Die Mission des Alkohols in der Evolution der Menschheit

Wir leben in einer Kultur des Alkoholkonsums. 9 Millionen Menschen haben in Deutschland laut Statistik ein riskantes Konsumverhalten. 1,4 Millionen gelten als Alkoholiker, 90 000 sterben jährlich an den Folgen dieser Sucht, wobei die Dunkelziffer extrem hoch ist, da der Alkohol auch Ursache für Schlaganfall, Herzinfarkt und anderen Krankheiten ist, deren Zusammenhang mit dem Alkohol nicht sofort offensichtlich ist. Aus den Medien, aus der Politik, aus den Kreisen der Künstler, der Wirtschaft, der Gastronomie ist der Alkohol nicht wegzudenken. Selbst in der Konditorei enthält die Mehrzahl der Torten und Kuchen diese Droge, ja es gibt Berufe, in denen man keine Karriere machen kann, wenn man sich nicht dem Diktat der Geselligkeit, bei dem der Alkohol der in den meisten Kreisen ein Muß darstellt, unterwirft. Wenn Gesellschaften zusammenkommen ist fast ausschließlich der Alkohol im Bunde. Sollte es einer wagen sich diesem unausgesprochenen Gebot zu entziehen, entsteht sofort Druck auf diesen „Außenseiter“. Die weitaus größere Zahl dieser Zusammenkünfte würde nicht zusammenkommen, wenn nicht der Alkohol der „Kitt“ wäre, der die Menschen zusammenhält, er ist gewissermaßen gemeinschaftsbildend auf einer niederen Ebene. Viele Feiern bilden nur den Vorwand, um einen Anlaß zu haben, seinem Genuß zu frönen. Schon die kleinsten Kinder erleben an ihren Vorbildern, daß er es ist, der das Leben erträglich macht, daß er scheinbar Stärke und Größe verleiht. Immer früher kommen deshalb die Kinder zum Alkoholmißbrauch, immer exzessiver wird ihr Konsum. Die Sinnlosigkeit des Lebens, die das Elternhaus und die Schule heute den Heranwachsenden vermittelt, wird damit betäubt, bis zum Narkosezustand. Die Anzahl der Kinder, die mit einer Alkoholvergiftung im hilflosen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden, steigt von Jahr zur Jahr, mit einer beängstigenden Dynamik.

Aber kein materieller Stoff ist ohne Geist und damit ohne Wirkungen, die über das äußerlich Sichtbare und das kurzfristig Erlebbare hinausgeht. Da der Alkohol viele Menschen, Gemeinschaften, ja ganze Kulturen in seinen Klauen hält, müßten uns diese Wirkungen immer wieder beschäftigen, brennend interessieren. Diesmal soll es die Rolle sein, die er beim Gang der Menschheitsentwicklung spielt.

Wir können die Prozesse verfolgen, durch welche der physische Leib vorbereitet wurde, ein Träger des selbstbewußten, des <Ich-bin>-begabten Menschen zu werden. Sogar in der Bibel wird uns das angedeutet: daß derjenige, der Stammvater wird in einer gewissen Beziehung in der nachatlantischen Zeit, daß Noah der erste Weintrinker ist, als erster die Wirkung des Alkohols erlebt. Da kommen wir auf ein Kapitel, das wirklich für manchen schockierend sein kann. Was in der nachatlantischen Zeit als ein besonderer Kultus hervortritt, ist der Dionysosdienst. Sie wissen alle, wie der Dionysoskult in Zusammenhang gebracht wird mit dem Wein. Dieser merkwürdige Stoff wird der Menschheit allerdings erst in der nachatlantischen Zeit zugeführt, und dieser Stoff wirkt auf die Menschheit. Sie wissen, jeder Stoff wirkt irgendwie auf die Menschen, und der Alkohol hat eine ganz bestimmte Wirkung auf den menschlichen Organismus. Er hatte nämlich eine Mission im Laufe der Menschheitsentwicklung; er hatte – so sonderbar das erscheint – die Aufgabe, sozusagen den menschlichen Leib so zu präparieren, daß dieser abgeschnitten wurde von dem Zusammenhang mit dem Göttlichen, damit das persönliche <Ich-bin> herauskommen konnte. Der Alkohol hat nämlich die Wirkung, daß er den Menschen abschneidet von dem Zusammenhang mit der geistigen Welt, in der der Mensch früher war. Diese Wirkung hat der Alkohol auch noch heute. Der Alkohol ist nicht umsonst in der Menschheit gewesen. Man wird in einer zukünftigen Menschheit im vollsten Sinne des Wortes sagen können, daß der Alkohol die Aufgabe hatte, den Menschen so weit in die Materie herunterzuziehen, damit der Mensch egoistisch wurde, und daß der Alkohol ihn dahin brachte, das Ich für sich zu beanspruchen und es nicht mehr in den Dienst des ganzen Volkes zu stellen. Also den entgegengesetzten Dienst, den die Gruppenseele der Menschheit geleistet hat, hat der Alkohol geleistet. Er hat den Menschen die Fähigkeit genommen, in höheren Welten sich mit einem Ganzen eins zu fühlen. Daher der Dionysoskult, der das Zusammenleben in einer Art äußeren Rausches pflegt. Ein Aufgehen in einem Ganzen, ohne zu schauen dieses Ganze. Die Entwickelung in der nachatlantischen Zeit ist deshalb mit dem Dionysoskult verbunden worden, weil dieser Kult ein Symbolum war für die Funktion und Mission des Alkohols. Jetzt, wo die Menschheit wiederum strebt, den Weg zurückzufinden, wo das Ich so weit entwickelt ist, daß der Mensch wieder den Anschluß finden kann an die göttlich-geistigen Mächte, jetzt ist die Zeit gekommen, wo, anfangs sogar aus dem Unbewußten heraus, eine gewisse Reaktion gegen den Alkohol eintritt. Diese Reaktion tritt aus dem Grunde ein, weil viele Menschen heute schon fühlen, daß so etwas, was einmal eine besondere Bedeutung hatte, nicht ewig berechtigt ist.

Es braucht niemand das, was jetzt gesagt worden ist über die Aufgabe des Alkohols  in einer bestimmten Zeit, etwa als für den Alkohol gesprochen aufzufassen; sondern es geschah, um klarzumachen, daß diese Mission des Alkohols erfüllt ist und daß für die verschiedenen Zeiten sich eben verschiedenes schickt. Aber es tauchte auch in derselben Epoche, wo die Menschheit durch den Alkohol am tiefsten in den Egoismus heruntergezogen worden ist, die stärkste Kraft auf, die dem Menschen den größten Impuls geben kann, um wieder den Zusammenschluß mit dem geistigen Ganzen zu finden. Auf der einen Seite mußte der Mensch bis zur tiefsten Stufe heruntersteigen, um selbständig zu werden, auf der anderen Seite mußte dagegen die starke Kraft kommen, die wieder den Impuls geben konnte, um den Weg zum Ganzen zurückzufinden.“ Rudolf Steiner in dem Vortrag vom 23. Mai 1908, „Die vorchristliche Einweihung. Die Hochzeit zu Kana“ abgedruckt in „Das Johannes-Evangelium“ GA103, Seite 91 ff, in der Ausgabe von 1981.

Auch in der Gegenwart sind die Wirkungen des Alkohols deutlich an den Menschen zu studieren, die sich heute noch diesem Genuß hingeben. Der Egoismus, das Herunterziehen in die Materie, das Abschneiden vom Geistigen und die soziale Isolation, die man dadurch versucht auszugleichen, daß man sich zum gemeinsamen Dionysoskult trifft. In jedem anthroposophischen Zweig finden sie die Menschen, an denen sie diese Phänomene beobachten können. Sie haben sich dann jedoch umsonst in diese Veranstaltung geschleppt, da sie sich den Zugang zum Geiste selbst abschneiden. Ich habe bisher acht Stellen gefunden, wo Rudolf Steiner in aller Deutlichkeit zum Thema Alkohol spricht, haben die Öchsleanthroposophen über alle diese Stellen geflissentlich hinweggelesen nach dem Motto die Wahrheit muß sich meinen niederen Bedürfnissen anpassen? Die Aufgabe des Christus wurde vorchristlich durch den Alkohol vorbereitet, seit dem Mysterium von Golgatha verhindert dieser Stoff die Mission des Christus, den Menschen zum Geiste zurückzuführen. Wie der Alkohol den Menschen in der vorchristlichen Zeit aus dem Volksseelenhaften, aus dem Bluts- und Vererbungszusammenhang herausschälte, so manifestiert er ihn in der Gegenwart in Gruppenseelenzusammenhänge, verhindert seine Entwicklung. Deren Zeiten sind aber bereits abgelaufen und an Stelle des Blutszusammenhanges, der heute von ahrimanischen Mächten beherrscht wird, muß die Geistverwandtschaft treten, die nur aus der Freiheit entstehen kann und nicht aus dem Zwang der Drogenabhängigkeit. Solange die Menschheit so geringe Willenskräfte zeigt, sich aus den Fängen des Alkohols zu befreien, wird die Menschheitsevolution nicht weitergehen und der Mensch seinen Weg zurück zum Göttlich-Geistigen der ihm vorgeschrieben ist, wenn er es nicht vorzieht im Schlamm der Dekadenz zu versinken, nicht finden können. Die Mission des Alkohols kann heute nur noch in seiner Überwindung und dem Erwerb der damit verbundenen Willenskräfte bestehen.

 

Bei der Erziehung der Kinder wirken wir durch das Bildhafte bis in das Moralische hinein, nicht jedoch durch Belehrungen und Ermahnungen. Diese sind einem späteren Alter, ab dem zwölften Lebensjahr, vorbehalten, wirken jedoch auch nur dann, wenn der Boden in einem früheren Alter tiefgründig vorbereitet wurde, ansonsten machen wir durch unsere Ermahnungen, Belehrungen und Verbote für den Jugendlichen die Droge erst richtig interessant. Folgende einprägsame Geschichte, die diesen Boden vorbereiten kann und für das Alter um das achte Lebensjahr herum geeignet ist, verdanken wir Jakob Streit. Er erzählt sie auf der Grundlage von biblischen Quellen und den Sagen der Juden, in seinem Buch „Und es ward Licht – Von der Weltschöpfung zur Arche“. Sie ist also nicht ausgedacht, sondern steht in einem menschheitsgeschichtlichen und gesetzmäßigen Zusammenhang. Die Geschichten dieses Buches sind für die kindliche Seele Nahrung und können einen Menschen durch sein ganzes Leben Halt und Wärme gebend begleiten.

 

Der Teufel in Noahs Reben

 

Am Hange des Ararat setzte Noah die Bäumchen ein, die er aus der alten Welt mitgebracht hatte: den Feigenbaum, Olivenbaum, den Mandelbaum. Aber auch die Rebranken steckte er in die Erde, einen kleinen Weinberg zu erhalten. Wie er am Pflanzen war, kam der Satan zu ihm. Er fragte Noah: „Was steckst du da in die Erde?“ Da erwiderte Noah: „ Ein Weinberg ist es, den ich hier anpflanze.“ Fragte der Teufel: „Was wird daraus?“ Sprach Noah: „Süß sind die Früchte der Reben, ob feucht, ob gedörrt. Aus den Beeren wird Saft gepresst, der den Menschen erfreut.“ Da schlich der Teufel von dannen. Über eine Zeit, da Noah fort war, kam der Teufel zurück mit vier Tieren, einem Schaf, einem Löwen, einem Affen und einem Schwein. Er stach das Schaf ab und ließ das Blut in den Weinberg fließen, dann stach er den Löwen, den Affen und das Schwein, und ihr Blut floß in die Erde.

Der Teufel grinste und sprach: „Wenn die Menschen den ersten Becher Wein trinken, werden sie noch dem sanften Lamme gleichen. Beim zweiten Becher werden sie sich stark fühlen wie der Löwe und groß sprechen: Keiner gleicht mir! Beim dritten Becher werden sie trunken und herumtorkeln wie ein Affe; dann wissen sie nicht mehr, was sie tun. Zuletzt, wenn sie immer weiter vom Weine trinken, besudeln sie ihre Kleider und wälzen sich am Boden wie die Schweine.“

So grinste der Teufel und dachte: „Schon hab’ ich etwas in die neue Welt gebracht, das viele auf meinen Weg bringen wird.“

 

Was uns diese Geschichte vermitteln will, entspricht auch den geisteswissenschaftlichen Tatsachen, der Alkohol erhält den Menschen in dem Zustand, in dem er dem Tiere näher steht als dem Menschsein, zu dem er sich erst emporarbeiten muß und woran ihn der Alkohol verhindert. Nur das kann der am wenigsten wahrhaben, der aus seiner Schwäche heraus den Alkohol braucht, um das Leben erst erträglich zu machen.

Der Alkoholgenuß des Gegenwartsmenschen ist durch die Tat, nicht durch die Theorie, eine Ablehnung des Christusimpulses und die Verneinung von zweitausend Jahren Evolution der Menschheit. „An ihren Taten werdet ihr sie erkennen.“ Nicht an ihren Worten.

Rüdiger Keuler

 



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