Denken oder Glaube

Immer wieder wird an mich die Frage herangetragen: Wie kann es sein, daß Menschen, die sich mit der Anthroposophie beschäftigen, trotzdem jedem „Rattenfänger“ auf den Leim gehen? Müßten die Menschen nicht durch die seelischen und geistigen Fähigkeiten, die sie an der Anthroposophie sich erwerben können, davor geschützt sein, in Scharen den Visionen einer Judith von Halle, den Erneuerungsbestrebungen einer Mieke Mosmuller, den Verwandlungen der Geisteswissenschaft in Buddhismus eines Kühlewinds nachzulaufen? Oder den Geistimpulsen einer „Eingeweihten“ namens Ribeira zu erliegen? Dem „Sozial“milliardär Götz Werner an die Leimrute des „bedingungslosen Grundeinkommens“ gehen, welches in seiner Vernunftswidrigkeit kaum zu überbieten ist? Oder dem Spiritismus eines Hermann Keimeyer aufsitzen? Schon immer hat es innerhalb oder außerhalb der Gesellschaft solche Phänomene gegeben, sie ändern sich nur scheinbar im Laufe der Zeit, der Grundduktus der sich durch diese Erscheinungen zieht bleibt aber der gleiche. Die katholifizierte Anthroposophie eines Valentin Tomberg und die sogenannte Tröstersekte seien exemplarisch für die Vergangenheit genannt, es könnten aber noch viele andere Namen genannt werden, die in der Vergangenheit und Gegenwart das Denken der „Anthroposophen“ vernebeln. Wenn wir den Fragen, die uns dadurch entstehen können nachgehen, so stoßen wir auf wichtige Antworten, Antworten die deshalb wichtig sind, weil sie das Verhältnis, welches der Mensch zur Anthroposophie finden muß, beleuchten.

Den Schlüssel für diese Erscheinungen finden wir in dem Denken. Schon öfters wurde darüber im Pelagius Heft geschrieben, daß viele der Menschen, die sich gedrängt sehen sich der Anthroposophie zuzuwenden, dies tun, indem sie dieselbe Seelenhaltung beibehalten, die sie auch den religiösen Wahrheiten gegenüber einnahmen bevor sie zur Anthroposophie kamen oder die sie der Medizin gegenüber einnehmen, den politischen Führern oder den Koryphäen der Wissenschaft. Gemeint ist die Seelenhaltung der Gläubigkeit, des Autoritätsglaubens, der noch niemals so groß war wie in unserer „aufgeklärten“ Zeit. Diese Haltung der Gläubigkeit kommt der Bequemlichkeit der Zeitgenossen sehr entgegen und verhindert die Früchte, die der Mensch aus der Geisteswissenschaft empfangen kann. Dieser Frage widmet sich Rudolf Steiner in dem Vortrag „Über das rechte Verhältnis zur Anthroposophie“, gehalten am 13. November 1909 in Stuttgart, abgedruckt in dem Zyklus „Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien“ GA 117. Dieser Vortrag ist überaus lesenswert. Er ist sehr vielschichtig, ich versuche aus ihm die Teile auszusondern, die für unser Thema wichtig sind, ich empfehle jedoch den Lesern sich dem ganzen Vortrag zu widmen, es lohnt sich. „Jeder soll verstehen, daß es nicht darauf ankommt, Mitteilungen aus den höheren Welten zu bekommen, sondern es kommt darauf an, daß man sie bekommt auf eine Art, die unseren irdischen Verhältnissen entspricht. Jeder sollte darauf achtgeben, daß er die Mitteilungen aus den höheren Welten nicht anders bekommt. Freilich ist die Bequemlichkeit da, einfach zu glauben, was mitgeteilt wird. Das ist aber von großem Übel. Denn, nicht wahr, wenn jemand glauben will, so ist das ungefähr so, wie wenn er sich erzählen lassen will, daß es ein Licht gibt, während er doch das Licht braucht, um ein Zimmer zu beleuchten. Da muß er das Licht haben, da hilft der bloße Glaube nichts. So ist es wichtig, daß man zunächst die Form ergreift, die Form des gewissenhaften, gründlichen Nachdenkens, um durch diese Form zuerst zu empfangen die Mitteilungen aus der geistigen Welt. Erforscht werden können sie nur, wenn man die Fähigkeit des Hellsehens besitzt, aber begreifen kann sie jeder, wenn sie erforscht sind, der sie in der richtigen Weise empfängt.

Wenn man so denkt, dann werden alle Gefahren, die wirklich sonst verknüpft sind mit dem, was man anthroposophische Bewegung nennt, mehr oder weniger dadurch beseitigt sein“ Seite 90, des erwähnten Zyklus, in der Ausgabe von 1966.

Das mag zuerst einmal erstaunen, wie soll ich denn dasjenige was ich nicht sehen kann, anders aufnehmen als auf Glauben hin? Trotzdem sollte sich niemals ein Verhältnis der Gläubigkeit der Geisteswissenschaft gegenüber einstellen. Man kann die durch diese ausgesprochenen Wahrheiten und Tatsachen durchaus verifizieren. Die äußeren Erscheinungen des Lebens bestätigen die mitgeteilten Tatsachen, wenn ich mich auf diese einlassen kann und sie am Leben prüfe und nicht erwarte, alle Fragen sofort beantwortet zu bekommen. Vieles wird dann erklärlich, das sonst rätselhaft bleiben muß, auch vieles von dem, was die Wissenschaft zu Tage fördert, ohne es in einen für die Erkenntnis befriedigenden Zusammenhang hineinstellen zu können. Es ist ein grundlegender Unterschied zwischen den Menschen, die auf der Grundlage der Gläubigkeit oft bis zur Sentimentalität und dem Pathos der Anthroposophie gegenüberstehen und solchen, die ihr aus dem Denken heraus begegnen und dort wo ihr Denken noch nicht hinreicht dieses immer besser zu entwickeln streben, um die geisteswissenschaftlichen Inhalt damit nach und nach umspannen zu können. Gehen Sie in einen anthroposophischen Zweig, gehen Sie nach Dornach, dort begegnet ihnen überall diese Grundhaltung der Gläubigkeit, die eine geradezu schwül wabernde Atmosphäre der Unwahrhaftigkeit erzeugt. Das kann man allerdings den Waldorfschulen nicht mehr vorwerfen, denn dort ist nicht einmal mehr der Glaube vorhanden. Nicht umsonst wurden diese Schulen schon im Jahre 2005 vom „Spiegel“ dafür gefeiert, „daß sie sich von den kruden Ideen des Anthro-Gurus Steiner verabschiedet haben“. Walter Hiller, der damalige Geschäftführer vom Bund der freien Waldorfschulen, bestätigte die Auslassungen des Spiegels. Nirgendwo ist die Gläubigkeit weniger berechtigt als der anthroposophischen Geisteswissenschaft gegenüber. „Besonnenheit kann man sich erringen dadurch, daß man arbeitet da, wo diese Besonnenheit einzig und allein ausgebildet werden kann: durch das Denken des physischen Planes. Verschmäht man es, diese Besonnenheit sich anzueignen, so schwebt man in der Irre. Das ist, was wir uns aneignen müssen, sonst kommen all die Schäden, die notwendigerweise mit dem, was man die anthroposophische Bewegung nennt, verknüpft sein müssen. Wer nur blind glauben will, also alle Mitteilungen aus den höheren Welten auf die bloße Autorität eines anderen hin ohne vernünftiges Denken annimmt, der tut etwas, was sehr bequem ist, aber es hat eine Gefahr in sich. Statt in sich die Sachen zu erarbeiten, statt aus sich heraus nachzudenken, nimmt man das Wissen eines andern, die Dinge, die ein anderer gesehen hat, in sich auf. Man verzichtet, denkerisch zu prüfen, was er mitteilt. Das erzeugt dasjenige, was durch die anthroposophische Bewegung an Schäden entstehen kann. Es darf sich natürlich dadurch niemand abschrecken lassen, sich ihr hinzugeben. Es kann vorkommen bei einem solch blindgläubigen Menschen, daß er sich verliert, daß er nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem, was wahr ist und was Lüge ist.“ Ebenda, Seite 93. „Wer sich das abgewöhnt, der kann auch nicht auf jeden Schwindel und Humbug hereinfallen. Man fällt aber herein, wenn man nicht den Trieb in sich ausbildet, zu prüfen, und sobald man auf bequeme Weise sich eine Überzeugung verschaffen will. Man soll es sich nicht leicht machen. Man soll es in Betracht ziehen, daß es zu den heiligsten Angelegenheiten des Menschen gehört, sich eine Überzeugung zu verschaffen. Wenn man das in Betracht zieht, dann wird man keine Mühe scheuen, wirklich zu arbeiten, nicht bloß hinzuhorchen auf sensationelle Mitteilungen. An Mitteilungen aus der geistigen Welt heraus haben wir wirklich genug, sozusagen, aber es ist auch notwendig, daß man sich die richtige Gesinnung und die richtige Vorstellungsart aneignet, sich zu diesen Dingen entsprechend zu verhalten.“ Ebenda, Seite 94. „Es gibt kein anderes Mittel gegen Täuschung, als das Geschaute erst klar zu denken.“ Ebenda, Seite 84. Wir sollten also weniger die sensationellen Mitteilungen der Geisteswissenschaft aufsuchen und auch dort arbeiten, wo sie unserem Denken geistige Schweißtropfen abverlangt, dort, wo es um die Ausziselierung einer genauen und differenzierten Begrifflichkeit geht, zum Beispiel in „Wahrheit und Wissenschaft“, „Philosophie der Freiheit“, „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“, „Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geistesleben …“, „Die Rätsel der Philosophie“ und andere, dann ist auch das aus der Geisteswissenschaft besser zu verstehen, was über das Sensationelle hinaus große Zusammenhänge zur Darstellungen bringt und über das man so gerne hinwegliest, weil wir es schon wieder vergessen haben, was er am Anfang des Zyklus gesagt hat.

Außerdem stellt Rudolf Steiner in dem Vortrag dar, daß nur das aus den geistigen Mitteilungen eine Bedeutung über dieses Leben hinaus hat, was wir gedanklich durchdrungen haben, auch nur dasjenige, was an geistigen Mitteilungen von Hellsehern hervorgeht, die ihre Schauungen so in Gedanken umsetzten können, daß diese mit dem Denken, das der Menschen im irdischen Leib ausbildet, verstanden werden kann. „Nach dem Tode nützt dem Menschen recht wenig, was er bloß visionär gesehen hat. Ist dagegen eine Tatsache da, fängt er sofort an, sich dessen bewußt zu werden, was er an Mitteilungen empfangen hat, wenn er diese vernünftigerweise begriffen hat. Gerade das hat den Wert nach dem Tode: was man verstanden hat, gleichgültig, ob es geschaut ist oder nicht. Und nehmen Sie den tiefsten Eingeweihten: durch sein Hellsehen kann er die ganze geistige Welt schauen, aber das erhöht seine Bedeutung nach dem Tode nicht, wenn er nicht in menschlichen Begriffen diese Tatsachen auszudrücken imstande ist. Nach dem Tode helfen ihm nur diejenigen Dinge, die er hier als Begriffe hat. Das sind die Samenkörner für das Leben nach dem Tode. Natürlich, wer visionärer Hellseher ist und Denker, der kann es nutzbringend machen, was er visionär sieht. Aber zwei nichtdenkerische Menschen, von denen der eine hellsichtig ist und der andere nur hört, was dieser sieht, sind nach dem Tode in genau derselben Lage; denn das, was wir mitbringen in das Leben nach dem Tode, das ist dasjenige, was wir uns hier erwerben mit Hilfe des scharfen Denkens. Das geht auf als ein Samen, nicht das, was wir herausholen aus den Welten, wo wir hineingehen. Wir bekommen das, was wir aus den höheren Welten empfangen, nicht als ein freies Geschenk, damit wir es dann bequemer haben, wenn wir den physischen Plan verlassen, sondern dazu, daß wir es hier in die Münze dieser Erde umsetzten. So viel wie wir in die Münze dieser Erde umgesetzt haben, so viel hilft uns nach dem Tode. Das ist das Wesentliche.“ Ebenda, Seite 83.

Gerade an dem, wo sich in der Gegenwart die allergrößte Bequemlichkeit breitmacht, am Denken, müssen wir arbeiten. Oftmals wird gerade dort am wenigsten gedacht, wo die Menschen stolz sind auf ihr Denken. Was in den meisten Fällen mit Denken verwechselt wird, ist Vorstellungen bilden, Vorstellungen assoziieren oder das Abspulen dessen, was ihnen als Denkmuster schon seit frühester Kindheit eingeprägt wurde, was nicht die Menschen denken, sondern was ihnen gedacht wird.

Ohne daß der Mensch zu einem selbständigen und freien Denken findet, wird niemals das erreicht werden was die Aufgabe der Erdenentwicklung ist. „Die Götter haben den Menschen entstehen lassen, um das, was sie gehabt haben, auch noch in der Form des Gedankens durch die Menschen zu erhalten. … Und wer nicht denken will auf der Erde, der entzieht den Göttern das, worauf sie gerechnet haben, und kann also das, was eigentlich Menschenaufgabe und Menschenbestimmung ist auf der Erde, gar nicht erreichen. Er kann es nur erreichen in derjenigen Inkarnation, wo er sich darauf einläßt, wirklich denkerisch zu arbeiten.“ Ebenda Seite 80. Schauen Sie sich die Menschen an die sich dieser Aufgabe entziehen, ihnen kann man gar nichts Böses wünschen, ihnen kann man nur Gutes wünschen, denn sie schaffen sich selbst so viel Schwierigkeiten, wie wir ihnen gar nicht wünschen würden.

Als Pädagoge muß es mich interessieren, wie ich diesen Gedanken der Menschheitsaufgabe den Kindern vermitteln kann, denn Anthroposophie kann und darf ich ihnen natürlich nicht in direkter Form lehren, nur das was aus ihr hervorgeht und in andere Formen sich kleiden muß. Dan Lindholm hat dies geschafft in einer Erzählung für die unteren Schulstufen. Nicht nur den Pädagogen sollte eine solche Erzählung interessieren, sondern auch die, welche Kinder oder Enkelkinder haben, alle die, die mit Kindern einen nicht nur oberflächlichen Zusammenhang haben. Es mag auch sein, daß diese dichterische Form manchem hilft, das Ausgeführte besser zu verstehen.

 

Weshalb Gott den Menschen schuf

 

Gott hat die Welt geschaffen und alles was sie enthält – vom geringsten Wurm im Staube bis zur Krone der Schöpfung, dem Menschen.

Die Engel sahen’s und wunderten sich darüber. Besonders eines schien ihnen unverständlich: weshalb hat Gott den Menschen geschaffen? Sie grübelten und forschten, doch es blieb für sie ein Rätsel. Sie meinten, daß Gott den Menschen unten auf der Erde nicht brauchte, nachdem er den Himmel voller Engel hatte. Darüber sprachen sie, und schließlich kamen sie überein, Gott selbst zu befragen. Einer der kleinen nahm sich Mut, schritt vor den Thron des Herrn und fragte: „Himmlischer Vater, sieh, du hast das Haus voll großer und kleiner Engel. Weshalb hast du dann die Menschen geschaffen?“

Als Gottvater das gehört hatte, rief er: „Versammelt euch, ihr himmlischen Heerscharen!“ Dann beugte er sich nieder zur Erde, pflückte eine rote Rose, die sich eben geöffnet hatte. „Seht her“, sagte er zu den Engeln, „wer sagt mir, was ich hier in der Hand halte?“

Aber keiner der zahllosen Engel wußte, was Gott in der Hand hielt. Schweigend standen sie um seinen Thron und wußten keine Antwort zu geben.

Gottvater aber sprach: „Ich habe den Menschen geschaffen, auf daß es in der Welt auch ein Geschöpf gebe, welches weiß, was Gottvater geschaffen hat.“

Rüdiger Keuler, August 2012



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