nicht imstande ist etwas anderes zu denken als das, was Vater Staat in ihn hineingestanzt hat. Man kann das durchaus mit Gehirnwäsche vergleichen, beginnend im Kindergarten, fortgeführt in der Schulzeit und vollendet während des Studiums. Zwei Jahrzehnte Zeit, um dem Menschen ein eigenständiges, lebendiges und kreatives Denken, das vielleicht auch einmal dazu kommen könnte sich dem geistigen Verständnis zu nähern, vollständig auszutreiben, ihn zu einem geistig-seelischen Krüppel zu erziehen. Und das Verrückte daran ist, das er es selbst nie merken wird, sondern in Ermanglung der Kenntnis einer anderen Möglichkeit immer in diesem Gleis, auf das er gesetzt wurde, fortrollt und nur mit Wut darauf reagieren kann, wenn er auf die Fehlerhaftigkeit seines Systemdenkens hingewiesen wird.

 

„Wess´ Brot ich ess´,

dess´ Lied ich sing,

und singst du nicht mit mir vereint,

betracht ich dich als meinen Feind.“

 

Da durch diese Art der Erziehung dem Erwachsenen dann der geistig-seelische Wesenskern ausgetrieben wurde und er dadurch ein ich- und individualitätsloser Mensch geworden ist, muß er sich mit dem identifizieren, was er tut und dem er dient. Kritik am System stellt damit auch die Person in Frage, die sich mit diesem System verbunden hat. Diese allgemeine Individualitätslosigkeit wird heute unter dem Begriff „teamorientiert“, „teamfähig“ gesucht und hochgeschätzt. Man hat sein Ich aufgegeben und wird Teil eines „interdisziplinären Teams“.

Die Menschen versuchen heute in Lehre und Erziehung immer wieder und wieder auf die Anschauung hinzuweisen, dadurch das Kind zum Denken zu bringen, Intellektualistisches in dem Kind auszubilden. Dadurch wird allerdings vieles von dem, was das Kind sich durch die Geburt ins Dasein bringt, herausgeholt. Aber das kann doch nur von Nutzen sein, wenn dem Kinde auch entgegengebracht wird für das irdische Leben in der richtigen Weise dieses irdische Leben selber, wenn wir ihm also das, was in Gefühl und Wille unanschaulich liegt, auch unanschaulich durch unsere Autorität, durch unser Vorbild beizubringen vermögen. Und vor allen Dingen schädigen wir das ewige Leben des Kindes, wenn wir nicht Gefühl und Wille ausbilden. Denn das Denken, das wir uns mitbringen durch die Geburt, das findet seinen Abschluß hier in dieser sinnlichen Welt. Das stirbt mit uns. Allein dasjenige, das wir durch Gefühl und Wille ausbilden, was allerdings dann unbewußt sich wiederum mit neuen Gedanken durchsetzt, nehmen wir durch die Pforte des Todes mit. Es wird schon eintreten müssen in unserer gegenwärtigen schweren Zeit für die Menschheit, daß Religion, Erziehung, allgemeines Geisteswesen, das ganze Leben überhaupt wiederum Rücksicht nehmen auf die ewige Natur des Menschen, und dabei nicht bloß auf den menschlichen Egoismus sehen.“ Dieses Zitat von Rudolf Steiner findet sich in „Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse“ GA 209, Seite 50.

Durch eine intellektuelle, eine abstrakte Erziehung, durch das rein kopfmäßige Lernen, wird der Lehrer der Ausbildung des Gefühls und des Willens niemals gerecht. Dadurch schädigt er das ewige Sein des Kindes, welche Konsequenzen hat das für ihn?

Wir müssen uns natürlich darüber im Klaren sein, daß auch bei dieser Art von Erziehung die Dämonen ihre Hand im Spiel haben. „Wir sehen zwar, wie sich zuweilen der moderne Mensch gegen den Ahrimanismus aufbäumt, wie er schimpft gegen die Bürokratie, die ja reiner Ahrimanismus ist, wie er gegen die Schablonisierung des Unterrichtes und so weiter sich aufbäumt – aber in der Regel nur, um etwas tiefer noch in das hineinzufallen, aus dem er heraus möchte.“ Dieses Zitat von Rudolf Steiner entstammt dem Zyklus „Anthroposophie als Kosmosophie Teil II“ GA 208, Seite 61. Bürokratie und Schablonismus haben die staatliche Pädagogik so fest im Griff, daß jeder Unterricht, der lebendig und kreativ ist, als minderwertig, als gegen die Norm verstoßend erlebt wird und damit unerlaubt ist.

Das Krankmachende dieser Pädagogik beschränkt sich nicht nur auf die Kinder, denen das Göttlich-Geistige in ihrem Wesen so gründlich ausgetrieben wird, daß sie dem seelischen Tode anheim fallen müssen, es wirkt auch auf die Pädagogen selbst in dieser Art zurück. Ein großer Teil der Lehrer ist ausgebrannt, leidet an einem latenten Burn-out Syndrom und schleppt sich unter Mühen bis zur Rente hin. Das bringt aber niemand mit dem in Zusammenhang, was er als Gedankengut in sich trägt und als Unterricht an die Kinder heranbringt, das wird mit dem Schwierigsein der Kinder, mit den Anstrengungen des Berufes erklärt.

 

Welche Konsequenzen hat das für den Pädagogen?

 

Ich habe im Laufe meines Lebens genügend „Schreibtischpädagogen“ kennengelernt, die sich auch nicht durch die Feststellung, daß durch eine verfehlte Pädagogik die Kinder in ihrem „ewigen Leben“ geschädigt werden, aus der Deckung des rentenorientierten Sicherheitsdenkens herausbewegen würden. Diese Sorte Pädagogen sind in der Mehrzahl beim Staat sowieso, aber auch in den Waldorfschulen. Der Pädagoge übernimmt jedoch Verantwortung über dieses Leben hinaus. Verantwortung, die sein eigenes Schicksal berührt, im Guten wie im Schlechten. Da nützt es auch nichts, sich dahinter zu verstecken, daß man ja nur eine ausführende Marionette des großen Bruders Staat ist. Es lohnt sich schon, darüber einmal intensiver als gewöhnlich nachzudenken. Nachfolgende Worte gelten sowohl für eine verfehlte Waldorfpädagogik, als auch für eine staatliche Pädagogik der Mainstreaming-Mitläufer. Sie stammen aus der Bibel, aus dem Lukasevangelium, Kapitel 17, Vers 1-3.: „Und er sprach zu seinen Jüngern: Es ist nicht möglich, daß alle Störungen des inneren Werdens vermieden werden. Aber wehe dem, von dem sie kommen. Ihm wäre eher zu wünschen, daß ihm ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde, als daß durch ihn eine Störung des inneren Werdens geschähe, und sei es auch nur für ein einziges zartaufkeimendes Ich (in der Übersetzung von Emil Bock, Verlag Urachhaus).

Es ist ja auch klar, durch seine Erziehung wirkt der Pädagoge tief in das zukünftige Leben des Kindes hinein. Gestaltet dieser sein Wirken in der richtigen Art, so wird das Kind in seinem Leben ganz andere Fähigkeiten und Früchte erwerben können, als wenn ihm diese Möglichkeiten durch Nachlässigkeit, Bequemlichkeit, Interesselosigkeit des Erziehenden verbaut wird. Und das bedeutet immer Lieblosigkeit, denn aus der Liebe zum Kinde arbeite ich an der Veränderung meiner Möglichkeiten, bin auf der Suche nach der Beantwortung meiner menschenkundlichen Fragen und wenn ich diese tief genug empfinde, führt mich mein Schicksal zur Geisteswissenschaft, die mir diese Fragen beantworten kann. Den Ausgleich für dieses Versäumnis muß ich in meinem nächsten Leben schaffen, das was ich dadurch dem Menschen angetan habe, erleide ich im Nachtodlichen, intensiver als wenn ich es selbst im Irdischen erlebt hätte. Dieses Erleben ist die Voraussetzung dafür, daß der Wunsch in mir sich festsetzt, diesen Ausgleich in nächsten Leben zu schaffen, um mich selbst von diesem Makel an meinem Menschsein zu befreien. Die damit verbundenen Leiden lassen sich schon unter Umständen mit dem Ertrinken mit einem Mühlstein um den Hals im Meer vergleichen. Den Ausgleich schaffen zu müssen, für ein durch meine Schuld oder Mitschuld verpfuschtes Leben ist sicher eine, mein eigenes Schicksal belastende Schwere. Zumindest sollte man sich der hohen Verantwortlichkeit, derer man auch nicht durch den Beamtenstatus enthoben wird, tief bewußt sein. Das ganze Sicherheitsdenken, das die Menschen in den öffentlichen Dienst und in das Beamtentum treibt, erweist sich in diesem Zusammenhang als hinderlich für ihr eigenes Karma, da es sie bequem, träge und abhängig macht. Die meisten Menschen verschlafen heute diese schon hoffnungslos zu nennende Situation in der Erziehung, dadurch wird sie aber nicht besser. Als Pädagoge begehe ich dann Fehler, die ich mit dem geisteswissenschaftlichen Wissen vermeiden könnte, als Eltern verstricke ich mich selbst in das Geschehen, da ich das unterlasse, was zu einer Verbesserung der Verhältnisse, in denen mein Kind aufwachsen muß, führen könnte und für uns als Gesellschaft muß man sagen, es rollt eine riesige Lawine an animalischem Verhalten der Heranwachsenden auf uns zu. Die Vorkommnisse in Erfurt (16 Tote durch Robert Steinhäuser), in Emsdetten (40 Verwundete bei dem Angriff eines 18jährigen auf seine ehemalige Schule), Tessin (zwei 16 und 17 Jahre alte junge Männer erstechen, ohne ersichtliche Grund, an der Haustür die Eltern eines Klassenkameraden), oder Siegburg (drei jugendliche Insassen der JVA quälen einen vierten stundenlang zu Tode und die Wärter üben sich im Wegschauen) sind erst der Anfang dessen, was sich in naher Zukunft in eine Flut verwandeln wird, die Taten werden immer schlimmer, die Abstände immer kürzer werden. Die Ursache dafür werden wir in der völligen Unfähigkeit der Erziehenden zu suchen haben, die Erziehung so zu gestalten, daß sie der geistigen Wesenheit Mensch und deren Entwicklungsgesetzmäßigkeiten gerecht wird und zu einem menschenwürdigen Dasein führen kann.

Was also ist zu tun, als Eltern die nach der Schule suchen, die für ihr Kind am besten ist? Wie findet man die Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis? Die Not, für das Kind die richtige Schule zu finden, ist für viele groß. Ich habe mein ganzes bisheriges Berufsleben lang die Waldorfschule empfohlen. Seit ich in den letzten Jahren erlebe, in welch rasantem Tempo sich diese ahnungslos selbst die Grundlagen zerstört, sage ich den Eltern, sie sollen sich selbst ein Bild machen und schauen, wem sie mehr Vertrauen entgegenbringen können. Es handelt sich wirklich nur noch darum, das kleinere Übel zu finden und das ist nicht immer die Waldorfschule. Es blutet mir als ehemaligem Waldorfschüler und überzeugtem anthroposophischen Pädagogen das Herz bei dieser Aussage, aber es ist die Wahrheit. Von dem, was Waldorfpädagogik sein soll und sein kann ist nicht mehr viel übrig. Allzuviele staatliche Pädagogen mit notdürftiger Waldorflasur haben dort ihre Lebensnische gefunden.

 

Der Attentäter von Emsdetten, der 18 jährige Sebastian, hatte damals einen Abschiedsbrief im Internet hinterlassen, den leider niemand ernst genommen hat. Er sprach über den Grund für seinen Angriff und wenn man die Äußerungen einer in Schieflage geratenen Psyche zurechtzurücken versteht, so sprach aus diesem Brief (der jedoch schnell wieder aus dem Internet verschwunden war), ein tiefe Tragik und viel Wahres, welches natürlich kein verbrecherisches Handeln rechtfertigt, aber die Ursachen verständlich machen kann. Er sprach davon, daß die Schule ihm zuerst den Krieg erklärt hätte, sie habe ihm den Sinn des Lebens genommen und in tiefe Verzweiflung gestürzt.

Was haben Lehrer denn für eine Aufgabe, wenn sie nicht imstande sind, dem Schüler den Sinn des menschlichen Daseins zu vermitteln? Und welche Schule kann das denn heute noch zum Ausdruck bringen? Der Mensch als Ansammlung eines Haufen Moleküle, da, um Karriere zu machen und Fun zu haben? Der Mensch als höchst entwickelter Affe? Moralität und Werte für den Friedhof der Atome?

 

In welche tiefe Verzweiflung kann ein Jugendlicher, der sich ja noch in einer labilen Entwicklungsphase befindet, gestürzt werden, wenn er sich dies bewußt machen muß.

 

Wie apathisch muß ein Pädagoge denn schon geworden sein, wenn ihn ein solches Schicksal nicht wachzurütteln vermag?

 

Rüdiger Keuler,  Michaeli 2007, in Zeiten großer seelischer Not



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