Gedanken sind für die allermeisten Menschen etwas Abstraktes, etwas Unwirkliches, Schatten, Bilder. Wie sehr diesen Gedanken eine Realität, eine Wirklichkeit, eine Wirksamkeit zukommt, daß diese Realität der Gedanken eine größere ist als zum Beispiel Ihr Bankkonto, als die Bratpfanne in der Sie sich Ihr Mittagessen bereiten werden, das ist nur einem verschwindend kleinen Teil der Menschen klar. Denn Ihr Bankkonto wird spätestens in einigen Jahrzehnten keine Wirklichkeit mehr sein, dagegen werden Ihre Gedanken bis in alle Ewigkeit eine Bedeutung haben und aus ihnen wird sich Ihr weiteres Schicksal gestalten.

Im sechzehnten Vortrag von „Heilfaktoren für den sozialen Organismus“ GA 198 spricht Rudolf Steiner darüber, wie sich im Menschen nach der Geburt ein physisch-leiblicher Abdruck seines Geistig-Seelischen bildet. „Aber von diesem geistig-seelischen Wesen des Menschen bildet sich nach der Empfängnis beziehungsweise nach der Geburt ein getreulicher Abdruck im Leiblich-Physischen, so daß also von dem, was geistig-seelisch ist, ein völliger Abdruck vorhanden ist im Leiblich-Physischen. Alles dasjenige, was im Geistig-Seelischen ist, wird abgedrückt im Leiblich-Physischen. Nun können sie zweierlei erleben. Sie können es erleben, daß die Menschen sich bekanntmachen mit solchen Gedanken, die aus der geistigen Welt geholt sind, wie sie in unseren anthroposophischen Büchern stehen, Gedanken, wie sie die Materialisten für Unsinn halten, wie es die Materialisten für Phantasie halten, wenn man solche Gedanken denkt. Man braucht nicht selbst Geistesforscher zu sein, aber wenn man denkt mit dem Geistig-Seelischen, so ist das Leiblich-Physische der getreuliche Abdruck davon. Wenn man aber in der Gegenwart Naturforscher ist, wenn man im gewöhnlichen Leben mit Verleugnung des Geistig-Seelischen denkt, dann denkt man wirklich mit dem physischen Gehirn, dann wird man nur ein Abdruck der Materialität. Verleugnet man das Geistig-Seelische, dann wird man wirklich Materialist. Also ist der Materialismus richtig, er ist nicht falsch! Das ist das Wesentliche. Man kann es dahin bringen, daß man nicht eine falsche Ansicht vertritt, wenn man den Materialismus vertritt, sondern daß man so in die Materie heruntergefallen ist, daß man wirklich materialistisch denkt. Daher sind materialistische Theorien richtig. Daher ist das wesentlichste Charakteristikum unserer Zeit nicht, daß die Menschen unrichtig denken, wenn sie materialistisch sind, sondern das wesentlichste Charakteristikum ist, daß eben die Mehrzahl der Menschen materialistisch wird, indem sie das Geistig-Seelische verleugnen und bloß mit dem physischen Leiben denken, mit dem physischen Leibe eine Nachahmung, eine Imitation des Seelenlebens hervorbringen. Wir haben, indem wir den Materialismus bekämpfen, es nicht zu tun mit einer bloßen Umkehrung der Theorie, sondern wir haben es zu tun mit einem Willensentschluß, sich loszureißen vom Materiellen, damit wir nicht etwa bloß theoretisch keine Materialisten seien, sondern damit wir in der Materie nicht versinken, damit der Materialismus unrichtig werde. Er ist richtig für unsere Zeit, und er muß unrichtig werden! Darauf muß die Kraft verwendet werden, daß der Materialismus unrichtig werde. Es handelt sich also nicht um bloße Umwendung von Theorien, sondern es handelt sich um innere geistige Taten, die die Menschheit in unserer Zeit zu verrichten hat, um sich der Materialität zu entreißen.“ Seite 270, in der Ausgabe von 1984. Dafür genügt es jedoch nicht, mit dem alten abstrakten Denken nun neue geistige Begriffe zu denken, sondern es muß das Denken so verwandelt werden, daß es die Kraft bekommt sich vom Physisch-Leiblichen loszureißen. Dazu muß das Denken verlebendigt werden. Ansonsten wird das Physisch-Leibliche zum Grab des Geistig-Seelischen und das für Ewigkeiten.

Gerade die religiösen Bekenntnisse haben durch ihre Art, das Geistig-Seelische des Menschen zu postulieren, dazu beigetragen, daß der Mensch das Geistig-Seelische verliert und es mit dem Physisch-Leiblichen begraben wird. „Es ist aber nicht so, sondern gerade dadurch, daß einseitig, theoretisch die religiösen Bekenntnisse durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende das bloße Post-mortem-Leben gepflegt haben, gerade dadurch ist real logisch herangezüchtet worden die Verleugnung der übersinnlichen Welt, dadurch ist gerade der Materialismus in Wirklichkeit herbeigeführt worden. Denn während man im Kopfe sich belehren läßt durch den Glauben über ein Leben nach dem Tode, strebt das Unterbewußtsein danach, dieses Leben mit der irdischen Sterblichkeit zu beschließen. Und während die Kirchen sich bloß zu der Bequemlichkeit entschlossen haben, zu den Instinkten der Menschen über die Unsterblichkeit zu sprechen, wurde in der europäischen Kultur und in ihrem amerikanischen Nachwuchs jener Materialismus herangezogen, der eigentlich im Inneren ganz danach strebt, das Leben mit dem irdischen Sterben zu beschließen.“ Seite 274. Die Darstellung des einseitig geistigen Lebens nach dem Tode züchtet des Menschen Egoismus und seine Passivität. Zu dieser von den Kirchen vertretenen Unsterblichkeit muß die Präexistenz, des Menschen Leben in der geistigen Welt vor der Geburt, treten. Das wirkt dem Egoismus entgegen, da er daran denken muß, aus dieser Welt mit einer Mission von den Göttern auf die Erde geschickt worden zu sein.

Dieses von den Kirchen geschaffene Denken über das Geistige im Menschen ging über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende in die Kultur der westlichen Welt über, es befindet sich im Erbstrom der europäischen und amerikanischen Völker, das nehmen wir über die Erziehung auf, vom ersten Tag unseres Lebens an. Also das was hier gesagt wurde gilt also nicht nur für die religiösen Menschen, sondern für alle Materialisten. „Alle diejenigen Menschen, aus deren Herzen hervorgehen die materialistischen Anschauungen, haben in ihrem Unterbewußtsein eigentlich das allerintensivste Streben, mit dem physischen Tode unterzugehen. Wenn sie sich auch in dem Oberbewußtsein der Illusion hingeben, weil ihr Egoismus nichts anderes ertragen kann, nach dem Tode fortleben zu wollen, ihr Unterbewußtsein strebt darnach, mit dem physischen Tode unterzugehen.

Die Wirklichkeit ist in Wahrheit noch viel ernster. Wenn der Mensch nämlich genügend intensiv durch genügend lange Zeit diese unterbewußte Sehnsucht ausbildet, mit dem physischen Tode zugrunde zu gehen, so geht er auch mit dem physischen Tode zugrunde. Dann hört das, was da als Geistig-Seelisches vorhanden ist und was sich sein Abbild schaffte, auf, eine Bedeutung zu haben; dann vereinigt es sich wiederum mit geistigen Welten und verliert die Ichheit. Das Abbild der Ichheit wird ahrimanisch umgestaltet, und die ahrimanischen Mächte bekommen das, was sie wollen: sie bekommen das irdische Leben in die Hand. Das heißt, ein großer Teil der heutigen zivilisierten Welt strebt darnach, nicht die Zivilisation der Erde fortzusetzen, sondern die Menschen zum Sterben zu bringen und ganz anderen Wesen, als die Menschen es sind, das irdische Leben zu übergeben.“ Seite 275. Der wirkliche geistig-seelische Wesenskern des Menschen geht dann wieder in die göttliche Ursubstanz über aus der er entnommen wurde, um vom Menschen individualisiert zu werden und Ahriman kassiert das Abbild des Geistig-Seelischen, welches im Physisch-Leiblichen geschaffen wurde. Der Mensch wird zu dem, als was er sich denkt, zu Ahrimans Wurm oder zum sich weiterentwickelnden Menschen. Es genügt nicht, bei weitem nicht, sich zu sagen, der Christus wird’s schon richten, es genügt auch nicht zu sagen, ich glaube an einen Gott, ich bin also kein Materialist, es geht darum, ob ich das Geistige so denken kann, daß ich mein Geistig-Seelisches Ahriman zu entreißen vermag. „Dasjenige, was im Menschen Gedanken sind, wird zu Wirklichkeiten, und die materialistischen Gedanken werden nach und nach materialistische Wirklichkeiten. In unserer Geisteswissenschaft handelt es sich aber nicht um Theorien, sondern um Dinge, die im Menschen Wirklichkeiten sind, und solange man das nicht voll begreift, daß es sich um Dinge handelt, die im Menschen Wirklichkeiten sind, so lange begreift man weder die Tiefe anthroposophisch gemeinter Geisteswissenschaft noch begreift man die ganze Schwere der Kulturnotwendigkeiten, die in unserer Zeit geschaut werden sollen. Sie sehen also, unsere Zeit steht vor der Gefahr, die Kultur der Erde zu vernichten, nicht bloß falsche Ansichten zu züchten, sondern in dem Menschen Abbilder dieser falschen Ansichten hervorzubringen und die Menschen von ihrem ewigen Sein wegzubringen.“ Seite 275. Wie weit die Vernichtung der Kultur der Erde, der Menschheit schon fortgeschritten ist, kann jeder sehen, der mit wachem Blick das Geschehen verfolgt. Die Verwesung des Kulturleichnams stinkt inzwischen zum Himmel, die Untoten sind an der Macht. Wer das nicht sieht, bei dem ist der hier geschilderte Prozeß schon weit fortgeschritten. „Nein, wenn der Mensch sein Geistig-Seelisches verleugnet, dann beginnt das Gehirn zu denken wie ein Automat. Und wenn der Mensch nicht will, daß sein Gehirn denkt, wenn er will, daß sein Geistig-Seelisches denkt, dann muß er sich an ein Geistig-Seelisches wenden, das dieses Denken losreißt von der Materie. Denn das Losreißen von der Materie, von dem wahren Materialismus, ist nicht bloß ein Annehmen einer anderen Weltanschauung, sondern ist etwas, was vom ganzen Menschen ergriffen werden muß, durch den ganzen Menschen losgerissen werden muß von dem bloßen materiellen Sein. Denn der Mensch wird nicht nur materialistisch, wenn er Geistiges verleugnet, sondern der Mensch wird materiell, wenn er das Geistige verleugnet. Er wird nur zum Bilde des Geistigen, er wird zum Materiellen, das einfach im Weltenall des Ahrimanischen sich auflösen kann und bloß in der ahrimanischen Welt, bloß als ein unselbständiges, unpersönliches Glied weiter fortzuwirken braucht, während er dazu berufen ist, wenn er in der richtigen Weise das Mysterium von Golgatha versteht, sein Ich zu bewahren und die Erdenzivilisation fortzusetzen.“ Seite 282.

Dann müssen wir das Geistige so weit ergreifen, daß wir die geisteswissenschaftlichen Begriffe mit dem Geschehen um uns herum verbinden können, daß wir mit diesem Lichte verstehen, was heute in den Nachrichten kommt oder in der Zeitung steht, daß wir das Tun der Menschen im neuen Licht zu sehen imstande sind, sogar das, was wir heute an der Oma oder dem Nachbarn beobachtet haben, daß uns auf Schritt und Tritt die Bestätigung der geistigen Erkenntnis in unseren Wahrnehmungen entgegenspringt. Dann jedoch kommt Ihr Leben in Bewegung und wenn Sie nach einiger Zeit zurückschauen, so gewahren Sie diese Veränderung. Ob andere Menschen sie wahrnehmen hängt jedoch davon ab, ob diese Menschen ein Gespür für innere Entwicklung haben. Diese Veränderung muß so weit gehen, daß sie in der Physiognomie sichtbar wird. „Heute ist es schon so, daß ja dieses Prinzip, nicht die Seele des Menschen für sich selber sorgen zu lassen, sondern die Seele von der Kirche besorgen zu lassen, noch nicht zur Ertötung der menschlichen Seele geführt hat. Wenn aber dasselbe Prinzip weiterleben würde, dann brauchte es jetzt nicht mehr lange, dann würden die Seelen mit den Körpern sterben. Heute leben die Seelen der Menschen noch; sie können noch aufgeweckt werden, wenn eine richtige Geisteswissenschaft kommt. In ein zwei Jahrhunderten würden sie das nicht mehr können, wenn nicht eine Geisteswissenschaft käme, wenn nur in der alten Weise fortgefahren würde.“ Diese Worte von Rudolf Steiner stammen aus dem Zyklus „Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker“ GA 353, Seite 136 in der Ausgabe von 1988. Und auf Seite 137steht: „Es mußte schon in unserer Zeit eine Geisteswissenschaft kommen, weil sonst die Menschenseelen ersterben würden.“ Ein Jahrhundert ist seither vergangen. Wohl keiner von uns kann es sehen, ob die Menschenseelen mit dem Körper sterben. Aber was wir erleben können, daß die Kraft verloren wurde Geistiges zu denken, daß die Menschen in Gleichgültigkeit und Lethargie untergehen und je mehr sie von der Materie haben, umso mehr sind sie an diese Materie gekettet. Und mit dem Untergehen des Geistig-Seelischen der Menschen, dem Menschsein, löst sich die Zivilisation auf. Jeden Tag mehr und jeden Tag schneller.

Die Verlebendigung des Denkens, von dem weiter oben gesprochen wurde, geht über den Willen, der Wille muß ins Denken übergeführt werden. Dazu gehört, daß wir nicht nur die anthroposophischen Wahrheiten aufsuchen, die uns so gut tun, die unseren esoterischen Egoismus befriedigen, sondern die Wahrheiten, die Gedankenschulung, bei denen es in den Gehirnwindungen knirscht und kracht, weil wir das Geistig-Seelische vom Materiellen losreißen. Die Berechtigung, Steiners Vorträge lesen zu dürfen, erwerben wir uns an den Grundwerken wie der „Philosophie der Freiheit“, „Wahrheit und Wissenschaft“ „Grundlinien einer Erkenntnistheorie …“ und anderen, sonst baumelt das Vortragswerk illusionär in der Luft und Sie werden zum „Anthroposophen“.

„Natur, dein mütterliches Sein,

Ich trage es in meinem Willenswesen;

Und meines Willens Feuermacht,

Sie stählet meines Geistes Triebe,

Daß sie gebären Selbstgefühl,

Zu tragen mich in mir.

Rüdiger Keuler, September 2019